Lebe lieber unsichtbar

Rätselhaft, verschwiegen, schön und streng Zwischen Traum und Realität wohnt ein Einbrecher, der nichts stiehlt in "Bin-Jip" von Kim Ki-duk

Das Fährtenlesen hat in der Stadt nicht aufgehört, nur weil es keine wilden Tiere mehr gibt und keine Pfade und die Straßen aus Asphalt sind. Die tags der Graffiti-Sprayer etwa sind eine Form des Wegweisens: Die überall angebrachten Namenskürzel erklären dem eingeweihten Leser, wo der jeweilige Schöpfer des tag gewesen ist, wie sich der Autor der Zeichen durch die Stadt bewegt hat. Eine andere Form ist das zerbrochene Fenster, an dem die Architektursoziologie eine ganze Theorie festgemacht hat: Wird das kaputte Fenster repariert, ist die Nachbarschaft intakt. Bleibt die Schadensbeseitigung aus, sind Verbrechen, Verslummung und Verödung vorprogrammiert.

Allen Befürwortern dieser Auffassung liefert Kim Ki-duks jüngster Film Bin-Jip Argumentationsstoff. Bin-Jip heißt "Leere Häuser", und um herauszufinden, ob Häuser und Wohnungen bewohnt sind oder leer stehen, hat sich Tae-suk (Jae Hee) als Werbemittelverteiler getarnt. Tagsüber läuft er durch die Stadtviertel und hängt Faltblätter an die Türknäufe. Am Abend kontrolliert er, wer von der Arbeit nach Hause gekommen ist und wer nicht. Wo die Werbung hängen geblieben ist, steigt Tae-suk ein, und um sicherzugehen, dass seine Annahme stimmt, hört er zuerst immer den Anrufbeantworter ab, auf dem zumeist eine Abwesenheitsmeldung hinterlassen ist.

Der Einbrecher sucht nicht nach Werten, die in den Behausungen angesammelt sind, sondern nach Spuren des Lebens, das die Abwesenden hinterlassen haben. Tae-suk richtet sich für kurze Zeit in einem fremden Dasein ein, er synchronisiert seine Aktivitäten mit der Routine, die in den leeren Häusern herrscht. Tae-suk nimmt ein Bad, stöbert nach etwas zu essen im Kühlschrank, wäscht seine Kleidung, schaut fern. Wo ihm etwas nicht passt, korrigiert er das Arrangement: Eine Waage, die ein offensichtlich zu hohes Gewicht anzeigt, nimmt Tae-suk auseinander, um sie so zusammenzusetzen, damit die Gewichtsangabe genehm ist. Der Eindringling deutet das Fremde zum Eigenen um, bis man vergessen hat, dass er der Eindringling ist. Kim Ki-duk erzählt diese Unterwerfung unter einen fremden Alltag und die gleichzeitige Nutzbarmachung einer fremden Einrichtung durch die Ökonomie seiner Schnitte: Wenn Tae-suk in der Nacht schließlich dösend vor dem Spätprogramm des Fernsehens lümmelt, mag man ihn nicht mehr für einen Einbrecher halten. In einer Villa, die er für verwaist hielt, trifft Tae-suk auf Sun-hwa (Lee Seung-yeon), die von ihrem Mann geschlagen wie eine Fremde im Dunkel des eigenen Hauses zurück geblieben ist. Zwischen den beiden entwickelt sich eine wortlose Liebesgeschichte; fortan ziehen sie zu zweit durch die Welt der anderen Leben.

Bin-Jip ist ein stummer Film, sein Protagonist Tae-suk sagt nicht ein Wort. So wie Kommunikation in der Stadt aus Fährtenlesen, Spurensuchen und Telefonanrufen besteht, in denen das unmittelbare Miteinander-Sprechen durch distanzierte Formen der Unterhaltung ersetzt ist, so funktioniert Kommunikation in den Filmen von Kim Ki-duk durch Gewalt, die an die Stelle des Miteinander-Sprechens tritt. Der Einsame ist der Stille, und als Ausbruch aus der Anonymität des modernen, urbanen Lebens dient der Einbruch in fremde Gemeinschaften. Mit seiner Digitalkamera setzt sich Tae-suk ins Bild: Er fotografiert sich vor den Selbstportraits der abwesenden Bewohner und adoptiert sich somit als neues Familienmitglied, zumindest im Album seiner Erinnerungsbilder.

Gewalt kommt in Bin-Jip nicht in der Drastik vor, wie sie Kim Ki-duk in früheren Filmen gezeigt oder angedeutet hatte. Sie variiert das Motiv des Schlagens: Sun-hwa wurde von ihrem liebeskranken Ehemann geschlagen, den Tae-suk wiederum mit abgeschlagenen Golfbällen malträtiert, als er Sun-hwa befreit. Einmal bricht das Paar in die Wohnung eines Boxers ein, der früher als vermutet nach Hause kommt, und seinem Unverständnis über die unbekannten Untermieter den Ausdruck verleiht, den man bei einem Boxer vermuten möchte. In solchen Szenen erscheint der Gewalt zum Trotz oder genauer: erscheint gerade die Gewalt als etwas Heiteres, als feiner Witz, den sich Kim Ki-duk durch die Lakonik seiner Erzählweise gestattet.

"Es ist schwer zu erzählen, dass unsere Welt entweder Realität oder Traum ist", steht als nachgereichtes Motto am Ende des Films zu lesen. Dem Problem, sich für eine Wirklichkeitsauffassung zu entscheiden, entschlägt sich Kim Ki-duk, in dem er den unsicheren Mittelweg wählt. So kann man Bin-Jip auch als Traumerzählung verstehen. Als einen Spuk, der den Einbrecher aus dem Nichts als Antwort auf die Frage nimmt, was sich in einer Wohnung befindet, in der man selbst nicht ist. Was einem in der Einrichtung einer Existenz fehlt, damit sie vollkommen ist. In einer Reprise, nachdem Tae-suk verhaftet worden ist, erscheint er wieder an allen Orten, an denen er zuvor schon gewesen ist, als Gespenst. "Ich liebe Dich", ruft die zwangsweise zu ihrem Gatten zurückgekehrte Sun-hwa diesem Gesicht entgegen, das der gehörnte Gatte fälschlicherweise für sein reales Antlitz hält.

"180 Grad kann der Mensch einsehen", spricht der Gefängniswärter sich den Mut der Logik zu, als er in der nackten Zelle den unsichtbaren Tae-suk nicht finden kann, "also musst du hinter mir sein". Bin-Jip ist ein rätselhafter, verschwiegener, schöner, streng gestalteter Film, der sich an nichts anderem versucht als an der Erkundung dessen, was wir nicht sehen.


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00:00 12.08.2005

Ausgabe 39/2020

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