Lech Kaczynskis IV. Republik

Polen Der Begriff läuft auf die Negation des friedlichen Systemwandels von 1989/90 hinaus

"Der heutige Tag ist der erste Tag der IV. Republik", verkündete Lech Kaczynski, als er am 24. Oktober zum neuen Präsidenten Polens gewählt war. Das Schlagwort von einer neuen Republik der katholischen Moral, die frei ist von Korruption und Verbrechen und ein solidarisches Zusammenleben aller Polen gewährleistet, war eine gelungene Schöpfung von Kaczynskis Wahlstrategen. IV. Republik - das klang heroisch und versprach radikale Einschnitte. Dass die Brüder Kaczynski mehr oder minder offen zugaben, ihr Ideal einer solchen Republik notfalls mit autoritären Mitteln durchzusetzen, störte die Anhänger kaum. Wer Law-and-Order wählt, stößt sich daran nicht.

Weil eine IV. Republik nur in Abgrenzung von der III. Republik, dem heutigen polnischen Staat, existieren kann, schließt der Begriff letztlich die Negation des friedlichen Systemwandels ein, den das Land nach 1989 durchlief. Als radikale Antikommunisten sind die Brüder Kaczynski tatsächlich der Meinung, dass der demokratische polnische Staat, wie er 1989/90 entstand, von einer untilgbaren Erbsünde behaftet ist - dem Kompromiss, der 1989 am Runden Tisch zwischen der damaligen Staatsmacht und großen Teilen der Opposition geschlossen wurde. Diese Arrangement integrierte letztlich die alten sozialistischen Eliten in das neue System.

Genau daran stoßen sich die Ideologen der IV. Republik. Neben autoritärem Gehabe gehören daher Rufe nach einer Hexenjagd auf tatsächliche oder auch nur vermeintliche Günstlinge des sozialistischen Systems zu ihrem Standardrepertoire. Doch sollten auch tiefere geschichtsphilosophische Implikationen nicht übersehen werden. Bislang hat sich die Republik Polen stets dann eine neue Nummer gegeben, wenn sich das Wesen des polnischen Staates gravierend verändert hat. Die I. Republik, das war die seit dem 15. Jahrhundert existierende polnische Adelsrepublik. Ihr Ende war schicksalhaft: Die dritte Teilung Polens 1795, mit der ein selbstständiger Staat von der Landkarte verschwand. Der Beginn der II. Republik war gleichfalls eine Zäsur: 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Polen wieder souverän. Die Existenz der seinerzeit gebildeten II. Republik endete am 1. September 1939.

Als die Kommunisten nach dem Krieg die Macht übernahmen, nannten sie den neuen polnischen Staat in Abgrenzung zur feudalen I. Republik und zur bürgerlichen II. Republik "Volksrepublik Polen" - ohne Nummer. Die Nummer tauchte erst 1989 wieder auf, als der Begriff III. Republik symbolisieren sollte: Man sei zu bürgerlich-demokratischen Traditionen zurückgekehrt.

Kaczynskis Wunsch, eine IV. Republik auszurufen, bezeugt daher vor allem zweierlei: eine absolute Missachtung des demokratischen Polens der vergangenen 16 Jahre und eine gehörige Portion Größenwahn. Die Teilung Polens, der Erste und der Zweite Weltkrieg, der Fall des Eisernen Vorhangs - das waren Einschnitte, die Übergänge zwischen den einzelnen Republiken markierten. Lech Kaczynski ist offenbar überzeugt, seine Wahl zum Präsidenten sei von mindestens gleicher weltpolitischer Tragweite. Dennoch spricht viel dafür, dass die IV. Republik eine Chimäre bleibt - ein ideologisches Konstrukt ohne Bezug zur Realität.


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00:00 23.12.2005

Ausgabe 38/2020

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