Lauthals und hemmungslos

Zähne zeigen Lachen hat mit Humor nicht viel zu tun, durchaus aber mit sozialem Status, Rollenmustern, Beziehungsaufbau, und natürlich kichern Frauen anders als Männer. Einige Ergebnisse aus der Forschung über das Lachen

Frauen lachen nachgewiesenermaßen häufig, trotzdem wurde das Lachen der Frauen bislang wenig untersucht. 90 Prozent unseres Lachens hat nichts mit Humor zu tun. Was haben Frauen also so viel zu lachen oder besser: welche Funktionen erfüllt das Lachen?

Lachen ist Ausdruck von Gefühlen oder Erkenntnissen, kann aber auch als Kommunikationsmittel eingesetzt werden. Es ist ein alltägliches Phänomen, das weitgehend unbewusst abläuft und kaum jemandem ist es in seiner Multifunktionalität bewusst. Jede Person hat einen eigenen, unverkennbaren Lachstil, der auf eine Lachsozialisation zurückweist und je nach Kontext variiert.

Lachen wird universell mit Heiterkeit und Freude verbunden, kann aber alle Stimmungslagen ausdrücken, auch Aggression, Angst oder Verzweiflung. Wer kennt ihn nicht, den fließenden Übergang von Lachen in Weinen und umgekehrt? Dass gerade Frauen das Lachen nutzen, um die ganze Gefühlspalette zu äußern, ist nicht nur sozialisationsbedingt. Das Zeigen von Gefühlen generell ist kulturell und geschlechtsspezifisch geregelt, und Frauen obliegt nach wie vor der größte Part der Emotionsarbeit. Lachen als positives Beziehungssignal ist dabei die Basis einer jeder Begegnung. Zudem ist der Ausdruck von negativen Emotionen in westlichen Kulturen weitestgehend sanktioniert. So überlagern Frauen unerwünschte Gefühle mit einem sozial anerkannten Lächeln. Verweigern sie umgekehrt das soziale Lachen, das von ihnen gemäß der herrschenden Frauenrolle erwartet wird, gelten sie schnell als unzufriedene Jungfrauen, als eiskalt, radikale Lesben oder feministische Trockenpflaumen, wie jüngste Studien noch belegen.

Lachen ist eine gesellschaftlich normierte soziale Verhaltensweise, die früh erlernt wird und geschlechtsspezifisch zugeschrieben wird. Jungs spielen die Spaßmacher, auch um Aufmerksamkeit zu erzielen, Mädchen üben sich im Mitlachen, um zu gefallen. Mädchen unter sich lachen und kichern verbindend, Jungs konkurrieren auch im und ums Lachen. Das gilt heute zwar nicht mehr in dem Maße wie früher, - selbstbewusste Girlies und harte Straßenmädchen packen die Ellbogen aus und initiieren das Lachen zunehmend -, ist aber noch weitgehend durch Studien belegbar. Dazu kommen soziale Vorschriften, die für die Geschlechter unterschiedlich ausfallen. Frauen wurden in der Geschichte der Geistes- und Körperkontrolle immer verstärkt Auflagen gemacht, so auch beim Lachen. Lautes und ausgiebiges Lachen war lange Zeit als sexuelles und/oder aggressives Zeichen verboten und ist auch heute noch in "höheren" und formelleren Kreisen sowie Kulturen mit ungleichen Geschlechterverhältnissen ein Verstoß gegen die weibliche Rolle. Eine Körperöffnung zu zeigen galt generell als vulgär und als Zeichen von Promiskuität, weshalb nur hinter vorgehaltener Hand, hinterm Fächer oder schützenden Schleier die Lippen geöffnet werden durften. Huren, ältere Frauen sowie Frauen der Arbeiterschicht bildeten Ausnahmen, denn ihnen wurden andere Funktionen zugeschrieben. Hinter den Verboten steckt die Angst vor der ausbrechenden Sexualität und Triebhaftigkeit, besonders der weiblichen Wesen, die es unter Kontrolle zu halten gilt. Und so stand lange Zeit in den Benimmbüchern für Mädchen, dass sie perfekt perlend und melodiös lachend ihren Mann schmücken und nicht unkontrolliert monoton herauslachen sollen. Auch das hat sich mittlerweile vor allem dank der Frauenbewegungen grundlegend geändert. Frauen lachen heute laut und exzessiv, verweigern das Mitlachen bei sexistischen Witzen und beugen sich nicht mehr den alten Verhaltensvorschriften inklusive der verstaubten Sexualmoral.

