Lebenslauf

Nachruf auf Peter Hacks Gottfried Fischborn ...
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Gottfried Fischborn

Senecas Tod

Mord ist Inhalt hier und Selbstmord Form:
Lebens-Form für eines kurzen Tages Lauf,
Inhaltslos verlaufend, einer Haltung
Form am Ende selbst, die aller Haltung Norm.

Doch ist´s nicht die schöne Kunst-Verwaltung
Der Legende nur, was Hacks uns gibt:
Störrisch Weibsbild, eitler Schwätzer, drauf
Der Schüler, der zu kleinlich liebt.

Eifersucht des Freundes. Honorar-
Gerangel. Handwerks-Ärger damals schon.
Und Verdacht auf Fremdgehn. Nichts ging klar,

Als die Stunde ankam. Ohne Lohn
An Freundesschmerzen geht er. Stellt die Frage
Für jetzt: Wie kann man leben? Und für alle Tage.

Riese

Am 28. August haben die Deutschen einen Dichter verloren. Peter Hacks. Dass er gestorben war, das haben sie sehr früh erfahren. Dass er ein Großer war, das werden sie erst morgen wissen.

Es sind nicht die Deutschen, die ihre Dichter anpissen, um sie in das Klosett des Vergessens zu spülen, es sind die, welche glauben, den Deutschen ihre Meinung zu machen. Das ist nicht neu und geht über die Jahrhunderte von halblinks bis ganz böse. Es ist der Versuch von Zwergen, Riesen auf Augenhöhe zu schrumpfen. Es sind die heute gelesenen und morgen vergessenen.

Mir hat man nicht die Überzeugung vermitteln können, dass die Deutschen ihre Dichter vergessen. wenn sie denn Dichter waren. Peter Hacks ist einer.

Peter Hacks war ein willensstarker Mann. An seinem Ende nahm er sich die Möglichkeit, zwei Termine für den Zutritt des Gevatters zu gewähren. Den 1. August oder den 28. August. Der 1. August 1973 war der Todestag von Ulbricht. Am 28. August waren die Geburtstage von Goethe und Hegel. Hacks entschied sich für den 28. August 2003.

Der Dichter Peter Hacks hat sich die Wahl nicht leicht gemacht.

Eberhard Esche


Klassiker

Peter Hacks hat auch darüber geschrieben, "warum die Klugen vorziehen, griechisch zu leben und römisch zu sterben". Ob ihn der Tod nach Art der Stoiker getroffen hat, denen der Tod gleichgültig war, denn solange man lebe, sterbe man nicht, und sei man gestorben, so gebe es einen nicht länger und das Problem des Todes habe keinen Belang mehr, ist Privatsache. Das griechische Leben jedoch, seit je auf Öffentlichkeit geeicht, mag als erster Hinweis dienen, denn natürlich drängt sich sofort der Gedanke an eine Klassizität auf, die auch Hacks seit Anfang der sechziger Jahre für sich reklamierte.

Er fing mit und bei Brecht an, verweilte lange bei Goethe, um schließlich Peter Hacks, der sozialistische Klassiker, zu werden. Dieser literarische Lebensweg mutet noch heute seltsam an, da dieses Etikett ein Markenzeichen wurde, das dem Stückeschreiber allen zeitweiligen Boykotten zum Trotz, eine stetige Präsenz auf deutschen Bühnen ermöglichte. Hacks wurde gespielt und gelesen, denn sein Witz, seine Originalität verdrängten häufig die Vorbehalte. Warum sollten auch Moritz Tassow, Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe nicht aufgeführt werden, nur weil dieser Autor zufällig in politischen Dingen ein Hardliner war?

