Leben unterm Damoklesschwert

Bewegungsarm aber intensiv Luc Perceval inszeniert "Maria Stuart" an der Berliner Schaubühne

Kaum ist das Schiller-Jahr beendet, brachte die Berliner Schaubühne am Wochenende mit Maria Stuart einen, wenn nicht den "Klassiker" des Jubilars heraus. Für ein Haus, das sich als zeitgenössisches Theater versteht, ist diese Entscheidung entweder in zweifacher Hinsicht ignorant, oder sie zeugt von einer doppelten Portion Mut.

Königin Elisabeth und Königin Maria, England und Schottland, Protestanten und Katholiken, Tugendhaftigkeit und Schönheit, Macht und Ohnmacht, Liebe und Hass, jugendlicher Überschwang und erwachsenes Kalkül - Konflikte, die aus Gegensätzen resultieren, finden sich in Maria Stuart in einem solchen Übermaß, dass eine Inszenierung unmöglich alle abarbeiten kann und sich daher entscheiden muss, welchen sie ins Zentrum stellt.

Dies gilt zumindest dann, will sie, wie im zeitgenössischen Theater üblich, zu den Konflikten eine Haltung einnehmen und für diese oder jene Seite Partei ergreifen. Dass auch diese Maria Stuart eine Haltung einnimmt, wird schon vor Beginn deutlich - und genauso früh ist ersichtlich, dass sich der Abend weder für einen der Konflikte entscheiden noch dabei Partei ergreifen wird. Dreieinhalb Stunden später bleibt das Erstaunen zurück, dass die Inszenierung dadurch alles andere als unentschieden oder gar beliebig gerät.

Die Schaubühne am Lehniner Platz wurde einst als Großkino gebaut, und anders als bei herkömmlichen Theaterbauten muss für jede Inszenierung der Raum, in dem sie spielt, eigens definiert werden. Für Maria Stuart fiel die Wahl auf das traditionelle Gegenüber von Bühne und Parkett, das jedoch ohne den traditionellen Vorhang auskommt. So sticht schon beim Gang zum Sitz der kolossale Rammbock ins Auge, der leicht angeschrägt über der Szene hängt und die gesamte Breite der Bestuhlung - geschätzte 15 Meter - einnimmt. Von eisernen Bändern zusammengehalten, legt dieses hölzerne Monstrum eine Grundstimmung des Unheils über die noch unbespielte Bühne: Ohne Ansehen von Rang, Glaube, Alter und Geschlecht droht sie unterschiedslos alles und jeden zu vernichten. So weiß sich Schillers Personal schon vor dem ersten Auftritt unter der Drohung eines überdimensionalen Schwert des Damokles vereint.

Selbstverständlich ist die Drohung nur ein Schein, denn unter der Last von echtem Holz und Eisen würde wohl das Haus einstürzen. Doch auch als Imitat aus Kunststoff erfüllt der Rammbock auf der Bühne von Annette Kurz eine doppelte Funktion, denn wo keine Gegensätze herrschen, herrscht auch kein Konflikt. Und so hat die erdrückende Last zugleich befreiende Wirkung: Sie entbindet die Schauspieler von der Pflicht, psychologische Motive für das Tun und Lassen der Figuren vorzutäuschen. Stattdessen können sich darauf konzentrieren, die objektiven Beschädigungen aufzuzeigen, die das Leben unterm Damoklesschwert bei allen angerichtet hat.

Das zeigt sich schon in der ersten Szene, in der Maria (Yvon Jansen) von einem schlichten Lehnstuhl aus schweigend zusieht, wie ihre treue Amme Hanna (Femke Heijens) von Ritter Paulet (Thomas Bading) fast vergewaltigt wird. Dessen eigentlicher Auftrag lautete, die Gefangene bis zu ihrer Hinrichtung hinter den Mauern seines Schlosses zu verwahren. Doch auch der Hofschatzmeister Burleigh (Ezard Haußmann), obwohl nur wenige Meter entfernt, macht keine Anstalten, den Ehrenmann an seine Pflichten zu erinnern. Weil er im Rollstuhl sitzt? Den wird er behend verlassen, sobald es ihm beliebt.

Als der junge Mortimer (David Ruland) hinzutritt, erhebt sich auch Maria. Ihr weißes Tüllkleid steht in strengem Kontrast zum blauen Anzug, den, wie alle Männer, auch Mortimer trägt. Die Farbe erinnert an Kriegsmarine, die Qualität an freiwillige Feuerwehr. Ebenso kontrastreich gerät das Sprechen: Die entthronte Königin von Schottland spricht Schillers Verse im Jargon der rotzigen Göre, während der junge Heißsporn betont gewählt artikuliert. Diese Welten prallen aufeinander und fallen doch in eins, als sich Maria zu ihrem möglichen Befreier beugt - und flüsternd in sein Mikro spricht. Die Szene wiederholt sich später zwar identisch, doch mit umgekehrten Vorzeichen, wenn Elisabeth denselben Mortimer zum Mord an Maria anstiften will.

Zuvor jedoch senkt sich aus ohnehin nicht heitrem Himmel der Rammbock. Wenn er nach langer Talfahrt den Boden erreicht hat, funktioniert Elisabeth (Jule Böwe) ihn zum Schwebebalken um, über den sie in einem weißen Kleid und High-Heels balanciert. Äußerlich Maria zum Verwechseln ähnlich, dient zur Unterscheidung auch hier die Sprache: Die Königin von England spricht im proletarischen Stakkato und mit rauem Ton. Letzterer mag daher rühren, dass Ihro Gnaden Kette raucht.

Außer diesem Laster teilen die Rivalinnen um Englands Thron jedoch so ziemlich alles: Wie beide ihre Hoffnungen in Mortimer setzen, gilt beider Liebe dem Grafen Leicester (Bernd Grawert), der die Seiten so schnell wechselt, wie er sich das Hemd vom Leib reißt und Elisabeth in die Arme schließt. Wenn er sie wieder entlässt, trägt sie ein schwarzes, bodenlanges Kleid, in dem sie sich der Begegnung mit Maria gewachsen fühlt. Für die zentrale Szene des Stücks erklimmen die Rivalinnen die äußersten Enden des Schwebebalkens, der, leicht angehoben, beim Streitgespräch in Schwingungen gerät und so wieder zum alles zerstörenden Rammbock wird.

Der Flame Luk Perceval feierte mit dieser Inszenierung seinen Einstand als neuer Hausregisseur der Schaubühne. Vor gut zwei Jahren und noch als Gast bescherte er dem Haus mit Andromache einen Publikumserfolg, der zudem den Preis als beste Berliner Inszenierung des Jahres erhielt. Wie Andromache bezieht nun auch Maria Stuart die Spannung nicht aus dem, was geschieht, sondern daraus, wie etwas geschieht: Das intensive, bewegungsarme Spiel lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf die Sprache, die ohne große Eingriffe in den Text übernommen wird. Gravierender als die wenigen Striche wirkt sich das Verschmelzen der Szenen aus, wodurch Handlungen und Gespräche, die bei Schiller streng geschieden sind, zur selben Zeit am selben Ort stattfinden.

Und weil auch das zur Grundstimmung des Unheils beiträgt, gäbe es von diesem Abend wenig Tröstliches zu berichten, wäre da nicht Shrewsbury (Erhard Marggraf), der Älteste der Lords und einziger steter Mahner. Der sticht in zweifacher Hinsicht hervor: Weil er nicht den blauen Einheitsanzug trägt, sondern ein abgewetztes Cordjackett, und weil er auch dann auf der Bühne ist, wenn Text und Handlung es nicht erfordern. Und vielleicht liegt in der bloßen Anwesenheit dieses Sonderlings ein Hauch von Hoffnung im Leben unterm Damoklesschwert.


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00:00 17.02.2006

Ausgabe 39/2020

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