Dass Männer noch heute das melodiöse und mäßig laute Lachen von Frauen am attraktivsten finden, ist eine andere Sache.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass das laute und ausgiebige Gelächter mit explosivem Herausbrechen von Emotionen oder unterdrückten Trieben wenig zu schaffen hat - wie vielfach freudianisch angenommen wurde. Linguistische Analysen haben ergeben, dass gerade diese Ausbrüche systematisch vorbereitet und durchgeführt werden.

Im Vorfeld setzt die Person gezielte Ankündigungen durch vereinzelt eingestreute Lacher, sie erhöht die Stimme und beschleunigt das Tempo. Es wird in die Rede hineingelacht, Lachsilben eingebaut, bis dann das große Ablachen erfolgt, das auch körpersprachlich auffällig ist und von einzelnen Nachlachern begleitet werden kann. Das Gelächter kann jederzeit in der vollständigen Verlaufskurve oder in einzelnen Teilen wiederholt werden und andere Personen involvieren, ohne dass diese den Anlass teilen oder kennen. Frauen untereinander pflegen das ausgiebige Miteinanderlachen als eigene Interaktionsform. Das Lachen wird hier von beiden Seiten vorbereitet und zuweilen bis in die Anzahl der Lachsilben, den Lachvokal, Lautstärke und Klangfarbe des Lachens synchronisiert. Die Beteiligten setzen im exakt gleichen Moment mit dem Lachen ein und hören in derselben Sekunde auf. So wird eine starke Verbindung geschaffen.

Zu "häufiges" Lachen sowie Lachen an "unpassenden Stellen" wird auch heute noch schnell als "anormal" eingestuft. Dabei stellt sich natürlich die Frage, was "zu viel" und was "passend" bedeutet - was wiederum kulturell und geschlechtsspezifisch definiert ist. So ist Lachen bei Trauerfeiern beispielsweise hierzulande nicht erlaubt, während es bei mexikanischen Totenfeiern offiziell dazu gehört. Lachen im Theater/Kino/Oper an nicht relevanten Stellen kann zu strafenden Blicken bis zum Raumverweis führen.

Der Humor einer jeden Subkultur ist spezifisch. An welchen Stellen gelacht wird, bestimmt die Gruppenidentität. Jegliches Lachen, das von anwesenden Personen nicht verstanden und aufgenommen wird, bricht ein Tabu. Dahinter steckt Angst - vor dem Ausgelachtwerden sowie vor der Aggression und der Subversion, die dem Lachen innewohnt. Wenn Frauen besonders häufig lachen und über das erwünschte soziale Maß hinaus, ist der Verunsicherungsfaktor hoch und es wird ihnen schnell etwas "Sonderbares", "Hysterisches" zugeschrieben.

Humor hat eine starke therapeutische Funktion, die von hoher sozialer Bedeutung ist und offene Konfrontationen vermeidet.

Nach der "Unterdrückungsthese" sind unterprivilegierte Gruppen und Völker besonders lachfreudig. Oder - sarkastisch gesagt - haben sie das Lachen bitter nötig. Quantitativ gesehen lachen die Völker des Südens häufiger als die des wohlhabenden Nordens, die des Ostens häufiger als die im Westen. Lesben lachen häufiger als heterosexuelle Frauen, nicht frauenbewegte Frauen häufiger als frauenbewegte, Frauen aus der ehemaligen DDR häufiger als die aus der ehemaligen BRD.

Ob die Sonne dabei nicht auch mitlacht, die Statistik färbt oder noch andere Faktoren mitspielen - das bedürfte weiterer Lachforschung.

Fakt ist, dass Lachen eine physisch und psychisch wohltuende Wirkung hat, und "Glückshormone" ausgeschüttet werden, die das Immunsystem stärken. Grundloses Lachen, wie es derzeit im Yoga praktiziert wird, liegt nicht jedem, erfreut sich als Therapie jedoch zunehmender Beliebtheit. Vor allem selbstbezogenes Lachen ist therapeutisch wertvoll, da es von Distanz zeugt und Perspektivenwechsel ermöglicht.

