Leben ist die Kunst

Porträt Franziska Hauser schreibt, fotografiert und ist echte Ostberlinerin. Früher hat sie sich zum Schlafen in den Vorhang der Volksbühne gewickelt. Ein Besuch

Noch sechs Kilometer. Rushhour. Jetzt bloß keinen Radfahrer übersehen! Wieso rauschen die eigentlich im Pulk an mir vorbei? Prenzlauer Allee. Schnell noch einen Parkschein ziehen, überprüfen, ob ich nicht wieder im absoluten Halteverbot stehe und gleich den Wagen nicht mehr vorfinde. Bioläden, Fahrradshops, ein Italiener, der sich nicht Trattoria Rustica nennt, Kindergeplärr. Prenzlberg. Zähm dich! Jetzt nicht gleich „Tod den Hippies, es lebe der Punk!“ schreien.

„Hauser“ steht auf dem Klingelschild. Dritte Etage. Franziskas Stimme klingt zart und sanftmütig. Ihre Fotos kommen mir in den Sinn, viktorianisch, friedvoll. Sie steht im Türrahmen, dunkle Locken, ein Gesicht, das nicht in diesen Stadtteil, in diese Zeit passen will. Austen, die Brontë-Schwestern. Franziska Hauser sieht aus, als wolle sie, ein wenig besorgt um ihren Teint, zu einem Spaziergang in den Cotswolds aufbrechen. Wenn da nicht dieses Ringelshirt wäre und auf dem Tisch die zwei Playmobil-Schwimmer in einer Plastikschüssel. „Für meinen neuen Roman“, sagt sie, „ein Trailer. Das Buch heißt Die Gewitterschwimmerin und kommt im nächsten Frühjahr raus. Magst du Mozzarella mit Kurkuma?“

Mild, denke ich, der Tee, der Blick, die Art, wie sie den Honig um den Holzlöffel wickelt und in ihre Tasse tropfen lässt. Unvorstellbar, dass sie sich nach dem Silence-Sticker eines indischen Ashrams sehnen könnte.

In ihrem Roman „Sommerdreieck“ beklagt sich die Protagonistin, sie „wolle keine Mutter sein, die eine Kur braucht, um mit dem gewöhnlichen, langweiligen Kram wieder klarzukommen“. „Irgendetwas Wildes“ wolle sie tun.

der Freitag: Liebe Frau Hauser, die Volksbühne wird von einem Künstlerkollektiv besetzt, das sich „Staub zu Glitzer“ nennt. Wenn der neoliberal-religiöse Name Programm ist: Steht uns bald die Heiligsprechung Castorfs ins Haus, während Dercon mit Body-Glitter seinen Canossa-gang absolviert? Ich sehe auf Facebook, Sie sind ja auch ziemlich engagiert.

Franziska Hauser: Mit Glitzer assoziiere ich eher die Glitzervorhänge des Theaters, Flitter, Geglitzer. Die Volksbühne war immer ein Ort, an dem mit wenig Geld Theater gemacht wurde. Der Mob hat Kunst und Kultur gemacht. Der Senat soll sich endlich daran erinnern, dass er einen Fehler gemacht hat. Der Senat vergibt eine Chance, soziale Unruhen zu verhindern, die politische Macht des Theaters zu nutzen.

Ob „Make Berlin geil again!“ dafür das richtige Motto ist? Brot und Spiele für den Mob? Die Volksbühne als Versuchslabor für Theaterratten? Vielleicht sollte ich Franziska mal auf den Zahn fühlen, wie sie selbst mit Kindern, Kunst und Kommerz klarkommt?

Derzeit tobt ein Kampf zwischen Hardcore-Frauen à la Birgit Kelle und einer Keep- Calm-and-Carry-on-Fraktion, die sich die Chance auf Muttersein und Freiheit nicht nehmen lassen will. Wo stehen Sie in diesem Spannungsfeld?

Für mich war es ganz normal, Kinder zu haben. Das ist doch eher ein West-Thema. In der DDR wurde uns die Kindererziehung ja zum Teil in einem Maße abgenommen, dass wir darum kämpfen mussten, uns selbst als Mütter um den Nachwuchs zu kümmern. Berufstätigkeit und Muttersein schlossen sich nicht aus. Dieser Gedanke ist für mich in jedem Gesellschaftssystem gültig. Der Vater meiner Kinder und ich wollten beide unseren Kindern das vermitteln, was uns am wichtigsten ist: Kunst und Literatur. Unsere Kinder sind Theatermenschen, Theaterkatzen. Ich selbst suche mir auch immer wieder meine Fluchten, die Wildheit an einem heilsamen Ort. Das kann ein hässlicher Wald sein, Gestrüpp.

