Le Grand Corbusier

Baumeister Noch einmal sind sehr spannende Bücher über den Stadtraumphilosophen und Großbaumeister der Moderne erschienen
Lennart Laberenz | Ausgabe 50/2014 2

Als der Amerikaner Nicholas Fox Weber vor sechs Jahren die bislang entschiedenste Biografie über Charles-Édouard Jeanneret-Gris alias Le Corbusier vorlegte, sie hieß Le Corbusier: A Life, schätzte er die Zahl der Monografien über ihn bereits auf über 400. Seitdem sind gerade eben noch einmal etliche Arbeiten hinzugekommen: Zu erzählen gibt es über den Stadtraumphilosophen und Großbaumeister der Moderne also immer etwas. Interessant ist seine Wirkungsgeschichte; das zeigen die anhaltenden Debatten um Prinzipien des Neuen Bauens und Bauformen des Brutalismus. Ein Blick auf die Mitarbeiter des 1887 im Jura geborenen Sohn eines Uhrengraveurs fällt ebenfalls darunter: In den 40 Jahren, in denen Le Corbusier sein Atelier in der Pariser Rue de Sèvres unterhielt, arbeiteten mit ihm weit über 150 junge Architekten. Und mit ihm hieß in erster Linie für ihn arbeiten.

Le Corbusier hielt sich auch bei der Bauausführung im Hintergrund, begutachtete, interpretierte und urteilte streng, ob alles in seinem Sinn verlaufe. Gerade das Spiel aus deklamatorisch vorgetragenen Ideen und einem Ausführungsprozess, bei dem seine Mitarbeiter interpretieren und improvisieren mussten, ist interessant. Hier bedarf es einerseits eines Charakters, der die Dinge anschiebt, andererseits auch williger Jünger, die sich um die Umsetzung kümmern: Die Statik eines solchen Machtgefüges ist nicht unkompliziert.

„Vielleicht war Le Corbusier eine jener seltenen charismatischen Persönlichkeiten, deren Qualitäten – Enthusiasmus, Kampfgeist, idealistisches Streben und prophetische Rede – sie von der Menge abheben und vor allem junge Menschen anziehen“, vermutet Ursula Muscheler in ihrem Überblick Gruppenbild mit Meister_Le Corbusier und seine Mitarbeiter. Zu Le Corbusier, einem Netzwerker avant la lettre, strömten junge Architekten und revolutionär gestimmte Geister von überall, bereit, sich einer karg entlohnten Fron zu unterwerfen, die von einem chaotischen, bisweilen cholerischen, vielen Verstiegenheiten zugetanen Künstlergenie und autoritärem diktiert wurde.

Ein Eigenpropagandaapparat

Le Corbusier begeisterte die junge Garde mit frühen Bauten, vor allem aber mit Schriften zum Purismus. In ihnen rief er zum Ausbruch aus den überkommenen Wohnformen auf und zerschmetterte die mit Tradition schwer ornamentierten Fassaden. Bevor er in den 1950er Jahren vollends zum „Weltbaumeister“ wurde, war seine Eigenpropagandaapparat über etliche Jahre größer als die noch nicht gebauten Wohnmaschinen. Gerade in den schwierigen Zeiten, um die Weltwirtschaftskrise und bis zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, erkennt Muscheler eine Logik im Verhältnis von Le Corbusier zur Jugend seiner Mitarbeiter: Weil sie jung waren, „schienen sie ihm mutig, ernsthaft, enthusiastisch, kurz: fähig zu gläubiger, unbedingter Hingabe an eine Idee und erfüllt von leidenschaftlichem Forscherdrang. Nur sie schienen zu verstehen, dass die würdige Behausung des Menschen zu schaffen einer Mission glich, die von ihren Dienern eine Berufung verlangte, der man sich wie einem Ordensgelübde mit Leib und Seele hinzugeben hatte.“

Muscheler hält sich nicht weiter bei biografischem Material und bauprinzipiellen Einführungen auf, sie streut die wesentlichen Aspekte des Le-Corbusier-Formenuniversums in die Arbeitsepochen ein, erzählt die eine oder andere Schnurre über den Chef. Locker überblickt sie das Verhältnis des Meisters zu denen, für die sich Begriffe wie Jünger, Schüler, Assistenten oder Hilfskräfte aufdrängen: Sie durchforstet die umfangreiche briefliche Kommunikation, die Reflexionen der Mitarbeiter in den jeweiligen Abschnitten, koppelt an die knappen Kapitel kursorische Überblicke über Lebenswege, Bau- oder sonstige Tätigkeiten der wichtigsten Figuren der jeweiligen Epoche. Demnach erklärt Corbusier den Schülern seinen Zufallsfund des Béton brut, kritisiert ihre Arbeiten oder versucht sie für die Akquise von Aufträgen einzusetzen.

