Leben und leben lassen in Guben

Aufschwung in Brandenburg Gunther von Hagens schafft Arbeitsplätze

Vielleicht hatte er ja doch recht, Matthias Platzecks unersetzlicher Stellvertreter Jörg Schönbohm. Im Vorjahr erregte sich der Ex-Bundeswehr-General und brandenburgische Innenminister über die "Verwahrlosung der ostdeutschen Gesellschaft".

Im östlichsten Deutschland, in Guben, könnte er Recht bekommen. Der Plastinator Gunther von Hagens will dort für die Arbeit an seiner Leichenschau ("Körperwelten") eine leerstehende Wollfabrik kaufen. Aus Polen, wo er nahe der Grenze in Sieniawa Zarska eine Leichenfabrik eröffnen wollte, wurde der "Doktor Tod" 2005 vertrieben. Es war herausgekommen, dass sein Vater, der für ihn verhandelte, dort früher als SS-Mann tätig war (Freitag 13/2005).

Daher versucht es Gunther von Hagens jetzt in Guben. Er will für seine Zwecke das Fabrikgebäude Gubener Wolle haben, das früher einmal einen jüdischen Besitzer hatte. In der vergangenen Woche erkundete der RBB nun mit einer öffentlichen Diskussion die Stimmung in der Stadt, die 20 Prozent Arbeitslose hat. Zuerst die Straßenbefragung. Die Frau aus Guben: "Erst mal gehört etwas dazu, Leichen zu zerschnippeln, würde ich mal sagen." Ob sie das gut finde für die Stadt: "Jo, ich bin jemand, der sagt: leben und leben lassen."

In Guben also: Sterben und zerschnippeln lassen. "Wirtschaftlich ist so eine Produktion eine interessante Sache", befindet der SPD-Landrat Dieter Friese. Ihm geht es aber nicht nur um Arbeitsplätze. Auch um einen "Imagegewinn" für die Stadt. "Mehr Touristen, mehr Geld, ja eigentlich nur Positives", sagt auch der Mann auf der Straße.

Vor allem: Wenn er das Gebäude käuflich erwirbt, hat Gunther von Hagens - so der Landrat vor den in der Klosterkirche zur RBB-Sendung versammelten Gubenern - "ein Recht auf eine ermessensfehlerfreie (sic!) Entscheidung in diesem Verwaltungsvorgang, und der sieht nach meinem jetzigen Stand so aus, dass ihm dieses dort genehmigt wird."

Ein Problem hat der Landrat damit nicht. "Ich bin kein Gegner. Dieses Gebäude in der Uferstraße steht seit 15 Jahren leer" - seit dem Ausbruch der Freiheit im Osten.

Die Frau der Kirche allerdings, Generalsuperintendentin Heilgard Asmus, setzt dem einwandfreien Verwaltungsrecht des Landrats unter dem Gelächter mancher Bürger ihre Bedenken entgegen. Sie hat in von Hagens "Körperwelten" die offene Schwangere gesehen oder den Menschen, der - in Scheiben geschnitten - wie ein Mobile gedehnt ist. Sie hat da noch Tabus: "Ich glaube in unserer Gesellschaft gilt immer noch: Wir schneiden keine Menschen in Scheiben, und wir ziehen uns auch nicht gegenseitig die Haut ab."

Aber die unterschiedliche Stärke des Beifalls in der Klosterkirche zeigt, wo die Mehrheit der Gubener steht. Auf der Seite der Menschen, die sich gegenseitig die Haut abziehen in der Hoffnung auf einen Arbeitsplatz.

Hatte also Jörg Schönbohm Recht, wenn er vor gut einem halben Jahr im Wahlkampf befand, der Osten sei verwahrlost? Nun, in der Ursachenforschung hat er sich wohl vertan. Er meinte seinerzeit, es liege an einer von der SED "erzwungenen Proletarisierung", mit der ein "Verlust von Verantwortung für Eigentum einher" gegangen sei, "für das Schaffen von Werten". Es ist allerdings kaum vorstellbar, dass die Gubener vor der friedlichen Revolution für Arbeitsplätze in Fabriken gestritten hätten, in denen sie Menschen zu Scheiben zerschnippeln. Haben sie keine Alternative? Schafft gar Gunther von Hagens neue Werte?

SPD-Landrat Friese hält der Frau von der Kirche entgegen: "Verwaltungsvorgänge sind einer demokratischen Mitbestimmung entzogen". Und er zieht eine Weltkarte hervor mit allen großen Religionen, von denen jede einen eigenen Anspruch auf Unfehlbarkeit habe "und Ethik, wie man mit Toten umgeht".


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00:00 27.01.2006

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