Leben im Empire

Neue Weltordnung "Empire"-Autor Michael Hardt über eine neue Souveränität der Macht und das Phänomen weltweiter Bürgerkriege, den Haager Milosevic-Prozess und die Selektion des Rechts

Hochgelobt und scharf verrissen wurde das Buch Empire - Die neue Weltordnung von Michael Hardt und Antonio Negri. Während Negri Italien nicht verlassen kann, da er in einem umstrittenen Prozess wegen Beteiligung an den Roten Brigaden verurteilt und nur unter Auflagen entlassen wurde, reist Michael Hardt den weltweiten Übersetzungen der marxistischen Erzählung Empire hinterher: In einer Mischung aus jugendlichem Charme und intellektuellem Esprit stellt er sie vor. Die Veranstaltungssäle - auch in Deutschland - waren bislang übervoll.

FREITAG: Sie sind Literaturwissenschaftler. Wie hat sich Ihre Sicht auf die Literatur durch das Schreiben von "Empire" verändert?
MICHAEL HARDT: Ich bin mir nicht sicher, ob sich meine Sicht auf die Literatur geändert hat. Aber eines steht fest, man kann heutzutage nicht die Ökonomie studieren, ohne die Kultur, und man kann nicht die Kultur studieren ohne die Ökonomie. Das Gleiche gilt für die Politik und für ethnische Beziehungen. Literatur kann man nicht mehr ohne andere soziale Formen studieren.

Wo liegt für Sie gegenwärtig der entscheidende Ansatz von Gesellschaftsanalyse ?
Am Anfang steht die einfache Beobachtung, dass die politische Souveränität der Nationalstaaten schwindet. Das heißt aber nicht, dass die politische Macht im Niedergang ist, sie verlagert sich nur. Daraus entwickelten Negri und ich ja auch die zentrale These unseres Buches, wonach das Empire eine neue Form der politische Macht ist, die souveräne Macht im Zeitalter der Globalisierung kapitalistischer Produktion und Zirkulation. Die Wahl des Begriffes ist historisch begründet, in der politischen Ideengeschichte spricht man von Empire, wenn eine gemischte Konstitution vorliegt.
Erstes Beispiel war das Römische Imperium. Verschiedene Machtzentren werden verknüpft. Eine Art monarchische Macht kann man bei der jetzigen Kriegführung ausmachen, aristokratische Macht beispielsweise bei verschiedenen netzartigen Institutionen wie Weltbank oder Welthandelsorganisation, demokratische Macht bei verschiedenen Nichtregierungsorganisationen. Die Macht ist also eingebettet in ein Netzwerk der gemischten Konstitutionen. Mit dem Begriff Empire versuchen wir über die Globalisierung angemessen zu reden. Diese ist nicht - wie häufig behauptet - der Macht der Nationalstaaten entgegengesetzt. Sie verschiebt lediglich die Macht der Nationalstaaten. Das Empire kennt keine Grenzen - weder räumliche, noch zeitliche, noch soziale. Deshalb übernahmen wir von Foucault den Begriff Biomacht.

Ist das nicht nur die neueste Variante alter Imperialismustheorien?
Gerade den Begriff "Imperialismus" wollten wir kritisieren. Imperialismus setzt immer Nationalstaaten voraus, die nach der Weltmacht greifen. Im Empire ist das nicht mehr so - es gibt eine souveräne, netzartig organisierte Macht.

Warum benutzen Sie den merkwürdigen Begriff "Multitude"?
Wenn wir einerseits von der neuen souveränen Macht des Empires sprechen, gibt es andererseits die gleichfalls globale Bewegung der "Multitude". Die anderen Begriffe greifen nicht mehr: Das Volk etwa ist mit dem Nationalstaat verbunden, Arbeiterklasse fußt auf einer Tradition, die den Begriff verengt - vornehmlich auf Industriearbeiter. Er fasst weder die Vielfalt der kapitalbestimmten Arbeitsformen, noch die der sozialen Bewegungen. Wir benutzen "Multitude", um die Vielfalt von Subjekten ohne gemeinsame Identität wahrzunehmen. Das haben alle neuen Bewegungen gemeinsam - egal ob sie in Seattle auftreten, in Genua oder in Porto Alegre. Sie erkennen den gemeinsamen Feind nicht in einem Nationalstaat - zum Beispiel den USA -, sondern in der neuen globalen Macht.

Wie ordnet sich da "das Spektakel" weiterer zentraler Begriff Ihrer Analyse ein?
Wir rekonstruierten hier nur die Theorie von Guy Debord, warum kapitalistische Gesellschaften im wachsenden Maße spektakulär werden, zunehmend vom Spektakel ihre Regel diktiert bekommen. Fernsehen und Filme als Imageproduktionen unterhalten und locken nicht nur, sie sind auch Formen der Macht. Das Spektakel ist ein zentraler Mechanismus der Macht. Daher kann man Ökonomie und Kultur so schwer trennen.

