Lebensretter und Sterbehelfer

Medientagebuch Ansehen und Aussichten des Fernsehens: Ein Blick auf die Auswahlprogramme der Cologne Conference

In diesen Tagen erhält der Regisseur und Drehbuchautor Paul Haggis im Rahmen des TV- und Filmfestivals Cologne Conference den neu geschaffenen "Filmpreis Köln". Haggis ist Szenarist Oscar-prämierter Filme wie Million Dollar Baby und L.A. Crash. In Köln stellt er seine TV-Serie The Black Donnellys vor und referiert zum Thema "Autorenfernsehen aus der Traumfabrik". Wäre Haggis ein deutscher Filmkünstler, der Weg zum Fernsehen würde wohl als Abstieg begriffen werden. Gute Gründe für diese Geringschätzung eines Mediums, in dem eine Serienepisode an einem Abend mehr Zuschauer erreicht als eine Kinoproduktion in mehrwöchiger Laufzeit, gibt es nicht. Lange vor der jüngsten Welle anspruchsvoller Serienerzählungen wie Lost, Dr. House oder 24 gab es Autorenproduzenten wie Steven Bochco oder David E. Kelley, die gewisse Themen immer wieder umspielen wie ein Jazzmusiker seine Leitmelodie, dabei aktueller als Kinoautoren auf gesellschaftliche Konflikte reagieren und formale Neuerungen riskieren.

Paul Haggis begann seine Karriere beim Fernsehen, schrieb dort Drehbücher für bestehende Serien und entwarf eigene, darunter Family Law, die synchronisiert bei Sat.1 zu sehen war und - so schleichen sich US-Serien in unsere Programme - als originalgetreue Adaption unter dem Titel Die Familienanwältin bei RTL. Haggis ist einer von vielen Grenzgängern, die sowohl fürs Kino wie fürs Fernsehen arbeiten. Sein aktueller Film In the Valley of Elah ist in einigen Ländern schon in den Kinos, gegenwärtig verstärkt der 54-Jährige das Autorenteam des nächsten 007-Abenteuers.

In The Black Donnellys (seit 5. September bei Premiere) verarbeitete Ko-Autor Robert Moresco eigene Jugenderlebnisse und verquickte sie in Zusammenarbeit mit Haggis mit mythischen Motiven aus der Geschichte irischer Migranten. Zentrales Personal sind die vier Donnelly-Brüder, deren Vater von italienischen Gangstern zu Tode geprügelt wurde. Tommy (Jonathan Tucker), der Zweitälteste, studiert Kunst. Einer Verfehlung aus Kindheitstagen wegen fühlt er besondere Verantwortung für seinen impulsiven Bruder Jimmy (Tom Guiry). Als der die italienische Mafia herausfordert, muss Tommy handeln. Am Ende der Pilotfolge hat Tommy Blut an den Händen. Und ist im Begriff, der neue Pate der irischen Gemeinde zu werden.

Wenn da Vergleiche mit den Sopranos sprießen, dieser Gegenwartserzählung epischen Formats, ist zu berücksichtigen, dass der ursprüngliche Entwurf für The Black Donnellys vom Jahr 1996 datiert. Erst die Popularität der Sopranos aber dürfte die Senderkette NBC bewogen haben, mit den Donnellys in Produktion zu gehen. Doch während die Sopranos beim Abonnementsender HBO ihr Publikum fanden, konnten sich die Donnellys im frei empfangbaren, werbefinanzierten Programm nicht behaupten. Die letzten der 13 produzierten Episoden waren nicht mehr im Fernsehen, sondern nur im Internet zu sehen.

Der besondere Kniff bei den Donnellys liegt darin, dass der Wahrheitsgehalt des Gezeigten in Frage gestellt wird: Als Erzähler fungiert ein Jugendfreund der Donnellys. In Untersuchungshaft sitzend, behelligt er Polizisten, Anwälte, Mitgefangene mit seinen Geschichten. Auf Nachfrage ändert er auch schon mal ein Detail, und wir sehen die Szene erneut, in einer revidierten Fassung. Tischt uns dieser Joey Ice Cream womöglich eine gewaltige Lügengeschichte auf? Dann allerdings zählte der kleinkriminelle Windhund zu den größten Rhapsoden unserer Zeit.

Der deutsche TV-Anbieter dctp, der zu 37,5 Prozent Alexander Kluge gehört und unter anderem Fensterprogramme für RTL, Sat.1 und Vox produziert, zeigt in Köln mit Fight for Life seine erste Koproduktion mit der britischen BBC. In der sechsteiligen Reihe Fight for Life (ab 10. Oktober bei Vox) schildern die Autoren mittels modernster Tricktechnik, wie der menschliche Körper in unterschiedlichen Lebensphasen auf Verletzungen und Krankheiten reagiert - ein Paradebeispiel für jene aufwändig gemachten, populärwissenschaftlichen Dokumentationen der BBC, die, weil sie oft Exportschlager sind, in Deutschland immer mehr Nachahmer finden.

Regelmäßig ist die BBC auch mit herausragenden Erzählserien bei der Cologne Conference vertreten, in diesem Jahr in der Sparte "Top Ten 2007" mit The Street. Idee und Bücher stammen von Jimmy McGovern, dessen frühere Schöpfung Für alle Fälle Fitz noch in guter Erinnerung ist. The Street folgt dem seit Coronation Street und Lindenstraße vertrauten Muster, in dem eine Wohnstraße als Schauplatz dient und ihre Bewohner als Protagonisten der vorerst sechs Episoden auftreten. Aber diese Serie besitzt den besonderen McGovern-Touch. McGovern weiß abstrakte, auch metaphysische Themen mit der präzisen Wiedergabe sozialer Milieus und politischem Engagement zu verknüpfen. Grimmige Parteinahme sprach aus seinen Dokumentarspielen über das Hillsborough-Unglück, bei dem im Jahr 1989 in Sheffield 96 Fußballfans zu Tode kamen, und über das blutige Ende einer friedlichen Demonstration in Irland am so genannten "Bloody Sunday".

Deutschland ist unter anderem mit der ZDF-Produktion Zeit zu leben in der Top-Ten-Auswahl vertreten. Matti Geschonneck inszenierte diese Mischung aus Krimi und Familiendrama, die, gerade im internationalen Vergleich, die bekannten Schwächen deutschen Fernsehschaffens demonstriert. Einmal mehr führt die Handlung in jene gehobenen Salons, die dem Gros der Zuschauer eher fern liegen. Nachdem die Ehefrau unheilbar an Krebs erkrankt ist, beschließt ein älteres Paar, gemeinsam in den Tod zu gehen und reist in die Niederlande, wo Sterbehilfe zulässig ist. Der Vater allerdings überlebt, und seine Kinder wie auch die Polizei argwöhnen, dass dies geplant war.

Ebenfalls zur Kölner Auslese zählt die bei RTL2 am 10. Oktober anlaufende, ungemein komplexe US-Serie Heroes über eine lose Gruppe junger Menschen, die den nächsten Schritt der Evolution verkörpern und über außergewöhnliche Begabungen verfügen. Die aber große Mühe haben, mit dieser Sonderstellung zu leben.


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