Frauen lachen erwiesenermaßen mehrheitlich selbstbezogen, ihr Humor ist ein "integrativer", der die eigene Person einschließt und weniger auf Kosten anderer geht. Zwar nehmen in jüngster Zeit eindeutig männerfeindliche Witze und aggressiver Humor von Frauen zu, (Er will sich vom Balkon stürzen, was sagt sie zu ihm? - Nimm den Müll mit runter!). Im Alltag jedoch dominiert noch immer der soziale Humor. Eine weitere Besonderheit des weiblichen Lachens ist ein weniger normiertes Lachverhalten - während gesamtgesellschaftlich körperliche Expressivität eher rückläufig ist und Affekte zunehmend kontrolliert werden. In meiner Untersuchung zum Lachverhalten von Frauen beim Thema Shopping und Sexualität zeigten sich Frauen unter 60 wenig beeindruckt von ehemaligen Rollenanforderungen, sie lachten lauthals und scheinbar hemmungslos.

Männer zeigen ein stärker ausgrenzendes und fremdbezogenes Lachen als Frauen.

Naturwissenschaftlich betrachtet, stammt das Lachen vom aggressiven Zähnefletschen ab und hat sich im Laufe der Zivilisation bis zum Zeichen der Zuneigung und Sympathie hin entwickelt. Während Männer scheinbar noch dem aggressiv animalischen Muster verhaftet sind, zeigen sich Frauen demnach als die zivilisierteren und höher entwickelten Wesen. Stärker als Männer setzen sie das Lachen als soziale Geste ein - zur Kommunikation, zur Stressreduzierung und Entspannung von Situationen.

Anhand oben genannter Untersuchung zum Lachverhalten von Frauen beim Tabuthema Sex zeigte sich besonders deutlich, wie das Lachen von Frauen eingesetzt wird. Kaum wurde in Verbindung mit Humor gelacht - vielmehr diente das Lachen dazu, sich des Einverständnisses der Zuhörerin zu versichern und zu markieren, wann die Rede endet und das Gegenüber "übernehmen" kann. Umgekehrt macht die Gesprächspartnerin durch Lachen deutlich, wann sie selbst etwas einwerfen möchte.

Darüber hinaus übernimmt jedes Lachen durch seine Position eine Verstehensanweisung. Bis in die kleinste Lachsilbe hinein betont jedes Lachen genau die belachte Stelle und reduziert damit Missverständnisse. Beispiel: "Das ist eine a-h-alte Liebhaberin von mir" betont die Beschreibung "alt", "Liebha-h-aberin" würde das Liebhaben betonen und hier wiederum das "haben", "von mi-hir" betont meine eigene Person. Starkes oder wiederholtes Lachen weist auf besonders relevante Stellen hin. Andererseits gibt die zuhörende Person durch Lachen Rückmeldung, welche Stellen ihr wichtig oder problematisch erscheinen.

Auch hängt der Einsatz des Lachens vom Gesprächsziel der Personen ab. Interviewerinnen setzen das Lachen beispielsweise stark mit dem Ziel ein, Informationen zu gewinnen, indem sie eine positive Atmosphäre herstellen, während die Interviewten das Lachen stärker zur Verständnissicherung nutzen.

Noch immer wird das "typisch weibliche" Lächeln oder Lachen negativ konnotiert und mit Unseriösität verbunden. Diese Abwertung steht in der Tradition der Geringschätzung von Gelächter und Komik allgemein. "Populäre" Unterhaltung und das verstärkte Bedürfnis nach einer "Spaßgesellschaft" sind aber nicht oberflächlich, sondern eine Form der aktiven Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit. Das Lachen in all seinen kommunikativen, sozialen und entspannenden Funktionen ist um so wichtiger je komplexer die Wirklichkeit und die Beziehungen sind. Deshalb ist es nur gut, wenn zu Beginn des 3. Jahrtausends der "weibliche" integrative Humor stärker zum Tragen kommt - und Frauen lauthals und hemmungslos lachen.

Barbara Merzinger ist Lachforscherin und Sexexpertin. Die Betreiberin von Sexclusivitäten www.sexclusivitaeten.de promovierte über das Thema Das Lachen der Frauen beim Reden über Sexualität und Shopping. Nachzulesen unter www.diss.fu-berlin.de/2005/274.

2007 wird von der Autorin das Buch Das große Lachen. Weibliches Lachen und weiblicher Humor erscheinen.

weiterführende Literatur:

Helga Kotthoff (Hg.): Das Gelächter der Geschlechter. Frankfurt 1988

Michael Tietze, Christof Eschenröder: Therapeutischer Humor. Frankfurt 1998

Dietmar Kamper/Christoph Wulf (Hg.): Lachen-Gelächter-Lächeln. Frankfurt 1986


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.08.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare