Leben auf dem Gewissen

Trauma Sie haben alltägliche Jobs, aber mit hohem Risiko: Sie können den Tod verschulden. Ein Arzt, ein Polizist und eine Lokführerin erzählen über ihre traumatischen Erlebnisse

Martin Gundel*, 52, Chefarzt einer chirurgischen Abteilung

„Wenn wir hier Todesfälle erleben, dann sind das Situationen, auf die wir meistens irgendwie vorbereitet sind. Operationen, bei denen ich mich davor schon frage: 'Geht das gut?' Das absolute Desaster für einen Arzt ist es, wenn er überhaupt nicht damit rechnet. So wie am 25. Juli 2003.

Meine Frau und ich verabschiedeten uns wie jeden Morgen mit einem Kuss, ich ging zum Auto und musste noch fünf Minuten warten, bis zwei von unseren drei Kindern – die zwei älteren – fertig waren. Ich brachte sie immer zur Schule, bevor ich in die Klinik fuhr. Die Sonne schien, ich freute mich auf den Tag. Meine erste Operation war für mich reine Routine, eine, die ich als Chef der chirurgischen Abteilung x-mal im Jahr vornehme. Mit der Patientin, einer 28-jährigen Frau, hatte ich im Vorfeld geklärt, dass der Eingriff mikroskopisch sein würde, die Schnittstelle also nur ganz klein wäre, und dass sie am selben Tag schon wieder nach Hause gehen könnte. Ich sagte ihr auf dem Flur der Klinik „Guten Tag“, als sie sich gerade von ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter verabschiedete. Ihre Operation verlief völlig normal, dauerte 90 Minuten. Nachdem ich etwa eine Stunde danach den Aufwachraum betrat, strahlte mich die junge Frau schon wieder an. „Alles prima gelaufen!“, teilte ich ihr mit. Doch zwei Stunden später war das anders: Die Frau hatte plötzlich massive Kreislaufprobleme auf Grund einer inneren Blutung bekommen. Wenn das nach Operationen passiert, dann öffnet man normalerweise den Bauch des Patienten und stellt fest, ob und wo eine Arterie gerissen ist oder was verletzt wurde und näht die Stelle. Die Ärmste, dachte ich noch, davon würde sie eine richtige Narbe bekommen.

Zwei weitere Fachärzte und ich standen um 16 Uhr über die Frau gebeugt. Wir schnitten sie auf. Da schoss uns das Blut entgegen! Doch wo war die Quelle? Woher kam das ganze Blut? Es stieg im ganzen Bauchraum immer höher und höher. Wir suchten. Plötzlich sagte der Anästhesist: „Hier oben wird es jetzt langsam kritisch.“ Die Blutkonserven waren fast aufgebraucht. Der Schweiß trat mir auf die Stirn. Wir wandten alle modernen Methoden und Geräte an, mit denen man eine solche Quelle sucht: Laser, Kameras und Spiegelungen. Wir konnten nichts entdecken! Endlich hörte ich die Sirene des Bluttransportwagens draußen. Mit den neuen Konserven gelang es uns, den Zustand der Frau zu stabilisieren. Sie hörte langsam auf zu bluten! Wir nähten sie wieder zu – die Quelle hatten wir allerdings nicht bestimmen können.

Auf der Intensivstation sollte sie zunächst weiter beobachtet werden. Wir dachten, sie würde sich erholen, aber nach einer Stunde ging es erneut los: Wir mussten sie sofort wieder aufschneiden. Ihr Zustand war schon so kritisch, dass wir sie nicht einmal von der Intensivstation nehmen konnten. Ohne noch OP-Klamotten zu holen, öffneten wir ihr direkt an der Bettkante den Bauch. Wir mussten die Blutung stillen. Endlich ihre Ursache finden! Wir kämpften. Die Stunden vergingen. Wir brachten sie in die Radiologie. Vergeblich – auch auf den Röntgen-Aufnahmen war die Quelle nicht zu entdecken. Die Frau blutete und blutete. Ich konnte nicht aufgeben. Ich wollte nicht.

Um halb zwei morgens war sie tot.

Mittlerweile waren ihre Mutter, ihre Schwester und ihr Mann vor der OP-Tür. Als ich hinaustrat, musste ich gar nichts mehr sagen. Sie sahen mir an, was los war. Der Mann trat auf mich zu und umarmte mich. Das spüre ich heute noch. Dann kam – Gott sei Dank – gleich der Pfarrer und übernahm das Gespräch mit der Familie. Ich wäre nicht mehr in der Lage dazu gewesen. Hätten sie mich umbringen wollen, ich hätte es verstanden.

