Leben im Minus

Fast verbotene Gespräche Rund um das Arbeitsamt ist von einer Verzweiflung zu hören, die bisher nur selten laut wird

Nein, so geht das nicht, sagt die Mitarbeiterin der Pressestelle. Auch ihr Tonfall signalisiert entschiedene Ablehnung meines Ansinnens, hier Gespräche mit Arbeitslosen zu führen. "Dazu brauchen Sie eine Genehmigung. Und dann auch nur für eine Stunde und in Begleitung einer Mitarbeiterin."

Ah ja. Kann ich das schriftlich haben?

"Nein. Das ist eine Anordnung."

Gut, die hätte ich dann gern.

"Das ist eine Weisung." Damit ist alles gesagt. Ende.

Vielleicht handelt es sich um eine Maßnahme aus dem millionenschweren PR-Konzept der Bundesanstalt für Arbeit. Auf dem Türschild steht Information und Controlling.

Dezember, Arbeitsamt Ost, Berlin-Lichtenberg.

Alle reden irgendwann von Angst. Die einen sagen, dass sie welche haben. Die anderen, dass sie keine haben. Angst steckt ihnen in den Knochen, macht sie verrückt oder scheißwütend oder kirre oder rastlos aktiv. Sie sind blass, mal laut, mal leise. Immer vorsichtig. Angst macht ängstlich. Keiner will mit seinem richtigen Namen in die Zeitung. Reden will fast jeder - von 17 Personen lehnen zwei ab -, aber keiner würde ein Wort sagen, wäre ein Kontrolleur dabei.

"Nö, das geht die doch nichts an, was ich Ihnen erzähle. Ich würde gar nichts sagen", sagt Kirsten Schneller. Sie ist 48 Jahre, Single, gelernte Sekretärin, hat seit der Wende in verschiedenen Betrieben in der Produktion gearbeitet, Arbeit immer gesucht und auch gefunden, zuletzt in einem Copy-Shop. Aber die Geschäfte liefen schlecht. Seit Juli ist sie arbeitslos. Wir verabreden uns in einem Café. Hier kann sie frei reden.

Sie hat den amtlichen "Meldezettel für Eigenbemühungen" dabei. Deswegen war sie den ganzen Vormittag im Arbeitsamt. Denn ohne diesen Nachweis kann der Leistungsbezug drastisch gekürzt werden, ebenso bei der Ablehnung zumutbarer Arbeit. Hart, aber fair, finden Politiker diese Reglungen. "Feuer unterm Arsch machen", hieß das beim Kommiss, Bewegung in die träge Truppe bringen, wollen doch mal sehen.

Der Meldezettel gehört zum Repertoire der Hartz-Reformen von Rot-Grün, mit denen der arbeitslose - wenn nicht gar arbeitsunwillige - Bürger einerseits in Bewegung gebracht und andererseits dazu animiert werden soll, etwas zu leisten, was das Arbeitsamt höchst selten schafft: Einen Arbeitsplatz zu finden.

Frau Schneller zählt zu den 23 Suchenden, die im Osten auf eine offene Stelle kommen, im Westen ist das Verhältnis 7:1. "Ich will ja arbeiten, aber wenn es doch kaum Stellen gibt! Ich brauche keinen Nebenjob, ich brauche eine Arbeit, von der ich leben kann!" Sie würde gern in ihrer kleinen Wohnung bleiben, vielleicht mal ins Kino gehen, ihre Katze behalten. Ein Mini-Job brächte ihre Existenz ins Wanken. "Ich habe meine Ansprüche schon runtergeschraubt. Wie weit denn noch?" Arbeit, das wäre es. Ein bisschen Sicherheit, etwas Freude, ein Stück Unabhängigkeit.

Aber so sitzt sie in der Stuhlreihe in der dritten Etage und wartet auf den Aufruf. Es geht um den Meldezettel, um bürokratische Finten, die zur Falle werden können. Ihre Eigenbemühungen hatte Frau Schneller aufgeschrieben, Position um Position. Sie ist eine ordentliche Frau, genau und zuverlässig. Reicht aber nicht, denn ihre Aktivitäten sind erst dann amtswürdiger Beleg, wenn sie auf einem Vordruck stehen. Also alles noch einmal. Und sitzen und warten und abgeben.

Und wie nun weiter, fragt Kirsten Schneller die Mitarbeiterin. "Sie brauchen nicht jeden Monat zu kommen." Arbeitsangebote gibt es nicht. Für eine Umschulung müsste sie erst den Nachweis einer festen Anstellung nach erfolgter Schulung bringen. Für eine ABM ist sie noch nicht lange genug arbeitslos. Ein Gespräch bei der Arbeitsvermittlerin kommt jetzt nicht in Frage, dafür muss sie einen Termin machen und noch mal herkommen. In sechs Wochen oder so. Und wieder eine Liste mitbringen. Sonst wird vielleicht gekürzt.