Es gab Mittel und Wege, seine Zumutungen zu ertragen oder sie schlichtweg zu ignorieren. Aber Hacks sorgte immer wieder dafür, dass es schwer genug wurde: Als er Heinrich Böll als "Herbergsvater" für reisende Dissidenten verspottete oder Käthe Kollwitz "mit ihren hungernden Proletarierfrauen, die immer aussehen wie eine demonstrierende Kunstgewerbeschule" enttarnte. Die Liste derjenigen, die seinen Invektiven zum Opfer fielen, liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Intellektuellen im 20. Jahrhundert. Ob Niklas Luhmann, als er schrieb, es könne in modernen Gesellschaften keinen externen Standpunkt mehr geben, die Hackssche intellektuelle Position hinreichend bedacht hat? Querulanten und Eigenbrötler haben immer ihre Sympathisanten, die ihnen so manche Eigenheiten verzeihen, sie gegebenenfalls sogar zu Vorzügen umdeuten. Die politischen Urteile, am prominentesten natürlich der Beifall zur Ausbürgerung Wolf Biermanns, stellen allerdings zuweilen harte Nüsse dar. Von Uwe Johnson ist der Ausspruch überliefert: "Ich versaue mir doch nicht meine Biographie." Hacks war frei von Rücksichten dieser Art - möge ein jeder urteilen, welche Haltung vorzuziehen sei.

In seinen Stücken, vor allem den späten, dominiert die Haltung des gelehrten Allegorikers. In der Spätzeit der DDR und vollends nach 1989 konkurrieren bei Hacks melancholische und historisch abgeklärte Stimmungen miteinander. Da er selbst dem Credo folgte, in den historischen Dramen, Lustspielen und Mythenbearbeitungen müsse die Form immer eine große sein, ergeben sich natürlich Diskussionen, inwieweit diese Literatur noch die gegenwärtige Realität enthält oder in eine universelle und systemübergreifend zu destillierende Moral abdriftet. Letztlich aber müssen alle, die ihm irgendeine Art von Harmlosigkeit anhängen wollen, anerkennen, dass die offene Form seiner Stücke darauf hinausläuft, an einen Zustand zu denken, der besser ist als der jetzige.

Natürlich ist seine Literatur unzeitgemäß. Ein Essay wird sicher nie geschrieben werden: "Peter Hacks und die Postmoderne." Bereits ohne das Präfix wäre die Aufgabe undankbar genug. Doch genauso sicher ist damit nichts über seine Wirkung gesagt. Seine Bücher werden weiterhin gelesen werden. Seine Stücke sind einfach zu witzig, zu unterhaltend, die Essays zu gelehrt, als das nicht Vergnügen und Nutzen sich daraus ziehen ließen. Und es finden sich so viele schöne Sätze, die zum Zitieren geradezu herausfordern, zum Beispiel dieser: "Das Sterben ist am Auferstehen der unangenehme Teil." Was immer er uns damit sagen wollte.

Mario Scalla


Preuße

Eine große, überaus nobel eingerichtete Wohnung in der Schönhauser Allee. Frage an den Komödiendichter Peter Hacks: "Verlangen historische Stoffe nicht oft, fast in der Regel, nach tragischen Lösungen?" - "Nein, um Gotteswillen, ich suche mir doch die, die gut ausgehen ..., ich will doch keinen Fez mit Mord und Totschlag machen, das überlasse ich nun wirklich Herrn Müller." Immer werde sich die Gesellschaft aus allen Klemmen "herauswurschteln", schon könne man ja sehen, "daß selbst die Klassengesellschaft eine Klemme ist, aus der man heraus kann." Es ist der 16. April 1974.

Oft habe ich mich - der zeitweilig intensive Gesprächs- und Briefkontakt war 1983 abgebrochen - nach der so genannten Wende gefragt, wie Hacks den anscheinend definitiven Rückfall in die große Klemme ausgehalten hat. Sein trotziger, derzeit gern zitierter Hinweis auf ein kommendes Jahrtausend gibt keine ganz befriedigende Antwort. Auch nicht, dass er weiterhin Komödien schrieb - die, denke ich, schon erkennen lassen, wie lange er in den historischen Arsenalen hatte suchen müssen. Ich meine wirklich, wie er es aushalten konnte. Die Frage, die in Senecas Tod der Held mit seinem letzten Atemzug formuliert: Wie kann man leben?