Muscheler findet im Verhältnis des Lehrers zu den Schülern eine Antriebsfeder für eine ganze Architekturepoche, prägende Einflüsse für viele später bekannte bis berühmte Architektenkarrieren, wie der des Belgiers Renaat Braem, des Bosniers Juraj Neidhardt, des Franko-Algeriers Louis Miquel, des Kroaten Ernest Weissmann, des Spaniers Josep Lluis Sert, Albert Freys aus der Schweiz oder des sicherlich berühmtesten und freiesten Geistes unter der Herde, des Brasilianers Oscar Niemeyer. Überraschend wenig lesen wir allerdings über den Wandel Le Corbusiers vom funktionalen Puristen zu seiner auch poetischen Formensprache nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wer will, kann zu Muschelers Ausführungen den gerade in einem etwas handhabbareren Midi-Format erscheinenden Band Le Corbusier Le Grand aus dem Phaidon-Verlag legen, es ist gewissermaßen das Hasenbrot des Prachtexemplars von 2008: Der Midi-Band wiegt weniger als die Hälfte des Originals und ist nur preisgünstiger, wenn man sich die gute Leselupe für manche der jetzt auf Miniaturen geschrumpften Faksimiledrucke schon bei anderer Gelegenheit gekauft hat. Mit diesem Band lassen sich viele Projekte, die Muscheler bespricht und entlang derer sie auch die Karrieren der Mitarbeiter illustriert, vergegenwärtigen – man kann sich aber auch verlieren im Bilderreigen des Le-Corbusier-Universums.

Wer näher an die Architektur heranrücken will, muss zwingend den Band Le Corbusier. Béton Brut und der Unbeschreibliche Raum (1940-1965): Oberflächenmaterialien und die Psychophysiologie des Sehens zur Hand nehmen. Es ist der letzte einer auf drei Bände angelegten Generaluntersuchung, die mit dem ersten wichtigen Bau in Sichtbeton, der Unité d’Habitation (1945-1952) in Marseille beginnt und fortan jede Arbeit bis zum Tod des Meisters mit geradezu niederschmetternder Genauigkeit von der Motivation bis in die kapillaren Bauprozesse diskutiert.

Eine genauere Darstellung ist kaum vorstellbar: Roberto Gargiani und Anna Rosellini folgen Le Corbusier ins Atelier und an den Strand, um dort im Sand zu malen, oder bis in die Gedanken zur grafischen Gestaltung der Schalungszeichnungen und dem Umgang mit den Fehlern am Bau. Dabei entsteht das Bild einer gewaltigen Baustelle als entscheidender „Ort der Forschung zu zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen“, auf der Le Corbusier Bezüge zu plastischer Kunst und Raumgestaltung mit Blick auf Jackson Pollock, Picasso oder Rodin herstellt. Gargiani und Rosellini stellen das System Le Corbusier als differenzierten Mechanismus unter leitenden und sich ändernden Ideen des Chefs vor: Von Schnurren ist hier keine Spur.

Nachdem sich unter die Jubelfeiern – etwa zum 125. Geburtstag vor zwei Jahren – gerne despektierliche Beurteilungen zu Le Corbusiers Bauten mischen, ist der Band aus der Edition DETAIL eine wohltuende Rückbesinnung auf Le Corbusiers künstlerische Arbeit und die seiner Mitarbeiter – ohne der Personalitie-Show auf den Leim zu gehen. Dabei wird immer wieder deutlich, wie sehr sich Le Corbusier seinen Bauten über die Psychologie des Blicks, über eine Bild- und Landschaftspolitik näherte.