"Da kriege ich richtig Angst. Die Gedanken bohren und gehen nicht weg. Was wird mit mir, was wird aus meinem Leben?" Schlimm wäre eine Kürzung des Arbeitslosengeldes. Sie rechnet mir vor: 520 Euro ALG, 80 Euro Wohngeld, also 600 Euro monatlich, nach Abzug der Miete und aller Fixkosten bleiben ihr 198 Euro im Monat zum Leben. Aber die Zeitung bestellt sie erst ab, "wenn ich nichts mehr zum Beißen habe." Das klingt lustig. Kirsten Schneller lacht ein bisschen.

Arbeitsamt. Draußen vor der Tür stehen Wally Werner (50), Monika Schulze (52) und Klaus Weber (48) und haben erst mal genug. "Das war eine Drohung!" Frau Schulze ist aufgeregt: "Die wollen mir das Arbeitslosengeld sperren." Trotz eines Attestes wegen ihres Rückens hat sie sich bei einer Reinigungsfirma beworben, aber "für die war ich zu alt." Nun verlangt das Arbeitsamt weitere Bewerbungen und ein neues Attest vom Arzt, sonst... "Die drohen wirklich." Sie zittert. Diese Angst, sagt sie, mache sie ganz verrückt.

Klaus Weber brummt etwas wie "verdammte Bande". Er ist seit dem frühen Morgen auf den Beinen, hat Zeitungen ausgetragen, saß Stunden im Amt wegen der Bescheinigung für diese Nebenbeschäftigung. Es geht um 165 Euro Zuverdienst zur Arbeitslosenhilfe. In der Zeitung hat er gerade gelesen, dass Nebenjobs bei Politikern gang und gäbe sind. "Die scheffeln Tausende nebenbei, da fragt keiner, da gibt es keine Gesetze dagegen. Die sollten mal so leben wie wir. Einen Monat."

"Das reicht nicht, sechs Monate mindestens", sagt Frau Schulze. Urteil im Namen des Volkes. Frau Werner nickt. "Ja, und dann sollen die mal noch im Call-Center Lotterielose verkaufen. Und wir machen ihren Job." Für einen kleinen Moment wird es aufrührerisch. Sie sehen sich um und lächeln verlegen. Es wird sich nichts ändern. Nicht da oben und nicht da unten, wo sie stehen: Draußen vorm Arbeitsamt, in der Nähe von Armut und Verzicht.

Was würden Sie machen, wenn Sie etwas Geld hätten? Frau Werner hat sofort eine Antwort. "Erst mal einen schönen Pullover kaufen, eine Hose und neue Schuhe." Sie erhält 430 Euro Arbeitslosenhilfe. Ihre Rechnung ist einfach: Miete 298 Euro, dazu noch Strom, Telefon, Versicherung und so was. Jedenfalls kommen 400 Euro zusammen. Von dem Rest und 125 Euro Wohngeld lebt sie. "Wenn das im nächsten Jahr auf Sozialhilfe runtergedrückt wird und noch weniger ist, dann ist die Katastrophe da. Dann such ich mir´n Hochhaus."

Kundenkantine in der zehnten Etage. Schmucklos, Stehtische, Cola, Brötchen, Bier, Süßkram. Bernd Friedrich trinkt einen Kaffee. Er hat noch Zeit bis zu der Vorstellung beim Arbeitsvermittler. Heute soll das Bewerberprofil von Herrn Friedrich auf den neuesten Stand gebracht werden. Der Termin wurde vor anderthalb Monaten festgelegt. Er ist gut vorbereitet und neugierig auf das Gespräch. Die Unterlagen in Klarsichtfolie, Bewerbungsschreiben, Weiterbildungszertifikate, Praktikabescheinigungen - alles tiptop. Er tut, was er kann. An ihm soll es nicht liegen. Im Sommer erst beendete er einen drei-monatigen Englisch-Kurs. Er hat 25 Bewerbungen laufen. So gesehen ist alles vorbildlich. Bernd Friedrich ist Mitte 40, seit Herbst 2002 arbeitslos. Inzwischen bekommt auch er Arbeitslosenhilfe.

Nach seinem Termin treffen wir uns in einem Café. Bernd Friedrich ist zufrieden. Der Vermittler hat sich Zeit genommen. Sie haben diskutiert und sind zu einem Ergebnis gekommen. "Das war sehr hilfreich heute." Zum ersten Mal. Sonst hat er sich immer selbst gekümmert. Das hat er gelernt nach der Wende, die für den Nachrichteningenieur der Nationalen Volksarmee wirklich eine Wende war. Im Westen, sagt er, ist das Leben ohne Garantien. Deshalb verlässt er sich am liebsten auf sich selbst. Dabei musste er auch Federn lassen und habe schnell begriffen, dass Uneigennützigkeit Nachteile bringt. "Wenn du im System bleiben willst, dann musst du dich anpassen" - oberste Regel.

