Leben wie im Film

Literatur Die Memoiren des Antisemitismusforschers Léon Poliakov lesen sich wie ein Thriller
Leben wie im Film
Léon Poliakov, 1977

Foto: Leemage / Imago Images

Aktuellstes Verdienst des an Verdiensten reichen, so kleinen wie feinen Verlags Edition Tiamat, ist sicherlich die Neuauflage von Léon Poliakovs Memoiren eines Davongekommenen. Der durch die Shoah zum Historiker gewordene Antisemitismusforscher veröffentlichte den Hauptteil dieser Erinnerung unter dem Titel L‘Auberge des Musiciens bereits 1980 als 70-jähriger und erweiterte dieses fesselnde, mitten aus dem Wahnsinn der französischen Judenverfolgung der Kriegsjahre stammende Zeugnis in den 90er Jahren um zwei Teile, die einerseits die Kindheit in St.Petersburg vor und während der Revolution beleuchten, andererseits einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt und den Bildungsschatz des Historikers gewähren.

Léon Poliakovs achtbändiges Standardwerk Die Geschichte des Antisemitismus gilt bis zum heutigen Tag als umfassendstes und vielschichtigstes Werk eines Historikers zum Thema. Dabei weist er nach – und das macht die Lektüre seines Werkes so unangenehm –, dass der Antisemitismus eng verbunden ist mit dem Aufstieg des Christentums und später, zusammen mit einem europäischen Rassismus, als Schmuddelkind die Aufklärung begleitete. Liest man die ausgewählten Zitate von Voltaire (der sich innerhalb seiner breit aufgefächerten Geschäftsfelder auch im Sklavenhandel betätigte) und Kant, stockt einem der Atem. Kants Auslassungen zum „Fortschritt zum Besseren im Menschengeschlecht“, die Poliakov in den Memoiren zitiert, würden heute jedem Neurechten, Identitären oder völkisch vernebeltem Apologeten eines „reinen Volkskörpers“ die Tränen der Bewunderung in die Augen treiben. Angesichts des derzeitigen Wiederaufstiegs solcher Weltanschauungen ist es ein Geschenk, Polikiavos Text neu aufgelegt lesen zu dürfen und dank des erhellenden Nachworts von Alexander Carstiuc in sein Werk eingeführt zu werden.

Im ersten Teil lässt Poliakov seine Kindheit in St. Petersburg in der Revolutions- und Bürgerkriegszeit kurz Revue passieren. Es folgen die Emigration nach Berlin und Paris, die Wirren der Weltwirtschaftskrise und der Aufstieg der NSDAP. Bereits die Berlin-Episode zwischen 1921 und 1924 eröffnet den Blick auf einen alle Erwartungen unterlaufenden Alltag: Der jüdische Junge begeistert sich wie seine Mitschüler für die germanischen Mythen, was ihm das Erlernen der Sprache erleichtert und ihn schnell Freundschaften schließen lässt.

Historiker aus Versehen

Angesichts der Beschäftigung mit den germanischen Superhelden werden Abstammung und Herkunft unbedeutend, ein schöner Beleg dafür, dass Herabwürdigung und Segregation mit viel lügnerischem Aufwand und Bösartigkeit betrieben werden müssen. Später wird Poliakov solchen Erzählungen in seinem Hauptwerk auf den Grund gehen.

Die Zeit in Paris und in der sogenannten Freien Zone Pétain-Frankreichs während des Krieges liest sich dann wie ein Agenten-Thriller. Poliakov engagiert sich in jüdischen Hilfsorganisationen, die es, immer klandestiner organisiert, schaffen, ganze Gruppen von Verfolgten zu verstecken oder mit gefälschten Papieren außer Landes zu schmuggeln. Einer kleinen Gemeinde von Protestanten auf dem abgelegenen Hochplateau von Le Chambon-sur-Lignon gelang es, bis zum Kriegsende bis zu 5.000 Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Auch den lasch umgesetzten Verfolgungsbefehlen der italienischen Armee in deren Besatzungszone an der Côte d‘Azur, hatten viele Menschen ihr Leben zu verdanken. In der Auberge des Musiciens, einem Bistro in St.Etienne, tauchte eine verschworene Gemeinschaft schillernder Figuren unter (Poliakov unter dem Namen Robert Paul), immer in Gefahr, aufzufliegen. Poliakov schildert seine Mitstreiter so lebhaft und vielschichtig, dass der Text wie eine Vorlage für einen packenden Spielfilm wirkt. Das gilt auch für die Umstände, die Poliakov zum Historiker werden ließen. Nach Kriegsende, auf der Suche nach Material zu den nationalsozialistischen Verbrechen, zeigt ihm ein Kommissar der französischen Staatspolizei eine Holztruhe, prall gefüllt mit Dokumenten, die dieser nicht lesen konnte. Es handelte sich um die Registratur der Archive der SS. Von der Kollaboration bis hin zum Massenmord konnte mittels dieser Papiere die Strafverfolgung beginnen. Mit ihrer Hilfe gelang es Poliakov auch, die Organisation und bürokratische Struktur der Vernichtungsmaschinerie akkurat nachzuzeichnen. Der Fund beflügelte überdies die Aktivitäten des von Poliakov mitbegründeten Centre de Documentation Juive Contemporaine (CDJC).

Bereits 1951 veröffentlichte Poliakov mit Brevier des Hasses die erste analytische Studie über die Shoah. Mit unerschrockenem Blick auf die Motive der Täter wies er nach, dass der Massenmord der NS-Ideologie inhärent war. Dabei ist es eines der vielen Verdienste Poliakovs, auch den „Porajmos“ (Romanes für Verschlingen), den Genozid an den Sinti und Roma, in seine Analyse miteinzubeziehen. In Geschichte des Antisemitismus wiederum führt er aus, dass die Wurzeln der Verschwörungstheorien über die Juden bis in die hellenistische Antike zurückreichen und sich im Christentum mörderisch entfalten. Er zeigt, dass der Mythos des wiederauferstandenen Gottessohns nur durch die ständige Wiederholung seiner Opferung aufrechterhalten werden kann und den damit verbundenen imaginierten Taten der Juden (Hostienschändung, Brunnenvergiftung, Kindstötung). Damit gelingt ihm ein überzeugender Bogenschlag, der sich von der Geschichtsforschung bis zur Psychoanalyse spannt.

Viele Erinnerungen Überlebender handeln, wenn sie über die Selektionen berichten, weniger von der Todesangst als von ihrer Sorge, ob das, was in ihrer Umgebung passiert, von der Nachwelt je als Verbrechen betrachtet werden wird. Poliakovs Konzentration auf die Triebkräfte der Täter ließ nicht nur den Toten Gerechtigkeit zuteil werden, sie spendete auch den Überlebenden etwas Trost.

Info

Memoiren eines Davongekommenen Léon Poliakov J. Empen, J. Stabenow, A. Carstiuc (Übers.), Edition Tiamat 2019, 288 S., 24 €

06:00 24.07.2019

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