Leben und Sterben

REINES ZEICHEN Was ich in New York sah

Endlich habe ich ein Leben, sagt Kathrin Röggla, die dabei war und Menschen hat Autos umleiten sehen, die es gar nicht gab. Ich war auch dabei, a second plane crashed into the World Trade Center, as you saw live here on CNN: Die Reporter wollen wie ich nicht glauben, dass das Welthandelszentrum nicht mehr in der Staubwolke steht, die von ihm übrig ist. We are going to hunt this folks down. Sofort denke ich eben nicht an Kluge und Sebald, dass es Erfahrungen gibt, die man gar nicht machen kann. Aber dann kommt das Fernsehen erst noch richtig. An allen Theoretikern vorbei zeigt es uns einfach was ist, und wir wissen es besser als die meisten New Yorker, die auch keine Realismus-Debatte über ihre Stadt führen: Die Menschenkörper waren tatsächlich aus dem hundertsten Stock gefallen. Dutzende. Bis Sonntag nach dem Dienstag war ab Mittwoch deshalb einmal Gewissheit. Man musste löschen und begreifen, begreifen und löschen, keine weiteren Kriegserklärungen erst mal. Mit der Wiederholung der Szenen, ihrer Häufigkeit und Variation geschah das Unmögliche: Man kapierte. Fantasien waren schon längst industrialisiert, aber nun noch mal die fliegenden Menschenkörper und noch mal und noch mal. Wer am längsten aushält, was ist. Unter den kreisenden Hubschraubern im frisch sanierten Berlin-Mitte versuchen Intellektuelle was zu sagen, obwohl Intellektualismus sich graduell an der Länge des Weges vom Eindruck zum Ausdruck bestimmt. Ha! Sollen doch Bilder, Passanten und Politik Krieg kriegen, bevor Intellektuelle oder gar Künstler was denken, fühlen oder sagen dürfen. Soll man doch Fotos von Opfern ins Netz stellen, damit jeder Trauer simuliert, wo man nicht wirklich für Sechstausend Einzelne was je einzelnes fühlt. Es ist ein bisschen abstrakt, so früher Camus. Verschließt sich dem Kopf wie dem Herz, so heute ich, meine Plomben ungläubig mit der Zunge befühlend. Soll doch Sabine Christiansen einen Kunstfilm draus machen, die Trauer durch unterlegte Musik und Verschnitt der authentischsten Fetzen menschlicher Stimmen beim Aufprall und Einsturz echter als echt werden. Alles rutscht schon wieder ganz weg. Aber Mohamed Atta hieß eigentlich el-Amir, war Stadtplaner und verfügte über eine Visakarte und extremes Gerechtigskeitsempfinden. Superintelligent wollte er ins Paradies, wo ihn die Palästinenserkinder gern besuchen würden, deren Hinterbliebenen Saddam Hussein Fünfzehntausenddollar zahlt. Bin Laden hat Ökonomie studiert, den Konzern eine Weile gemanagt, und streckt das Ticket vor, das er an der Börse finanziert. Den Fahrplan verschickt er aus seiner Höhle, aus der ihn der Präsident ausräuchert, mittels einer von uns unbemerkt manipulierten Bilddatei, die er in einer Newsgroup aufhängt. Wireless wohl. Das Modem haben des Präsidenten Vorgängers Vorgänger und dessen Vorgänger bezahlt, die ihn gegen die Kommunisten haben kämpfen lassen. Der westliche Lebensstil allein reicht nicht aus. Schon schickt der Präsident selbst, hemdsärmelig wie das Böse im Schlafsack nicht, Flugzeuge der Unendlichen Gerechtigkeit, die el-Amir, als er noch lebte, so extrem empfinden konnte, dass er es nicht mehr aushielt: Der Künstler schlechthin eben sagt Stockhausen. Die Kunst ist der legitime Ort des Extremismus, sagte ich in Klagenfurt. Politik genau etwas anderes. Wer Realismus schreit, lügt schon. New War sagt CNN. Kampf der Zivilisation, Kampf des Glaubens, Kampf gegen die Barbarei. Öl gegen Öl. Der Mann auf dem Broadway sagt, seine Mutter sei jetzt eine Heldin. Weint. Ein Poster, das man bis letzte Woche in den Souvenirläden Manhattans kaufen konnte: Die Silhouette Manhattans vor dem Bau der Türme, braunweiß eingefärbt, idyllisiert, war subkulturell. Die Zwillingstürme, beim typischen Wetter vom Dienstag schon beim Landeanflug auf Newark zu sehen, bestachen, wenn dann durch Kühnheit, und letztlich durch schiere Behauptung der Ultimativität. Erst ging die Mauer, jetzt ist der leere Himmel über New York reines Zeichen. Das ist nicht mehr Leben, sagt die Arbeitsmaschine in mir: Das ist schon Sterben. Die Toten schneiden den Weg ab. Wie immer.

Ralf Bönt, 1963 in Ostwestfalen geboren, lebt seit 1993 als Schriftsteller in Berlin. 1999 erschein sein Debütroman Icks, 2000 der Roman Gold.

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00:00 28.09.2001

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