Politischer Opportunismus

Und gerade bei seiner Bildpolitik kam Le Corbusier zuletzt nicht besonders gut weg: In der Zeit etwa urteilte Daniele Muscionico streng, Le Corbusier sei vor allem ein Propagandist seiner selbst und in der Avantgarde des Neuen Bauens („Hätte er sie nicht entworfen, wäre es ein anderer gewesen“) eher austauschbar gewesen. Wer Le Corbusier Le Grand zu Rate zieht, mag zumindest zustimmen, dass Le Corbusier eine genaue Vorstellung seiner Wirkung auf Bildern hatte. Muschelers kursorischer Blick über die Wirkung, die Le Corbusier auf die jugendliche Begeisterung hatte, lässt erkennen, wie stark sein Eindruck auf seine Schüler war. Indem Gargiani und Rosellini quellengesättigt den Gedanken und Arbeitsschritten an konkreten Bauten nachstöbern, ist Le Corbusiers Reduktion auf einen Narziss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort nicht zu halten.

Auffällig ist allerdings, dass sich Muscheler gerade dort, wo der offenkundige Opportunismus des Meisters in den Jahren des Vichy-Regimes hervortritt, überraschend zurückhält. Bei Gargiani und Rosellini kann man am ehesten verstehen, warum sie auf eine politische Bewertung verzichten. Und doch liegt in der Affinität von Großbaumeistern zu totalitären politischen Systemen viel interessantes Material: Le Corbusier schreibt am Tag von Marschall Pétains Verlautbarung der „Kollaboration“ zwischen Vichy-Frankreich und dem Dritten Reich an seine Mutter, dass er hoffnungsvoll auf Hitlers „Neugestaltung Europas“ warte. Muscheler kennt wohl Fox Webers Darstellung des Briefes nicht, der mit den Worten endet: „Solch eine Revolution wird mit Blick auf Ordnung gemacht und nicht ohne menschliche Bedürfnisse einzubeziehen.“

Auch hat sich Le Corbusier längst nicht immer vom schwärenden Antisemitismus seiner Zeit ferngehalten, schon zu Beginn seiner Karriere in La Chaux-de-Fonds finden sich seltsame Äußerungen („Der kleine Jude wird sicher eines Tages bezwungen werden. Ich sage ,kleiner Jude‘, denn hier kommandieren sie herum, schlagen Krach und plustern sich auf, und ihre Väter haben praktisch die gesamte ortsansässige Industrie geschluckt“). Vielleicht hat die Korrespondenz mit seinen Schülern nicht mehr hergegeben, vielleicht waren sie willig, den Vorstellungen von Raumordnung zu folgen und drückten ansonsten ein Auge zu?

Muscheler berichtet auf jeden Fall nichts über Widersprüche und Reibereien zwischen dem Aufbruchsgeist jugendlicher Mitstreiter und Le Corbusiers dunkler Seite. Sie folgt ihm bei der Deutung, nach der die Zerwürfnisse, die zur Trennung zwischen ihm und seinem engsten Mitarbeiter, dem Vetter Pierre Jeanneret, führte eher privater Natur gewesen seien.

Dabei hatte Tim Benton bereits 2008 in der Kapiteleinführung des großen Phaidon-Bandes formuliert, dass „politische Differenzen“ die Vettern trennten und Le Corbusiers Opportunismus offensichtlich nie Halt vor ideologischer Unterstützung gemacht hatte: „Als ihm klar wurde, dass er keine Aufträge von der Vichy-Regierung zu erwarten hatte, hielt sich Le Corbusier an die Neofaschisten.“ Es scheint, als sei selbst in den über 400 Monografien noch längst nicht alles gesagt.

Literatur

 

Gruppenbild mit Meister _ Le Corbusier und seine Mitarbeiter Ursula Muscheler Berenberg 2014, 200 S., 24 €

 

Le Corbusier Le Grand Jean-Louis Cohen, Tim Benton Midi-Edition, Phaidon 2014, 864 S., 45 €

 

Le Corbusier. Béton Brut und der Unbeschreibliche Raum (1940 – 1965): Oberflächenmaterialien und die Psychophysiologie des Sehens Roberto Gargiani, Anna Rosellini Edition Detail 2014, 600 S., 112 €

06:00 24.12.2014

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