Lebst du schon?

Wohnen "Schöner Wohnen" wird 50. Ein Blick ins Archiv der Zeitschrift zeigt, wie sich die Einrichtung verändert hat

Es ist Herbst. Wir müssen uns also Korbstühle kaufen. Und Rattansessel zulegen. Hauptsache Erdtöne, Naturmaterialien, das passt in die Jahreszeit. Findet zumindest die aktuelle Schöner Wohnen.

Wechselnde Trends und Farbmoden gehörten von Anfang an zur Marke des Hefts. Es ist müßig zu überlegen, wie die deutsche Wohnkultur heute aussähe, hätte es Schöner Wohnen nie gegeben. Fest steht aber, dass es die erste deutsche Publikumzeitschrift war, die den Deutschen nahe brachte, was jenseits von Gelsenkirchener Barock noch möglich ist. Sie tut das immer noch, seit 50 Jahren.

Kochen als Innovation

In dieser Zeit hat sich unser Traum vom Wohnen stark verändert. Auf welche Weise, das kann man an dem Wandel der Küchen ablesen. In den Fünfzigern, so Beate Manske, Geschäftsführerin der Wilhelm-Wagenfeld-Stiftung in Bremen, seien beispielsweise Durchreichen modern gewesen, daraus habe sich die Mode der Küchentresen entwickelt. Mit der Erfindung hocheffektiver Dunstabzugshauben seien die Küchen vollkommen geöffnet worden: Küche, Essbereich und Wohnraum gingen ineinander über. „Schließlich kochen immer mehr Männer – und die wollen, dass man ihre teuren Werkzeuge auch sieht“, sagt Manske. Wie sich die Zeiten gewandelt haben, zeigt auch eine Schöner Wohnen-Ausgabe von 1975, darin stößt man auf einen Text über Küchenstühle, gedacht für die Hausfrau, deren zentraler Aufenthaltsort in der Wohnung offensichtlich die Küche ist: „Im Sitzen arbeitet es sich bequemer.“

Fließende Raumgrenzen

Schöner Wohnen hatte lange einen großen Einfluss auf die Einrichtung“, sagt Beate Manske, deutsche Designgeschichte ist ihr Schwerpunkt. „Statt simpler Kataloge mit sterilen Warenproduktseiten wurden auf einmal Lebenswelten gezeigt.“ Und zwar lange mit einem eindeutig erzieherischen Zungenschlag und Vorher-Nachher-Vorschlägen für Zimmer von Lesern. „Die Zeitschrift ist ein Kind der Moderne, sie predigt den Fortschritt“, diagnostiziert der Designtheoretiker Claude Enderle, der in Basel lehrt und erforscht, wie Innenarchitektur in Printmedien repräsentiert wird.

Die größte Veränderung besteht sicher darin, dass sich in jenen fünf Jahrzehnten die starr definierten Funktionen der einzelnen Räume immer mehr aufgelöst haben – genauso wie die Lebensmodelle flexibler wurden. Der Prototyp der stabilen Kleinfamilie mit Ehepaar und zwei Kindern hat sich in verschiedene, nebeneinander existierende Familienkonzepte verwandelt, die lebenslange feste Anstellung bei demselben Arbeitgeber in derselben Stadt klingt heute wie ein Märchen. Das spiegelte sich auch in den Wohnwelten, die wurden immer variabler und mit ihnen das Mobiliar. Man denke nur einmal an die flexiblen Küchenmodule, die in den Nullerjahren plötzlich auftauchten und die spontan umgestellt oder beim nächsten Jobwechsel mitgenommen werden können – Einbauküche adé. Mobiliar vom Sperrmüll, Ikea-Teile und Designerstücke stehen stattdessen immer selbstverständlicher nebeneinander. Ein Viertel der Deutschen hält sich selber mittlerweile für „Stil-Mixer“. Willkommen in der „Pluralität der Postmoderne“, wie Claude Enderle es nennt.

Die Magazine passen sich dem Wandel an: Statt perfekt gestylte Eigenheime zeigen sie Wohnungen nun so, wie sie sind – mit dem Stapel ungelesener Zeitungen neben dem Bett, dem angegilbten Duschvorhang, unausgepackten Umzugskartons mitsamt den safttrinkenden, unrasierten Bewohnern. Diesem Leitprinzip des Uninszenierten hat sich etwa das englischsprachige Wohnmagazin Apartamento aus Spanien verschrieben. Mehrere Online-Plattformen vermitteln die gleiche Maxime, so wie Todd Selbys www.theselby.com, www.freundevonfreunden.de oder www.solebich.de. Und auch Schöner Wohnen möchte mit dem Ableger www.wiewohnstdu.de authentischer wirken. Auf den Fotos lehnen etwa Knef-Platten unaufgeregt an der Wand, Blech-Buchstaben sind neben ausgetretenen Sneakers und Thonet-Stühlen platziert. Die Botschaft: Das kannst Du auch. Eine Normalo-Wohnkultur, die mal als uninspiriert galt, trifft heute den Zeitgeist.

Erst Avantgarde, nun saturiert

Das hat auch mit dem Trend des „Cocooning“ zu tun, man möchte es kuschelig haben, sich ein Nest bauen. Knapp 70 Prozent der Deutschen sitzen laut einer Umfrage von TNS Infratest am liebsten im Wohnzimmer auf der Couch. Seit der Computer das wichtigste Arbeitsinstrument und Spielgerät geworden ist, weicht die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitszimmer ohnehin immer mehr auf: Wohnen geht über alles.

Zwar ist Schöner Wohnen noch immer Marktführer, aber die Deutungshoheit des Magazins schwindet, seit immer mehr Titel aus dem Boden schießen. Bei IVW sind mehr als 60 verschiedene Wohn- und Gartenzeitschriften gelistet. Und es gibt Ikea, an dessen Katalog orientiert sich die Masse. Dort tauchten schon früh Menschen in Muster-Räumen auf, es spielten Kinder, es wurde gegessen, gekleckert, gespült. In Schöner Wohnen waren Menschen lange tabu, nun sieht man darin Interieurs von Promis, wie jenes von Tatort-Kommissar Axel Milberg.

Blättert man durch Schöner Wohnen-Hefte der siebziger oder achtziger Jahre fällt auf, dass die meisten Möbel auch in Wohnungen und Häusern von heute stehen könnten, seien es Lounge-Sessel von Charles Eames, Bogenlampen oder schlichte Metallbeistelltische. Das erste Cover von 1960 zeigt eine Frau mit zwei Kindern auf einer sonnigen Terrasse, die auf Korbbank und in Rattansesseln sitzen. Einst progressiv, wirkt es heute saturiert.

Anne Haeming, 32, schreibt im Freitag über Stil-und Design-Themen. Für diesen Text kramte sie die gesammelten Schöner Wohnen-Jahrgänge ihrer Mutter seit 1970 aus dem Keller. Sie lebt als freie Autorin in Berlin

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13:00 15.10.2010

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