Lebe wohl, lustig frivole Metzgerin

Alltag In den Thermalbädern Budapests wird nach Geschlechtern getrennt gebadet, und ungezwungen war bislang der Dresscode: Nackt. Doch damit scheint es jetzt vorbei zu sein

Budapest ist eine sprudelnde Metropole: Über 100 Thermalquellen liegen auf dem Gebiet der Stadt. Täglich blubbern über 80 Millionen Liter mineralstoffreiches Wasser daraus hervor. Schon die Römer badeten hier. Und richtig populär wurde die Badekultur mit der türkischen Besetzung im 16. und 17. Jahrhundert.

Frauentrakt im Budapester Thermalbad Gellert. Lauter nackte Frauen. Sie entspannen sich unter der türkisch anmutenden Kuppel des Jugendstil-Bades. Ungarinnen und Ausländerinnen. Junge und Alte. Schlaffe und Straffe. Schwangere, trainierte und ausgeleierte Bäuche treiben im wohlig warmen Wasser umeinander. Von den Holzpritschen der Dampfsauna baumeln rasierte und unrasierte Beine herunter. Sitzen und Schwitzen. In der Luft etwas Schwefel. Gedämpfte Gespräche. Ein Glucksen von Wasser. Verhaltenes Schauen.

Die Vielfalt der Frauenkörper vermittelt eine kosmische Stimmung: Sein, Werden und Vergehen rücken ins Bewusstsein. Solche Gefühle sind nun rar geworden in Budapests Bäderwelt. Sie verflüchtigen sich angesichts einer neuen, nie gekannten Schamhaftigkeit unter den Badegästen.

Zwar wird im Gellert - ebenso wie in den meisten anderen Thermalbädern der ungarischen Hauptstadt - auch im Jahre 15 nach der Wende noch nach Geschlechtern getrennt gebadet. Ausziehen mögen sich die Frauen aber dennoch nicht mehr. Züchtig trägt die Frau Bikini oder Badeanzug, sogar in der Sauna.

Passé sind die Zeiten, als es für jede am Eingang zum Thermalbad ein knappes Schürzchen gab. Das schmale weiße Baumwolltuch mit den zwei langen Bändern war dazu da, den Kabinenschlüssel zu befestigen. Wer sich den Schurz umband, schaute wie eine lustig-frivole Metzgerin aus. Der Latz der Badeschürze war so schmal, dass die Brüste der Frauen rechts und links herauswinkten. Heute will sich diese Blöße niemand mehr geben. Die Schurze liegen - aufgefaltet zu nutzlosen Stoff-Stapeln - in den Regalen.

Mit der Internationalisierung der Bäder hält die Prüderie Einzug. Schamhaft bewegen sich die Touristinnen zwischen neu angebrachten grell-orange-phosphoreszierenden englisch beschrifteten Hinweis-Pfeilen. Vor zehn Jahren, als der Kapitalismus in Ungarn noch frisch war, konnte es passieren, dass Touristen die Bäder der Hauptstadt aufsuchten, ohne die eigentliche Thermalabteilung zu finden. Die verschlungene Architektur der Gebäude und die exotische Sprache erschwerten die Orientierung.

Wer etwa im Gellert nach dem Thermaltrakt suchte, musste im allgemein zugänglichen Sport-Schwimmbad eine unauffällige kleine Tür finden. Hier galt es zu klingeln. Nach einer Weile tat sich die Tür mit viel Schlüsselbundgerassel auf und eine unwillige weiß bekittelte Frau in Badeschlappen schaute einen an. "Thermalbad bitte", stammelte der Badegast. Und das war schon absurd genug, denn was sonst sollte man an dieser Tür wollen? Doch die seltsame Prozedur ging noch weiter: Die Schlüsselfrau kontrollierte das Zugangsbillett. Und dann sperrte sie die Tür zum Thermalbad wieder ab - ohne einen einzulassen. Und wieder vergingen lange Minuten, bis der Weißkittel-Zerberus die Tür erneut öffnete. Erst jetzt war man drin.

Dieser real-sozialistischen "Macht-der-kleinen-Leute-Demonstration" wird sicher niemand hinterhertrauern. Nachdenklich macht allerdings, dass mit den durch internationale Hinweispfeile erleichterten Zugangsbedingungen auch die entspannte Bade-Atmosphäre verschwunden ist. Wie konnte es dazu kommen? Warum wird selbst in geschlechtergetrennten Thermalabteilungen nicht mehr selbstverständlich nackt gebadet? Ist der Kapitalismus prüde? Ist Nacktheit etwa sozialistisch? Will sich die moderne Frau nicht naturbelassen als Gleiche unter Gleichen zeigen? Oder haben die zahlreichen US-amerikanischen Touristinnen durchgesetzt, dass es auch in Ungarn ebenso züchtig-sittlich zugehen muss wie daheim in den USA, wo auch angekleidet gesaunt wird?