Wildheit, in der Stadt ist das eine komische Vorstellung. Wie sehen Sie die seelische Verödung des Großstadtmenschen? Brauchen wir alle eine Uckermark, den Import dörflicher Lebensweisen nach Berlin?

Ich bin in der Großstadt aufgewachsen, hier in diesem Viertel. Die Sehnsucht nach der Natur treibt mich zwar immer wieder aufs Land, auch für meine Fotografie. Allerdings bin ich weit davon entfernt, das Landleben zu idealisieren. Ich liebe die Großstadt! Langeweile des Großstädters? Das ist für mich kein Thema, zumal ich mir immer verschiedene Welten schaffe. Als ich am Theater arbeitete, hab ich dort gelebt, mich zum Schlafen in den Theatervorhang eingewickelt. Wenn ich Deutsch als Fremdsprache unterrichte oder Schreibkurse gebe, dann lechze ich nach dem Austausch mit fremden Menschen. Am liebsten würde ich in der Straßenbahn die Passagiere ansprechen und nach ihrem Leben fragen.

Das Leben der Bohemienne

Franziska Hauser wurde 1975 in Berlin-Pankow, damals DDR, geboren. Ihr Großvater, Harald Hauser, war ein antifaschistischer Schriftsteller. Ihre Mutter war Puppenspielerin und ihr Vater Dokumentarfilmer. Während ihres Studiums an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Bühnenbild und freie Kunst, arbeitete Hauser als Ausstattungsassistentin am Berliner Ensemble und verkaufte nebenher Scherzartikel im Varieté Chamäleon.

Mit 24 wurde Hauser Mutter. Ihre zwei Kinder zog sie mit Hartz IV und insgesamt sehr wenig Geld auf. Hauser studierte Fotografie an der privaten Neue Schule für Fotografie am Schiffbauerdamm in Berlin. Dort lernte sie bei dem legendären DDR-Fotografen Arno Fischer, der 2011 verstarb. Jahrelang restaurierte Hauser sein Archiv. Eine Zeit lang war sie dafür beim Institut für Auslandsbeziehungen angestellt.
Sie unterrichtete Selbstverteidigung an Grundschulen und fotografierte für die Kolumne Berlinische Leben der FAZ. Seit 2008 schreibt sie für Das Magazin und andere Zeitschriften. Das Magazin, eine Zeitschrift mit dem Schwerpunkt auf Kultur und Lebensart, wurde 1954 in der DDR gegründet. Für die Zeitschrift Séparée (14/2017) posierte sie kürzlich mal wieder nackt.

Hauser unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, ist Dozentin für Deutsch als Fremdsprache. Ihr 2015 erschienener Debüt-Roman Sommerdreieck spielt in der Uckermark. Johanna Montanari

In Ihrer Fotografie treffen zwei Pole aufeinander: einerseits die Darstellung von Erotik, Sexualität in ungebändigter Freiheit, andererseits romantisches Sehnen, Unberührtheit. Wie fügen sich englische Romantik und Aktfotografie zusammen?

Auch Jane Austen hat eine romantisch-realistische Erzählweise. Mir gefällt die Unberührtheit der Natur, die Natur als Sehnsuchtsort, der bewahrt und geschätzt werden sollte. Die Natur zeigt sich mir unverstellt. Genauso gehe ich an Aktfotografie heran. Es bin ja nicht ich, die auf meinen Fotos abgelichtet wird. Es ist ein Modell. Ich benutze mich. Wie ein Bildhauer drücke ich einen inneren Vorgang aus, auch das, was ich an mir gut finde. Meine Vorstellung von Schönheit ist natürlich individuell, nicht barbiemäßig-plaste. Körperhaar finde ich zum Beispiel total erotisch. Warum muss denn immer alles glattrasiert sein?

So ungeniert und frei Sie sich in Ihrer Aktfotografie bewegen, so unbeschränkt bewegen Sie sich zwischen zwei grundverschiedenen Milieus. Kunst und Literatur unterscheiden sich allein ökonomisch gesehen gravierend. Während der Kunstmarkt mit Geld überflutet wird, versiegen in der Literaturbranche die Quellen. Kann es sein, dass der Literaturbetrieb weit konservativer ist als die Kunst?

Ja, das sehe ich auch so. Die Literatur müsste mutiger sein, mehr Lust auf Innovation verspüren. Die Grenzen zwischen Literatur und Kunst sollten verwischt werden. Wir haben feste Vorstellungen von dem, was ein Buch sein sollte. Form und Inhalt scheinen uns vorgegeben. Dabei kann man experimentieren, zum Beispiel Pergament mit Zeichnungen einfügen, Anmerkungen von Lektoren, die einer gewissen Komik manchmal nicht entbehren, stehen lassen. Die Verlage sollten die Leser nicht unterschätzen, und vor allem nicht die Vertriebsleiter über ein Buch entscheiden lassen. Warum muss immer alles unter einem Label vermarktet werden, nur damit es sich angeblich besser verkauft?

