Lebensadern gekappt

Irak Seit elf Jahren zerstören Bomben und Sanktionen die Wasserversorgung des Landes - eine biologische Kriegführung, deren Ziel in US-Militärdokumenten von 1991 festgehalten ist

Auf den ersten Blick ist das Saddam-Kinderhospital in Bagdad ein düsterer Ort: kaum Farbe an den Wänden, schwache Beleuchtung in den Räumen. Auf den Fluren warten Väter und Mütter, die medizinische Behandlung für ihre Kinder suchen. Diese Eltern wollen mit allen Kräften das verhindern, was hunderttausendfach während der vergangenen elf Jahre geschehen ist: Sie wollen den Tod der Kleinsten und Schwächsten verhindern, denen - als Folge der Bomben und Sanktionen - sauberes Trinkwasser und medizinische Versorgung versagt blieben.
Langsam und qualvoll verhungern
Die Lage der Kinder im Irak, wie jener in der Saddam-Klinik, ist für Thomas Nagy, Überlebender des Holocaust und Professor an der George-Washington-Universität in der US-Hauptstadt, zwangsläufige Konsequenz einer Politik, die er "Völkermord" nennt. Nach Einsicht in einige zur Zeit des Golfkrieges 1991 verfasste, mittlerweile zugängliche US-Militärdokumente, in denen die geplante Zerstörung der irakischen Infrastruktur - vorrangig der Wasserversorgung - beschrieben wird, sieht sich Nagy in seinen Vermutungen bestätigt. In einem kontrovers diskutierten Papier, das er im August Wissenschaftlern in Washington präsentierte, die sich mit Völkermord beschäftigen, argumentiert er, die absichtliche Zerstörung der irakischen Anlagen für Wasserversorgung und Abwasserreinigung sei nichts Anderes als ein Plan zur Vernichtung eines Volkes - allerdings ohne Konzentrationslager, fügt er als Holocaust-Überlebender sarkastisch hinzu. Auch Rania Masri, ein amerikanischer Umweltforscher, glaubt, dass sein Land so etwas wie einen biologischen Krieg gegen die irakische Zivilbevölkerung führe: "Als die Vereinigten Staaten Wasseranlagen im gesamten Irak bombardierten und dann mit ihren Sanktionen eine Regeneration der Infrastruktur blockierten, war völlig klar, dass massenhaft Menschen erkranken und sterben."
Ragheed Ryadh, ein junger Arzt, der ebenfalls in der Saddam-Klinik arbeitet, beschreibt, wie er Kinder behandelt, die lebensgefährlich erkrankt sind, weil Brutkästen fehlen. Mängel dieser Art sind im sanktionsgeplagten Irak überall zu finden. Ryadh zeigt die Babies, die in den wenigen Brutkästen, die das Krankenhaus noch besitzt, eine minimale Überlebenschance haben: "Das durchschnittliche Gewicht Neugeborener hat ständig abgenommen, weil auch die Mütter schlecht ernährt sind." Selbst wenn die Babies genug Nahrung bekämen, meint Ragheed Ryadh, seien sie nicht fähig, die Lebensmittel zu verarbeiten und würden daher qualvoll verhungern. Die Rationen zu erhöhen, genüge nicht, um das massenhafte Sterben zu beenden. Vor allem müsse die Versorgung mit sauberem Trinkwasser garantiert sein.
So sehr ihr euch auch aufreibt
In einem anderen Hospital, der Al-Mansour-Kinderklinik in Bagdad, finden wir ebenfalls schlecht beleuchtete Räume. Auch hier versuchen Neugeborene, ihre ersten Lebenswochen zu überstehen und mit den für Wasser- und Nahrungsmangel typischen Krankheiten fertig zu werden. Trotz der wohl gemeinten Anstrengungen des "Öl-für-Nahrung-Programms" der UNO bleibt eines von vier irakischen Kindern chronisch unterernährt, beim Zugang zu sauberem Trinkwasser sieht es noch schlechter aus. Entsprechend wütend ist Mahmoud Mehi, der Direktor dieser Klinik: "Uns fehlt es im Moment vor allem an Chlor, um die Krankheitserreger im Trinkwasser abtöten zu können. Krankheiten wie Typhus sind darauf zurückzuführen. In meinem Krankenhaus, und dies ist ein Lehr-Krankenhaus in der Hauptstadt, sterben jeden Tag ein oder zwei Kinder. Stellen Sie sich vor, wie es außerhalb Bagdads in den ländlichen Gebieten aussieht."