Vielleicht drückt der Schwimmanzug auch eine Verweigerung aus. Immerhin stellt der nackte weibliche Körper in der kapitalistischen Warenwelt eine konstante Versuchung dar. Wird er hier deshalb streng verhüllt? Sehnen sich Frauen angesichts allgegenwärtiger Nacktheit nach Diskretion und Intimsphäre?

Früher im Sozialismus gab es nichts zu Markte zu tragen - bis auf die eigenen körperlichen Reize. Jetzt, im Kapitalismus, wird alles zu Markte getragen. Vielleicht ist die Verweigerung, sich dann auch noch selbst zu entblößen, eine Folge davon. Wer weiß? Offenkundig jedenfalls wird zeitgleich mit der Wirtschaft auch der weibliche Körper privatisiert.

Möglicherweise ist die moderne Frau zu rational für die Romantik der Nacktheit. Zivilisationsverdammung durch Entblößung ist ihre Sache nicht mehr. Und ohnehin gibt es ja im Zeitalter der kosmetisch-operativen Nachbesserung keine natürliche Nacktheit mehr. Kunststoff unter oder Kunstfaser auf der Haut - was macht das schon noch für einen Unterschied?

Der Einzug der Schamhaftigkeit begann damit, dass die ungarischen Rentnerinnen wegblieben aus den Thermalbädern. Sie konnten sich die gestiegenen Eintrittspreise nicht mehr leisten. An ihrer Stelle strömten mehr und mehr Ausländerinnen herbei, allen voran junge Amerikanerinnen. Mit den speziell auf die weiblichen Geschlechtsorgane zugeschnittenen hufeisenförmigen Dampfhockern und Heißwasserstrahlern wussten sie nichts anzufangen. Und Nacktbaden war für sie ein Tabu.

Die für europäische Begriffe extreme Prüderie der Amerikanerinnen hat eine lange Tradition: Im spärlich besiedelten amerikanischen Exil ließ sich mehr von der puritanischen Körperfeindlichkeit umsetzen als im vergleichsweise dicht bevölkerten Europa des 17. Jahrhunderts. Wahrscheinlich geriet der good old Pilgrim-Father-Mann aufgrund seiner abgeschiedenen Lebensweise auch schneller in erotische Wallungen. Aus Sicht der Frauen ein Grund mehr, Freizügigkeit im Dresscode zu vermeiden.

Marilyn Yalom, Autorin des Buches A History of the Breasts, hat herausgefunden, dass in den USA von der unbewiesenen Annahme ausgegangen wird, dass Männer beim Anblick der nackten Brust ihre Kontrolle verlieren. Selbst dann, wenn die Brust ein Kind stillt oder harmlos sonnenbadet. Daher ist es der Amerikanerin offenbar ein Grundbedürfnis, sich zu verhüllen. Warum sie sich aber selbst dann nicht ausziehen mag, wenn sie sich unter Frauen aufhält, bleibt rätselhaft. Hat sie Angst, zum Objekt lesbischer Begierden zu werden? Oder ist ihr der Gedanke an einen männerfreien Rückzugsraum fremd? Oder fühlt sie sich durch die englisch beschrifteten Hinweistafeln gar zu Hause in Budapest?

Als ich einer Bikini-Amerikanerin erzähle, dass im Gellert früher nackt gebadet wurde, sieht sie mich verwundert an. "Oh, didn´t know that. Is it different now?" Eine andere antwortet auf die Frage, warum sie sich nicht nackt auszieht, sie als Amerikanerin sei es gewohnt, ihren Körper als Privatsache aufzufassen. "It´s not public".

Doch nicht nur die Optik, auch die Akustik hat sich verändert im Frauenbad: Wer früher selbstvergessen laut plauderte, wurde alsbald von einem Weißkittel-Zerberus zur Ruhe ermahnt. Heute ist der Lärmpegel durchgängig hoch. Lauthals rufen zwei Bikinifrauen zum wiederholten Mal die Namen ihrer Freundinnen, die sie im Getümmel aus den Augen verloren haben. Scherzworte und Witze fliegen hin und her, ohne dass jemand Anstoß nehmen würde. Amerika - das Land der freien Meinungsäußerung eben.

Gleichzeitig aber sind die USA doch die Geburtsstätte der Frauenbewegung, der Hippies sowie der Lesben- und Schwulen-Emanzipation. Vor diesem Hintergrund bleibt es seltsam, dass dieses Land dem Konservativismus des Nahen Ostens, etwa dem des Iran, in mancher Hinsicht ähnlicher zu sein scheint als Europa. Aber wie war das noch? Das, was einem am ähnlichsten ist, bekämpft man am leidenschaftlichsten.


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00:00 29.10.2004

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