Ich fuhr nach Hause, ging ins Schlafzimmer, ließ mich noch voll bekleidet neben meine Frau auf das Bett fallen und sagte: „Sie ist tot.“

Wir wissen bis heute nicht, woran sie gestorben ist. Der Fall wurde juristisch aufgearbeitet. Ich hatte gehofft, dass der Rechtsmediziner sagen würde: „Hier war das Problem, ihr habt falsch hingeguckt!“ Dann könnte ich es lernen. Dann wüsste ich es. Die nächsten zehn Operationen dieser Art habe ich unkonzentrierter gemacht als jede einzelne der vielen tausend zuvor – immer in der Angst, dass gleich etwas Unvorhersehbares passieren könnte. Aber diese Unsicherheit ist nichts im Verhältnis zu dem Wissen, dass diese Frau noch leben könnte, wenn ich sie nicht operiert hätte. Ein Kind hat seine Mutter verloren. Und selbst wenn ich alles Fachliche richtig gemacht habe, ich bin verantwortlich dafür, dass meine Patientin gestorben ist.

Wir Ärzte lernen, Erfolg zu haben, zu heilen. Wir lernen nirgends, wie wir mit unserem Misserfolg umgehen sollen. Gerade ich schien immer so stark – und dann plötzlich war ich ganz klein und brauchte Liebe und Zuneigung: Ein paar Wochen nach dem Todestag kam einmal einer unserer Nachbarn, den ich nur flüchtig kannte, zu uns herüber. Er hatte mitbekommen, was geschehen war. Ich stand im Garten. Er ging auf mich zu, dieser riesengroße Mann, und nahm mich einfach in den Arm: Wie ein Kind hielt er mich fest.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die junge Frau denke. Ich operiere ungefähr 1000 Menschen im Jahr. Da fällt es mir normalerweise schwer, mich an irgendeinen Patienten zu erinnern. Doch selbst wenn ich später im Altersheim sitzen und nicht mehr wissen werde, welchen Beruf ich einmal hatte – diese Patientin werde ich nie vergessen.“

*Name von der Redaktion geändert


Angelika Huber (*), 33, Lokführerin

„Dass sich irgendwann einmal jemand vor Deinen Zug werfen könnte, daran denkt man als Lokführer immer. Doch dass es mir so schnell passieren könnte, damit hätte ich nie gerechnet – schließlich war ich an diesem Tag doch gerade erst drei Jahre lang im Dienst.

Um halb drei war ich aufgestanden, mit dem Fahrrad zum Nachtbus gefahren. Um halb fünf bestieg ich in Hamburg-Altona meinen Führerraum. Ich fuhr los. Hinter Hamburg-Harburg konnte ich den ICE beschleunigen. Wir rasten durch die dunkle Nacht. Es war viertel nach fünf; der nächste Halt sollte erst wieder Hannover sein. Doch es kam anders:
Direkt hinter dem Bahnsteig in Ashausen sah ich plötzlich einen großen Schatten auf den Gleisen. Im selben Moment gab es einen Schlag. Mit 200 Km/h! Keine Chance zu bremsen. Was war das? Diese Statur! Oh Gott – es war eindeutig, es war ein Mensch! Ich musste bremsen, eine Bremsung einleiten. Ich meldete mit brüchiger Stimme: 'Ich glaube, ich habe jemanden überfahren.' Endlich stand der Zug. Ich war allein in meinem Führerraum.

Die Gleise wurden gesperrt, die Zugbegleiter sprangen raus, um nachzusehen. Einer kam zu mir, berichtete: Die ganze Bugspitze war kaputt durch den Aufprall; Kleidungsstücke und Hautfetzen hingen in den Rädern. Polizei und Feuerwehr trafen ein. Es dauerte zweieinhalb Stunden bis wir zum nächsten Bahnhof, nach Winsen vorfuhren, wo die Reservemannschaft für uns einspringen sollte. Dort konnte ich endlich raus aus dem Zug. Das Taxi zurück nach Hamburg war schon bestellt.

Ich ließ mich direkt zu meinem Hausarzt in Altona bringen. Er schrieb mich krank – ich stand unter Schock. Zu Hause war ich wie gelähmt, konnte nichts essen, nicht raus gehen, nicht schlafen. Immer wieder kam das Bild zurück, wie der Schatten da steht – und dann der Aufprall, der so dumpf war. Beinahe schlimmer als der Anblick.
Dann erfuhr ich, wen ich überfahren hatte. Eine Freundin las es im Hamburger Abendblatt: Einen 18-jährigen Jungen. Warum musste sich ein so junger Mensch umbringen? Und warum gerade mich mit hineinziehen? Nach der Verzweiflung kam die Wut; der Schock ließ nach.

