Lebe lieber wirrer

Roh In „Buch der Zahlen“ quatscht Joshua Cohen ausgiebig mit seinen Doppelgängern

Joshua Cohen ist schon mit Philip Roth und David Foster Wallace verglichen worden. Oft wird dabei auch auf seine Sprachmagie verwiesen. Eine zweifelhafte Magie ist das allerdings: Ob sein Wörterzauber alle Sicherungen im Haus der Fiktion durchbrennen lässt oder das Schreiben in eine neue Dimension transportiert, bleibe unklar, fand die London Review of Books. Und die New York Times nennt Cohen einen Zauberlehrling, der beim Versuch, eine Sardinenbüchse zum Schweben zu bringen, den ganzen Supermarkt in die Luft sprengt.

Cohens jetzt auf Deutsch erschienener Roman Buch der Zahlen hätte genauso gut „Buch gegen die Zahlen“ heißen können. Denn Cohen möchte nichts anderes, als die Vorherrschaft der Wörter beweisen. Dass Zahlen die Welt verändern können, vor allem in Form von Nullen und Einsen, steht wohl außer Frage. Auch für Cohen entscheiden sie über Bedeutendes. Aber erst die Wörter entscheiden darüber, was Bedeutung hat.

Der Roman handelt von einem gescheiterten Autor namens Joshua Cohen, der den Auftrag bekommt, als Ghostwriter die Biografie eines Techmilliardärs – auch der heißt Joshua Cohen – zu schreiben. Eine Doppelgänger-, oder vielmehr eine Drillingsgeschichte ist das, denn irgendwo ist da ja noch Joshua Cohen, der 1980 in Somers Point, New Jersey, geborene Erfolgsautor, den das Granta Magazine zu einem der zehn besten jungen Autoren der letzten zehn Jahre gekürt hat. Dem Ich-Erzähler blieb solcher Erfolg aufgrund von Pech welthistorischen Ausmaßes versagt: Sein Buch über den Holocaust erscheint am 11. September 2001 – um das Judentum geht es in diesem Roman nämlich auch.

Zu viel, zu dicht

Der Erfolg des anderen Joshua Cohen, der im Buch wie Mao der „Große Vorsitzende“ heißt, scheint dagegen von Anfang an gesichert. Als Sohn einer Sprachwissenschaftlerin aus Berkeley und eines frühen Informatikingenieurs ist er ein Wunderkind. Er brilliert in Mathematik, programmiert schon als Teenager auf den allerersten PCs und entwickelt bereits als junger Student einen der ersten Suchalgorithmen. Diese Begabung hat allerdings einen hohen Preis. Er interessiert sich für Zahlen, für Logik, für Ordnung. Die Menschen bleiben ihm fremd. Trotz Geld, Ruhm und Erfolg scheint er ein gebrochener Mann zu sein.

Gebrochen ist auch der andere Cohen. Nachdem sein Roman gescheitert ist, schreibt er jahrelang vor sich hin. Als Literaturkritiker kommt er gerade über die Runden, doch der Groll lässt ihn nicht los. Die Ehe mit einer Marketingmanagerin geht in die Brüche. Der erfolglose Schriftsteller und Ehemann spioniert zwanghaft der Ex hinterher, er ertrinkt in Selbstmitleid und im Strom der Internetpornografie. Beide Joshuas bemühen sich, ihrer Verzweiflung zu entkommen. Der Silicon-Valley-Milliardär dadurch, dass er sich dem Buddhismus zuwendet. Anfangs findet er in der Leere Trost, er entdeckt hier aber letztlich wieder nur den Kapitalismus: „Die Geistesverwandtschaft von Buddhismus und Kapitalismus. Wie gut sie zueinanderpassten in ihrer Anpassungsfähigkeit.“ Der Seelenkörper ist ein Konstrukt, die Meditation ein Interface ohnegleichen. Arbeit und Suche nach innerer Ruhe befinden sich im Einklang. Blöd nur, dass Cohen trotz allem so unzufrieden und alleine ist.

Der gescheiterte Autor will nicht ins Leere. Er will zu Wort kommen, will, dass aus Sprache etwas Bezauberndes wird. Ob er das schafft, zwischen den Verlockungen des Porno (Keywordsuche Natalie Portman!) und den Ärgernissen der dauernden E-Mails, bleibt aber fraglich. Meistens gelingt es nicht.

Das über 750 Seiten lange Buch besteht zum großen Teil aus Korrespondenz, Notizen und Interviews mit dem Doppelgänger, rohen Entwürfen. Oft wirken sie überlang, ja langweilig. Sie wiederholen sich, verlieren sich. Es ist zu viel. Zu dicht. Oft witzig. Oft sehr kompliziert. Das Ganze könnte locker ein paar hundert Seiten kürzer sein, denkt man sich, aber genau aus dieser Langeweile, diesen gescheiterten Versuchen besteht ja das Schreiben. Man kann das beim Lesen miterleben. Da ist Verzweiflung, Ablenkung, Langeweile. Das ist sicher nicht für jeden etwas. Dafür beschert einem die Lektüre manchmal die Freude einer brillanten Formulierung – Robin Detjes Übersetzung enthält fast so viele davon wie das Original. Schon darum lohnt sich das Lesen, obwohl der Zauber woanders herrührt. Wie jede Magie lässt sich das schwerlich erklären. Es hat damit zu tun, dass man sich nie alleine fühlt beim Lesen. Denn irgendein Joshua Cohen ist immer bei uns.

Buch der Zahlen Joshua Cohen Robin Detje (Übers.), Schöffling & Co 2018, 752 S., 32 €

06:00 02.02.2018

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