Klares Wort, Franziska! Es geht nicht um Geld gegen Geist, sondern um Neugier und Verkrustung. Das wiederum liegt vielleicht auch am Siegeszug der Schreibschulen und des Schema-F-Schreibens. Franziska lacht. Jetzt spricht sie selbst ihre Schreibkurse an und sagt, dass sie niemandem Vorschriften machen wolle, keine Tipps habe, sondern aus den Teilnehmern das Ureigene herauskitzeln möchte, auch wenn sie so weniger verdiene, weil die Beratung kürzer ausfällt. Geld spielt keine Rolle?

Die meisten Künstler und Literaten leben unterhalb des Existenzminimums. Wie kann man diese Verhältnisse ändern beziehungsweise was hätte eine Gesellschaft von der finanziellen Absicherung von Künstlern?

Nichts hätte eine Gesellschaft davon. Gerade in Berlin kann man als Künstler leben. Das Leben mit Kindern müsste gefördert werden, nicht das Künstlerleben. Ich finde es bereichernd, in anderen Jobs zu arbeiten. Wenn ich auf einem Schloss arbeiten würde, mit einem fetten Stipendium, würde mir bestimmt nichts einfallen. Vielleicht muss das so sein? Tschechow hat auch immer gefroren. Alles dreht sich immer nur um Geld. Nach der Wende hat mich das total entsetzt, dass es ständig um Finanzen geht. Wir haben eine Hafenrundfahrt in Hamburg gemacht und es wurde erzählt, wie viel jede Brücke gekostet hat. In der DDR war Geld etwas wie Wasser, wie Luft zum Atmen. Wenn jemand keines hatte, dann gab man ihm welches. Hier kommen mir die Menschen wie aufeinandergehetzte Tiere vor. Ohne diese Jagd aufgewachsen zu sein, ist ein Geschenk. Natürlich gab es auch Nachteile, aber als mir das Eingesperrtsein bewusst wurde, ging die Mauer auf.

Ihre Bilder wirken zum Teil romantisch verklärt, aber auch selbstbewusst. Sie zeigen Schönheit, die dem Chaos innewohnt. Welche Rolle spielt Chaos in Ihrem Leben?

Chaos spielt eine große Rolle. Irgendein Philosoph hat einmal gesagt, die Natur strebe immer den Punkt des größtmöglichen Chaos an. Das Chaos ist mein Arbeitsfeld. Mein Arbeitsraum ist eine große Werkstatt, wo alles hineinfließt. Ich sitze in der Mitte und sortiere. Nie würde ich die Türen zuschlagen. Alles soll fließen.

Finden Sie als Schriftstellerin und Fotografin Ihren kreativen Kick dann im Chaos oder brauchen Sie externe Substanzen? Drogen als Elixier, Essenz des Schreibens, wie die Beatniks?

Drogen, Alkohol brauche ich auf gar keinen Fall. Ganz im Gegenteil! Ich muss sehen, dass sich das apollinische und das dionysische Element in mir die Waage halten. Dafür muss ich mich an der Vernunft festhalten. Ich muss Richtung Mitte streben, mich an vernünftigen Menschen festhalten wie zum Beispiel meinem Freund, einem wahren Pragmatiker. Ohne diese Orientierung an der Vernunft käme ich nicht klar.

Das Streben nach der Mitte scheint Ihnen sehr bedeutend zu sein. Sie haben auch einen Beitrag verfasst zu der Anthologie „Wie wir leben wollen – Texte für Solidarität und Freiheit“. Wie wollen denn Sie leben, liebe Franziska?

Ich lebe planlos, nutze den Zufall. Nur eine Angst habe ich: die Angst vor der Zerstörung unserer Umwelt. Deshalb wünsche ich mir mehr ökologisches Engagement. In welcher Gesellschaftsform das stattfindet, ist mir nicht so wichtig. Meine Kinder werden in verschiedenen Systemen klarkommen.

Klingt das nicht ein bisschen unbedarft? War die DDR diese heile Welt, die Ihnen vorschwebt?

Nein, es gab im Osten genauso Schattenseiten wie im Westen. Kindesmissbrauch gab es dort beispielsweise auch. In meinem nächsten Roman Die Gewitterschwimmerin setze ich mich mit meiner Familiengeschichte auseinander. Da werden Sie sehen, dass nicht alles so idyllisch war, wie es auf meinen Bildern aussieht.

Ute Cohens erster Roman Satans Spielfeld ist dieses Jahr beim Septime-Verlag erschienen

06:00 25.10.2017

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