Leben im Kraftfeld

VISIONÄRIN Barbara Beuys zeichnet ein authentisches Bild der Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen heute zu entdecken, ist nicht schwer. Der Weg führt nicht in verstaubte Klosterbibliotheken, sondern in Reformhäuser und ganz normale Buchhandlungen. Medizinische Ratgeber, Dinkelkekse oder Musik-CDs - alle führen den Namen der berühmten Nonne. Esoterik-Läden zählen Hildegard schon seit längerem zur festen Vertrauten. Das Marketing hat die Äbtissin längst entdeckt und für sich nutzbar gemacht. Jedoch immer mit dem Touch des Alternativen, des medizinisch Ungewöhnlichen oder des fraulich Kämpferischen. Und so ganz unrecht hat dieses Merchandising nicht: Zu Lebzeiten galt Hildegard als Ausnahme-Frau, ihre Bücher waren Gratwanderungen zwischen ernster wissenschaftlicher Literatur und exotischem Populär-Schrifttum.

Wer war diese Hildegard, die auch heute noch als die vielleicht bemerkenswerteste Frau des Mittelalters präsent ist? Barbara Beuys versucht in ihrem neuen Buch Denn ich bin krank vor Liebe eine Antwort. Sie setzt in die Flut mehr oder weniger ambitionierter Hildegard-Literatur einen neuen Maßstab: Kritische Distanz verbindet sie mit der ehrlichen Anerkenntnis der höchst ungewöhnlichen Leistung einer Frau in der männerdominierten Gesellschaft des Mittelalters. Beuys gelingt es, die Dichterin und Visionärin in dem jeweiligen Spannungsfeld ihrer Lebenssituation zu fokussieren. Aus dem abgehobenen Bild der Klosterschwester, in deren Leben im Nachhinein so vieles konsequent und geplant erscheint, reißt die Autorin die Stücke auseinander und lässt den Leser das allmähliche und zum Teil schmerzvolle Zusammenfügen der Vita Hildegards selbst miterleben.

Denn der Frau, in der ihre Zeitgenossen eine Prophetin sahen, war nicht von Anfang an vorgezeichnet, zur Avantgarde ihrer Zeit zu gehören und eine der Wegbereiterinnen des Hochmittelalters zu werden. Als wohl erst 14-jährige weihte sie ihr Leben der Existenz als Jungfrau, die nur für Gott allein da ist. Doch das war weitaus spannender als wir uns das heute vielleicht vorstellen. Hildegard unterstellte sich der 20-jährigen Lehrerin Jutta und lebt von nun an in einer Art geistlicher Kommune in der Nähe des Disibodenberges. Dies war nicht das betuliche Leben einer Nonne, die an der Außenwelt nicht interessiert war, schon gar nicht das einer weltentfremdeten Inklusin: Hildegard lebte mit ihrer Lehrerin in einem bedeutenden Kraftfeld ihrer Zeit. Einfache Leute suchten Rat, Kirchenmächtige besuchten die Gemeinschaft, Differenzen mit den männlichen Klosterbrüdern bleiben ebenso wenig aus wie die späteren Streitigkeiten mit der Amtskirche, etwa - viel später - den Mainzer Domherren.

Nach dem Tod Juttas soll Hildegard in die Rolle ihrer geistigen Führerin hineinwachsen, verweigert sich aber zunächst. Erst später tritt sie hinaus als Licht der Welt, als Visionärin mit dem Anspruch eigener Bezeugung, als Frau mit unverwechselbarem Profil. Und sie findet Zustimmung bei den Mächtigen ihrer Zeit, zögerlich erst bei dem berühmten Bernhard von Clairvaux, später auch beim Papst selbst. Als Hildegard schließlich mit ihren Mitschwestern auf einen eigenen Berg angrenzend an das geschäftige Leben der Stadt Bingen zieht, ist eines der erstaunlichsten Beispiele weiblicher Unabhängigkeit im ganzen Mittelalter Wirklichkeit geworden.

Beuys Verdienst ist es, Jugendlichen von dieser mutigen Ausnahme-Frau Hildegard von Bingen zu erzählen, frei von wissenschaftlichem Ballast und der akribischen Erörterung vermeintlich wichtiger offener Punkte in Hildegards Leben. Die Nonne, die nie heilig gesprochen wurde, hat Erstaunliches auf schriftstellerischem und naturkundlichem Gebiet zustande gebracht, das lässt Beuys nicht aus. Doch ist ihr das ständige Brennen im Inneren Hildegards und ihre schier unbegrenzte Leidenschaft für Gott noch wichtiger. Beuys zeichnet ein authentisches Bild einer großen Frau, deren Faszination sich auch junge Leser nicht werden entziehen können.

Barbara Beuys: Denn ich bin krank vor Liebe. Das Leben der Hildegard von Bingen, Hanser-Verlag, München 2001, 376 S., 46,- DM

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00:00 07.12.2001

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