Ich musste so schnell es ging wieder arbeiten, um bloß keine Hemmungen aufkommen zu lassen. Viele Kollegen können monatelang oder gar überhaupt nicht mehr in den Dienst zurück; manche versuchen es, werden aber panisch, sobald sie sich der alten Unfall-Stelle nähern. Deshalb testete ich mich: Gleich an meinem ersten Tag nach der dreiwöchigen Pause fuhr ich wieder auf der selben Strecke wie zuvor. Ich zitterte, doch ich konnte weiterfahren. Ich hatte es überstanden.“

* Name von der Redaktion geändert


Frank Bartel, 42, Polizist, Ludwigshafen

„Am Neujahrsmorgen vor 16 Jahren schossen die letzten Raketen durch die Nacht, als ich um fünf Uhr mit der Frühschicht begann. Ich machte die Runde auf dem Revier und wünschte meinen Kollegen ein gutes neues Jahr. Als ich gerade dem Neunten die Hand schüttelte, funkte das benachbarte Revier nach Unterstützung: Ein 20-jähriger Student aus den USA war in einer amerikanischen Wohnsiedlung in der Nähe auf seine Eltern losgegangen, hatte sie schwer verletzt und sich jetzt in deren Wohnung verbarrikadiert.

Mit drei Streifen rasten wir los. Am Einsatzort warteten schon zwei Wagen vom Nachbarrevier und einer von der amerikanischen Militärpolizei. Sergeant Henderson berichtete: 'Der junge Mann ist schizophren und hat seine Medikamente nicht genommen.' Die Familien in den anderen zwölf bis 16 Wohnungen des Hauses waren gefährdet. Wir sollten den Mann festnehmen.

Mit Thomas vom Nachbarrevier und Sergeant Henderson lief ich die Treppen zur Wohnung im zweiten Stock hinauf. Thomas atmete schwer. Ich fing an zu schwitzen. Kurz darauf standen wir vor der Tür, klopften. Nichts rührte sich. Sergeant Henderson trat sie ein. Wir betraten ein Wohnzimmer. Niemand zu sehen. Wir liefen geradeaus bis in einen schmalen Flur – die Hände am Griff unserer Dienstwaffen. Der Junge hatte sich anscheinend im Badezimmer verbarrikadiert. Wir klopften. Keine Reaktion. Mein Herz schlug schneller. Mit einem Brecheisen drückten wir die Tür einen Spalt auf und sprühten Tränengas herein. Nichts regte sich. Henderson rief: „Police. Open the door!“ Wieder nichts. Verdammt – wir mussten ihn doch da rausholen! Thomas und Henderson sicherten mich, ich holte mit dem rechten Fuß aus und trat gegen die Tür. Sie sprang auf. Ich zurück. Ein Mann stürzte mit erhobenen Händen heraus, in jeder Hand einen schmalen, etwa 20 cm langen Dolch, die Klingen auf uns gerichtet. Ich dachte an gar nichts. Ich zog meine Waffe und schoss.

Der Student brach zusammen. Er war mehrfach getroffen. Er sah noch so kindlich aus; hatte die Augen geschlossen, als würde er nur friedlich schlafen. Ich kauerte über ihm. Wo blieben bloß die Sanitäter? Andere Polizisten kamen herein. Einer zog mich weg. 'Der ist doch tot', sagte er.

Ein junger Kollege fuhr mich aufs Revier, nach zwei oder drei Stunden kamen die Herren von der Kripo. Ich machte meine Aussagen, zu verbergen hatte ich nichts. Danach fuhr ich nach Hause und rief meine Mutter an. „Er war noch so jung“, sprudelte es aus mir heraus.

Hätte ich anders handeln, hätte ich den Tod des Jungen vermeiden können? Ich weiß es nicht. Es war, als wäre mit dem jungen Mann auch ein Stück von mir gestorben. Wenige Wochen später erhielt ich einen Brief vom Vater des Opfers. Zuerst traute ich mich nicht, ihn zu öffnen, doch dann rang ich mich zum Lesen durch: Wäre er an meiner Stelle gewesen, schrieb der Vater, er hätte genauso gehandelt. Er hätte seinen eigenen Sohn erschossen.“


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11:15 20.09.2009

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