Berichte der UN bestätigen dieses traurige Bild. Nach einem Bericht, den Kofi Annan dem Sicherheitsrat vorlegte, ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser fast nirgends im Irak mehr gesichert. In einem anderen Report des UN-Generalsekretärs heißt es, dass "trotz verbesserter Verfügbarkeit von Arzneimitteln viele Krankheiten nicht unter Kontrolle sind, weil das Wasserproblem und die schlechte Umweltsituation weiterhin den Alltag bestimmen". Beide Berichte kritisieren wiederholt, dass diejenigen, die im Auftrag des Sicherheitsrats die Sanktionen überwachen, viel zu oft Güter nicht ins Land lassen, die für die Versorgung der Bevölkerung dringend notwendig wären. Obwohl der Irak mittlerweile Öl im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar nach dem "Öl-für-Nahrung-Programm" exportiert hat, sind bislang nur Güter mit einem Gegenwert von 23 Milliarden im Land angekommen.
Faris al-Asam, Planungschef der Wasserbehörde in Bagdad, beklagt sich heftig darüber, dass Hilfsgüter zurückgehalten werden: "Wir sind ständig damit konfrontiert, dass wir die Beseitigung von Mängeln nicht vernünftig planen können. So sehr wir uns auch bemühen, die Gegenseite türmt immer wieder neue Hindernisse auf. Permanent gibt es schikanierende Fragen, wir beantworten sie - was folgt, sind neue Fragen. Was man uns offenbar sagen will: ›So sehr ihr euch auch aufreibt, es nutzt am Ende doch nichts‹."
Trotz dieser Blockade wollen Thomas Nagy und Rania Masri, die beiden US-Wissenschaftler, die ihren irakischen Kollegen zur Seite stehen und in den USA für Aufklärung sorgen, nicht aufgeben. Sie fordern, die elf Jahre dauernden Sanktionen und Bombardements endlich zu stoppen. Nagy schlägt sogar vor, eine Wahrheitskommission ins Leben zu rufen, die den Vorwurf des Völkermords der Vereinigten Staaten gegen den Irak untersucht, auch wenn er weiß, dass die Bush-Regierung das Thema Irak mit einem vernichtenden Krieg beenden will. Unterdessen fragt sich Dr. Ryadh im Saddam-Kinderhospital, was sich die Bürger in den USA dabei denken, einen Präsidenten zu unterstützen, der einen großangelegten Angriff auf ihr Land plant: "Warum wollen sie nun alle Menschen im Irak töten, nachdem schon Hunderttausende gestorben sind?"
Übersetzung aus dem Englischen: Hans Thie

Ramzi Kysia ist US-Bürger arabischer Herkunft, der derzeit in Bagdad das sogenannte Iraq Peace Team aufbaut: eine Initiative, mit der bewusst und sichtbar mindestens 100 Amerikaner während eines möglichen US-Angriffs an humanitären Brennpunkten im Irak tätig sein wollen.


Mit einem "Memorandum of Understanding" wurde am 20. Mai 1996 die Aufteilung der Gelder geregelt, die durch den Verkauf irakischen Erdöls (von der UNO zugestanden sind Lieferungen im Wert von zwei Milliarden Dollar für jeweils sechs Monate) eingenommen werden. Die Überweisung der Mittel erfolgt auf Konten, zu denen die Regierung von Saddam Hussein keinen Zugang hat.


Verteilungsschlüssel der Öleinnahmen
Anteil (Angaben in Prozent)Region / Zweck
53,5
Zentralirak
12,5
Irakisch-Kurdistan
30,0
Kriegsreparationen an Kuwait
2,2
UN-Verwaltung
0,8
UN-Schutz und Kontrollkräfte (UNSCOM)
00:00 30.08.2002

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