Dass er sich gern als einen Preußen bezeichnet hat, fällt einem da ein. Das verantwortliche, das genaue und vor allem das unbedingte Arbeiten, das Arbeiten unter allen Umständen, mag damit gemeint gewesen sein. "Ich arbeite vorher und nicht hinterher", hat er einmal gesagt, und damit gemeint, dass etwa Fabel- und Szenenbau eines Dramas bis ins letzte klar sein mussten, bevor sie dann so und nicht anders sprachlich ausgearbeitet wurden - Widerspiegelung des "klassischen" Ideals der Vollkommenheit im unmittelbaren Schaffensprozess. Das Leben als Preuße zu bewältigen war die eine, es in der Kunst und als ein Kunstwerk zu genießen, die andere Seite seines Entwurfes. Als ein vielseitig-heiteres Tagewerk voller Misslichkeiten und Erfüllungen, an dem alle Sinne beteiligt sind: gerade so, wie sein Seneca seinen letzten Lebenstag genießt.

Hacks´ Sinnlichkeit - keiner hat den Sex so rückhaltlos als einen edlen menschlichen Selbstzweck beschrieben wie er im Amphitryon oder im Tassow! -, seine artistische Eleganz, seine gesamte komödische Aneignungsweise waren letztlich dem "langen Vorgriff", dem kommunistischen Ideal zugeordnet, ja sozusagen dessen imaginierter Vorschein. Dabei ist sich Hacks der Mittelmäßigkeit und vieler Fragwürdigkeiten des realsozialistischen Systems durchaus bewusst gewesen. Zwischen dieser Wirklichkeit und jenem Ideal, dem er auf bewundernswerte Weise die Treue hielt, sollte, ja musste es einfach eine Brücke geben. Immer deutlicher meinte der spätere Hacks - selbst hierin an Goethe, nämlich an dessen Napoleonbewunderung anknüpfend -, dass die von Marx beschriebene Herrschaftsform des Bonapartismus diese Brücke sei. Aber war der denn im Staatssozialismus wirklich wiedergekehrt? Und lag nicht schon früh in der Lobpreisung des Bonapartismus als einer angeblichen Notwendigkeit jene Rechtfertigung Stalins, die dann auch ausgesprochen wurde? Wir dürfen diese Frage nicht verschweigen.

Doch der Gedanke tut weh, dass Peter Hacks in der Vereinsamung, die eine so radikale Abkoppelung von Diskurs und Erfahrung der Zeitgenossen mit sich bringen muss, zuletzt doch eine Tragik erfahren haben könnte, wie er sie als Komödienschreiber nie akzeptiert hätte.

Gottfried Fischborn


Exzentriker

Wenn du mir ein Märchen erzählst, lasse ich dich laufen", sagte der Storch zum Ochsenfrosch; denn er war schon satt genug. Was glaubt ihr, wie dem Ochsenfrosch die Reime aus dem Maul flossen? (Peter Hacks, Das musikalische Nashorn).

Für Ochsenfrösche hielt er alle, die sich nach dem Untergang der DDR in ihrer Utopie unsicher wurden, wankten, neue Pflöcke in einer anderen Umgebung setzten, also: die gesamte Spitze der PDS und viele der gewendeten SED-ler. Zum Munde reden war Hacksens Sache zu keiner Zeit. Er sagte, was er dachte. Er verachtete die Anbiederung an Autoritäten, auch der DDR, die es für ihn nicht gab. (Was nicht hieß, dass er an deren Vorstellungen oder Entscheidungen rüttelte.) Er hatte seine eigene, unerschütterliche sozialistische Utopie, die er sich nicht von "Dummköpfen" und "Schleimern" zerreden lassen wollte. Das machte den Umgang für gewöhnliche Sterbliche schwer. Er hat den Katzenjammer der Enttäuschten von heute schon 1990 beschrieben. Denn was immer ihnen als Appetithäppchen von den neuen Herren vor die Füße geschmissen wurde, schien ihm nichts im Vergleich mit dem Verlust einer Utopie. Er war im Wortsinn einer der wenigen Exzentriker der DDR. Nie in der Mitte der Massen, nie an der Spitze und gerade deshalb einer ihrer meist gespielten, bedeutendsten Dramatiker und Essayisten.

Regina General

00:00 05.09.2003

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