Wie verstehen Sie in diesem Zusammenhang den jetzigen "Krieg gegen den Terror"?
Es herrscht Krieg, aber nicht ein Krieg zwischen konkurrierenden Nationalstaaten, sondern einer im Innern der souveränen Macht des Empires. Man kann von einer neuen Form des Bürgerkriegs sprechen - zuerst am Persischen Golf, dann im Kosovo oder in Kolumbien, jetzt in Afghanistan. Der 11. September 2001 hat weniger verändert, als man heute annimmt, er zwingt uns aber den permanenten Kriegszustand zu erkennen. Für emanzipatorische Politik hat das zur Folge, dass der Bürgerkrieg nicht mehr als Form der Revolution gedacht werden kann. Die Formel von Lenin, den imperialistischen Krieg in den revolutionären Bürgerkrieg zu verwandeln, ist heute obsolet. Die neuen Bürgerkriege sind nicht mehr auflösend, sondern konstitutiv für das Empire. Sie haben die Unterscheidung zwischen Polizeiaktion und militärischer Aktion verwischt. Auch in Genua wurde auf die politische Bewegung sogleich militärisch reagiert. Kriege werden heute häufig gegen abstrakte Feinde geführt - der Krieg gegen den Terror, der Krieg gegen die Drogen. Es werden Kriege gegen Netzwerke geführt - das Al-Qaida-Netzwerk, das Drogenkartell. Kriege, wo ein Netzwerk ein anderes bekämpft, sind aber nicht zu beenden: es gibt keinen Punkt, wo man sagen kann, der Feind ist endgültig besiegt.
Imperialismustheoretisch betrachtet, geht es bei der jetzigen US-Politik um nationale Interessen weltweit, etwa um Öl. Die Aussage, es geht um Menschenrechte, kann man aus dieser Perspektive als Mystifikation begreifen. Ich denke aber, beide Positionen haben einen Wahrheitsgehalt. Die traditionelle Antwort unterschätzt das Befreiungspotential der jetzigen Netzwerkstrukturen. Netzwerke können hierarchisch organisiert sein, müssen es aber nicht.

Wie sehen Sie den Prozess gegen Slobodan Milosevic im Abgleich mit Ihrer Theorie?
Der Prozess gegen ihn zeigt, wie ein neues globales Recht konstruiert wird. Es ist ein positives Beispiel einerseits, sein Regime war repressiv und korrupt. Andererseits haben wir eine Selektion des Rechts und der Anwendung der Menschenrechte. Man denke nur an die drei: Milosevic, Pinochet, Kissinger. Alle drei machten sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig, wahrscheinlich starben durch Kissinger sogar mehr Menschen als durch die anderen beiden, dennoch ist es unwahrscheinlich, dass Kissinger nach Den Haag vor Gericht kommt wie Milosevic. Die Stärke der nationalen Macht bestimmt die Anwendung des internationalen Rechts.

Was ist zu tun, um Menschenrechte weltweit durchzusetzen?
Was Demokratie im Zeitalter der Globalisierung bedeutet, dafür haben wir keine Antwort. Demokratie kann man in Zeiten des permanenten Bürgerkrieges schwer neu erfinden. Die Krise der demokratischen Repräsentation ist offensichtlich: ein proportionales Verhältnis der Weltbevölkerung ist in Institutionen nicht zu erreichen. Die Frage Was tun? können wir nicht beantworten. Selbst Karl Marx brauchte die Erfahrung der Pariser Kommune, um weiterdenken zu können.

Das Gespräch führte Achim Engelberg

Michael Hardt lehrt als Literaturprofessor in North Carolina. Bereits 1994 war er Ko-Autor des gemeinsam mit dem italienischen Philosophen Antonio Negri herausgebrachten Buchs: Arbeit des Dionysios - eine Kritik der Form des Staates. Mit dem Werk Empire (erschienen 2001) gelang beiden der bisher größte Erfolg. Damit kam Bewegung in die linke Theorie wie selten zuvor im vergangenen Jahrzehnt - und die Bewegung der Globalisierungsgegner bekam eine Theorie. Vielfach wird das Werk als Kommunistisches Manifest unserer Zeit hofiert. Die New York Times gab Empire nicht nur das Gütesiegel "the next big theory", sondern räumte den Autoren Negri und Hardt auch viel Platz auf ihrer Meinungsseite ein.


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00:00 10.05.2002

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