Leerstellen

Berliner Abende "Die ham ja wirklich allet neu jemacht". Überraschter Seufzer eines Besuchers im Zeughaus Unter den Linden, Anfang Januar 2004, am Nachmittag. Der ...

"Die ham ja wirklich allet neu jemacht". Überraschter Seufzer eines Besuchers im Zeughaus Unter den Linden, Anfang Januar 2004, am Nachmittag. Der Barockbau, dessen einstige Funktion als preußisches Waffenarsenal den jeweils Herrschenden als pädagogisches Exempel geeignet schien, hat sich seit der Wende zum Deutschen Historischen Museum gemausert. Davor beherbergte er das Museum für Deutsche Geschichte. Es versteht sich von selbst, dass dabei das Inventar gewechselt werden musste, lebendes wie totes. War es vor 1989 dem Zuschauer aufgegeben, die Arbeiterklasse als apotheotisches Endstadium jeglicher deutscher Geschichte wahrzunehmen, ist seither das Gegenteil zu besichtigen. Aber mit Johannes R. Becher wissen wir, dass das Gegenteil eines Fehlers auch ein Fehler ist.

Vielleicht erfüllt den Besucher deshalb die momentan im seit Jahren renovierten Zeughaus herrschende Leere mit einer gewissen Genugtuung. Das Gebäude wird seinem Namen gerecht, jeder kann es mit eigenem Zeug füllen, seien es Erinnerungen, Wünsche oder Betrachtungen. In den Weiten der Obergeschosse hat bisher nur die Platte eines Berliner Wohnungsbaukombinates ihren endgültigen Platz gefunden, um gewissermaßen dem horror vacui den Horror des DDR-Bauwesens zur Seite zu stellen. Erstaunlich, dass noch kein geschichtsmächtiger Freund aus dem Westen ein Glas mit Spreewaldgurken hinzugesetzt hat, um das differenzierte Bild vom deutschen Osten abzurunden. Im Schlüterhof des Zeughauses, den modischer Architektenwille mit einem Glasdach versehen hat, so wie Schinkels Altes Museum Anfang der Neunziger an seiner klassizistischen Außenfront verglast wurde, fragt ein Neugieriger die Aufsichtsdame, warum über allem noch ein Sonnensegel thront. "Darüber habe ich noch nichts in Erfahrung bringen können", so die überzeugende Antwort. Schlüters 22 Masken sterbender Krieger am Gebäudesims nehmen es mit Gleichmut. Sie sahen schon Schlimmeres.

An dem barocken Bau am Ufer der Spree haben sich viele Baumeister abgearbeitet, erst Nehring, dem die Stadt auch die Parochialkirche verdankt, dann Jean de Bodt, später Schinkel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde beschlossen, dort ein Kulturhistorisches Museum zu installieren. Ende 1950 wurden die Pläne geändert, um eine Ausstellungsgestaltung im Sinne des "Nationalen Bauens" zu gewährleisten. Später gingen wir mit unserer Schulklasse dorthin und bewunderten Utensilien des Großen Deutschen Bauernkrieges. Während mich noch die Erinnerungen daran beschäftigen, erklärt ein Herr mit sonorer Stimme einer Touristengruppe im Rentenalter die neue Heizung des Hauses: "Das ist eine Mischung von high tec und low tec." Möge die Heizung stets funktionieren! Mal sehen, was außer der WBS-70-Platte noch alles hineingeschleppt wird. Leere Gebäude machen unruhig. Gerade steht in der Zeitung, dass die ausgeweidete Ruine des benachbarten Palastes der Republik mit einer Armada chinesischer Terracotta-Krieger bis unters Dach gefüllt werden soll. Eine fürsorgliche Belagerung, auf dass in den Gemäuern nichts herumspuken möge. War doch schon das alte Hohenzollernschloss an gleicher Stätte nächtens von einer weißen Frau verunsichert worden. Jetzt womöglich von einem roten Proleten. Vergangenheitsgespensterei auch im Geschichtsmuseum? Da heißt es wachsam sein. Noch jedoch schmücken nur schwarz-gelbe Absperrbänder die Ausstellungssäle. Ihre Farbgebung erinnert eher an K.u.K.-Österreich als an Schwarz-Weiß-Preußen. Nicht unsympathisch, wurde doch schon die verblichene DDR als Mischung aus preußischem Charme und österreichischer Gründlichkeit beschrieben. Darauf lässt sich im neuen Deutschland aufbauen, das noch immer an seinen Erinnerungen herumschneidert.

Am 14. Juni 1848 übrigens passierte Merkwürdiges, was später als "Zeughaussturm" bekannt wurde. Ein Zeitzeuge schrieb: "Viele Gerüchte trafen dahin zusammen, dass jetzt das Zeughaus förmlich ausgeräumt (!) und dem ›Volk‹ die Waffen entwendet werden sollten." Das Haus war seit jeher voller Gewehre und Kanonen. In jener Juninacht war es dort besonders finster. Viele Menschen hasteten umher. Ein Hauptmann Vogel ließ deshalb seine Tambours vor dem Eingang einen furchterregenden Trommelwirbel schlagen, woraufhin die deutschen Revolutionäre eilig das Gebäude räumten. Unser Zeitzeuge teilte die Hausbesetzer in drei Klassen ein, "die, die glaubte im vollen Recht zu sein, indem sie die schmählich zurückgehaltenen Waffen selbst holte. Die zweite bestand aus den sehr zahlreichen Berlinern, welche überall dabei sind, wenn es nichts kostet und man sich noch etwas mitnehmen kann. Die dritte Klasse waren gemeine Diebe, für die gab es im Zeughaus auch keine Fahnen, sondern nur goldgestickte Seide". Schon Georg Büchner sprach vom "grässlichen Fatalismus der Geschichte". Noch Fragen?


00:00 23.01.2004

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