Tage später wird er im Arbeitsamt anrufen und sagen, dass er selbstverständlich auch bereit sei, für eine Stelle woanders hinzugehen. Als Pendler, wenn es sein muss. Bevor der Absturz kommt - er meint die Hartz-Gesetze - hofft er auf eine gute Arbeit.

"Manchmal darf man einfach nicht weiter denken. Manchmal kostet es auch Nerven, nicht gleich den erstbesten Job anzunehmen. Oft ist es Lohndrückerei, vor allem aber versaut es die Zukunft." Haben Sie Angst? "Nein, normalerweise nicht." Was treibt Sie an? "Ich will nicht untergehen."

Langsam kommt Frau Sommer die Treppe herauf. Sie wirkt müde und besorgt. Leider, viel Zeit habe sie nicht. Sie ist hier, um ihren Urlaubsantrag für Weihnachten abzugeben. Das ist wichtig. Wenn der Antrag nicht aktenkundig ist, bekommt sie Ärger. Bei ihrem Glück könne es gut passieren, dass sie genau dann eine Meldevorladung erhält, wenn sie nicht da ist. "Fehlende Verfügbarkeit" heißt das und wird geahndet, zum Beispiel mit Kürzung des Bezugs. Wer Pech hat, fliegt ganz raus. Wieder einer weniger in der Statistik.

Um Gotteswillen. Das kann sich Frau Sommer nicht leisten. Sie bezieht Arbeitslosenhilfe. Nach langer schwerer Krankheit war ihr Arbeitsplatz weg, sie ist nur noch bedingt arbeitsfähig, kaum vermittelbar, obwohl sie eine qualifizierte Fachkraft ist. Das System hat sie ausgespuckt. Frau Sommer will mich in einer Stunde treffen. Sie hat es aber nicht geschafft.

Gleich am Eingang A befindet sich die ehemalige Pförtnerloge. Hier liegen Broschüren, Flyer und Zettel mit Angeboten zur Weiterbildung aus. Seminare, Kurse, Trainingsstunden in allen beruflichen Kategorien. Viel Papier. Die Bildungswelt ist bunt und verheißt Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

David Höfner sieht sich um. Er sucht eine Lehrstelle. Er wäre mit irgendetwas zufrieden. Job und eine Wohnung, mehr will er nicht. Der junge Mann ist von Chemnitz nach Berlin zu seiner Mutter gezogen, weil "Sachsen tot ist." Die großen Unternehmen wie Volkswagen verlagern ihre Produktion ins Ausland, nach Tschechien, "da können sie bessere Gewinne machen."

David Höfner hat Gas-Wasser-Installateur gelernt, kurz vor der Prüfung wurde er entlassen, "für die Firma hat sich das nicht gerechnet." Nun ist er hier. In einer Woche war er viermal im Arbeitsamt. Umsonst. Keine Angebote. Er erhält Arbeitslosenhilfe und würde lieber arbeiten. Auf eine Bauhelferstelle kommen 76 Bewerber. Wenn 2004 das Arbeitslosengeld II kommt, "dann ist alles Scheiße. Die holen alles von den Leuten, die sowieso nichts haben. Schon immer. Deshalb gibt es trotzdem keinen einzigen Arbeitsplatz mehr. Eine gigantische Lüge ist das. Aber der Bürgermeister von Chemnitz steckt 480 Euro Krawattengeld ein. Die nehmen, was sie kriegen können. Die fahren Mercedes, sacken 13.000 Euro Weihnachtgeld ein und erzählen uns, dass wir sparen müssen." Die. Für David Höfner sind das "die Parteien, die ´sozial´ im Namen haben. Die anderen sind schlauer - die nennen sich erst gar nicht so. Was wissen die über unser Leben. Auf deren Kontoauszügen stehen keine Schulden, keine Mietrückstände. Die wissen doch überhaupt nicht, was Minus ist."

Leben im Minus. David Höfner beschreibt eine Situation, in der Millionen Menschen feststecken - Minusvarianten der Gesellschaft. Er würde weggehen aus Deutschland, "aber kann ich nicht. Habe kein Geld. Freiheit ist teuer. Ich kann sie mir nicht leisten." Er zündet sich eine Zigarette an. Der Ausbruch ist vorbei. Wir rauchen. Ich will nicht mehr fragen. Er nicht mehr reden. Pause. Dann - es klingt nicht mehr wütend - sagt er: "Man hofft ja immer. Nur wenn alle Mühe ins Leere läuft... Irgendwann hört die Hoffnung auf." Wo hat er das her? Er ist 23.


00:00 12.12.2003

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