Leben in Brüchen

Turbulenz Martin Dehlis Biographie lässt Alexander Mitscherlich in einem etwas kritischeren Licht erscheinen

Der Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich war maßgeblich an der "intellektuellen Gründung der Bundesrepublik Deutschland" beteiligt. Seine Bücher Auf dem Weg in die vaterlose Gesellschaft, Die Unwirtlichkeit unserer Städte und Die Unfähigkeit zu trauern (zusammen mit Margarete Mitscherlich-Nielsen) brachten Probleme und Stimmungen der westdeutschen Gesellschaft auf den Punkt und wurden in den sechziger Jahren zu Bestsellern.

Zwanzig Jahre nach Hans-Martin Lohmanns Monographie legt der Historiker Martin Dehli eine neue Biographie vor. Wo Lohmann sich wesentlich auf Mitscherlichs Selbstzeugnis aus dem Jahr 1980 stützte, wirft Dehli dank zusätzlicher Quellen einen "genaueren und teilweise anderen Blick" auf Mitscherlichs intellektuelle Entwicklung. Seine These: Mitscherlich war weder "Antifaschist der ersten Stunde", als den Lohmann ihn bezeichnete, noch war sein Leben immer schon ein "Leben für die Psychoanalyse", wie er selbst in seiner Autobiographie schrieb. So projiziere man vielmehr Mitscherlichs Verdienste für die Psychoanalyse und eine kritische Öffentlichkeit in der Bundesrepublik auf die Zeit vor 1945 zurück. Dehli korrigiert manches. Er weist etwa nach, dass Mitscherlichs Doktorvater Paul Joachimsen bereits 1930 und nicht 1932 gestorben ist. Damit stellt er Mitscherlichs Erklärung infrage, der aufkommende Nationalsozialismus habe ihn gezwungen, sein Geschichtsstudium in München abzubrechen. Auch sei Mitscherlich 1937/38 nicht acht, sondern drei Monate von der Gestapo in Nürnberg inhaftiert worden.

In Berlin wurde die Gestapo auf Mitscherlich aufmerksam, weil er in seiner Buchhandlung offen für Ernst Niekischs Schrift Hitler - ein deutsches Verhängnis warb. Die bizarre Pointe: Niekisch gehörte mit Ernst Jünger zu den herausragenden Personen der sogenannten Konservativen Revolution. An Hitler kritisierte er nicht etwa den Diktator, sondern dass er sich zur Stütze der Weimarer Republik entwickelt habe. Doch so antidemokratisch Niekisch seine Hitler-Kritik auch begründen mochte - letztlich verhalf sie Mitscherlich zu einer kompromisslosen Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber. Dehlis Fazit: "Mitscherlich war in seiner politischen Meinung weniger eindeutig, in seinem Leben weniger verfolgt und in seinem Handeln weniger mutig, als er behauptete." Dem steht gegenüber, dass Mitscherlich seine Haltung am Ende der Weimarer Republik in seinen Erinnerungen durchaus kritisch sieht. "Soweit ich hier mithielt und mich ganz offenbar auf falschem Gleise bewegte, war ich naiv und ignorant", schreibt er etwa über den Kreis um Ernst Jünger. Als Thomas Mann 1930 in einem "Appell an die Vernunft" zur Verteidigung der Weimarer Republik aufruft, ist Mitscherlich mit einigen Vertretern der "Konservativen Revolution" dabei. Noch fünfzig Jahre später ist ihm "schmerzlich, damals auf der falschen Seite gestanden zu haben". Die Weimarer Republik mochte der 22-Jährige nämlich nicht verteidigen.

Mitscherlichs Lebensgeschichte ist auch eine Geschichte von Brüchen. Er ist dreimal verheiratet, den Kontakt zu Niekisch und Jünger beendet er, als die politischen Differenzen unüberbrückbar werden. Das freundschaftliche Verhältnis zu seinem Lehrer und Mentor Viktor von Weizsäcker setzt Mitscherlich nicht fort, als er die Psychoanalyse Freuds zunehmend der anthropologischen Medizin von Weizsäckers vorzieht. Mit seinem philosophischen Lehrer Karl Jaspers gerät er über die Psychoanalyse in Streit. Und seine Distanz der Daseinsanalyse gegenüber führt letztlich zum Ende der Freundschaft mit Felix Schottlaender.

Das spannend zu lesende Buch orientiert sich vor allem an politischen und wissenschaftshistorischen Fragen, Privates bleibt dem gegenüber im Hintergrund. Auch heute beeindruckt das ungeheure Arbeitspensum, das Mitscherlich bewältigt hat - der Freund Gustav Bally nannte ihn einmal "Seine Turbulenz". Für Dehli besteht Mitscherlichs Lebensleistung in seiner anhaltenden Bereitschaft, eigene Positionen immer wieder infrage zu stellen und veränderten Bedingungen anzupassen. Gelegentlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der Autor destruiere jede hagiographische Überformung im Leben Mitscherlichs durchaus lustvoll, doch insgesamt überwiegt der faire, gleichwohl häufig kühle Blick des Historikers. Überrascht nimmt man zur Kenntnis, dass Mitscherlich erst 1958 eine Lehranalyse absolvierte, die kein Jahr gedauert hat.

Martin DehliLeben als Konflikt - Zur Biographie Alexander Mitscherlichs. Wallstein, Göttingen 2007, 320 S., 29,90 EUR

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