Was wollen wir?

Doping Die Krankheit zu besiegen, indem man den Patienten, den wahren Sport, tötet, ist Selbstbetrug
Was wollen wir?
Der leitende Ermittler des österreichischen Bundeskriminalamts, Dieter Csefan (links), und der Staatsanwalt Hansjörg Mayr (rechts) während einer Pressekonferenz zu den Doping-Vorfällen bei der Nordischen Ski-WM

Foto: Jan Hetfleisch/Getty Images

Razzien gegen einen Sportarzt in Erfurt, Festnahmen am Rande der nordischen Ski-WM in Österreich: ein neuer Dopingskandal im Hochleistungssport, und wieder fühlen sich alle betrogen: die Fans, die sich ehrlichen Sport wünschen; die Sportlerinnen, die nicht dopen; die dopenden Sportler, die erst nach mutmaßlichen Whistleblower-Hinweisen erwischt wurden; ja, sogar der Präsident des Österreichischen Skiverbands wittert eine „getürkte Aktion“. Betrug an allen Fronten!

Licht am Ende des Tunnels aktueller Enthüllungen ist noch nicht in Sicht. Da macht sich abseits der reflexhaften Schuldzuweisungen bereits eine tiefe Resignation breit. Geschult durch unsere Erfahrung wissen wir nur zu gut, dass es sich hier nur um die sichtbare Spitze eines schier unverrückbaren Eisbergs im Profisport handelt. Ernsthafte Analysen des aktuellen Skandals wissen daher um die festgefahrene systemische und nicht nur individuelle Natur des Problems. Mit der Seriosität der Analyse geht dann aber womöglich folgender Schluss einher: Gewöhnen wir uns lieber daran, wir können ohnehin nichts ausrichten! Wer Dopingbetrug nicht möchte, könne ja abschalten oder der Sportveranstaltung fernbleiben.

Auf diesem fruchtbaren Boden des Fatalismus taucht immer wieder eine Argumentation auf, welche das Dopingproblem ein für alle Mal „aufzulösen“ verspricht: Gebt Doping einfach frei! Das aus neoliberalen Wirtschaftskreisen immerzu wiederholte Befreiungsmantra der völligen Deregulierung überträgt sich so auf den ohnehin kommerzialisierten Profisport. Doping sei ungesund und solle verboten bleiben? Egal, denn Hochleistungssport sei doch sowieso ungesund. Niemand werde persönlich dazu gezwungen, an dem System teilzunehmen. Zudem gehöre Doping schon seit der Antike zum Sport dazu. Der Betrug wird in der Laissez-faire-Logik also einfach wegdefiniert. Mit der Freigabe gebe es dann, so der implizite Glaube, keine Betrogenen mehr. Ohne Doping keine Dopingskandale.

Diese Argumentation hat etwas für sich: Sie würde tatsächlich einige praktisch-moralische Probleme lösen. Die positivistisch-tautologische und den menschlichen Intellekt beleidigend vereinfachende Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), was als Doping gilt, wäre endlich obsolet. Noch wichtiger: Die aus rechtsstaatlicher Sicht immer bedenklicheren Eingriffe in die Privatsphäre beim Kampf gegen Doping wären hinfällig. Denn auch die Würde der dopenden und nicht dopenden Sportlerinnen ist unveräußerlich.

Die Deregulierungsidee als Reaktion auf den Dopingbetrug ist aber zugleich hochgradig problematisch: Sie ist selbst als ein Betrug nach dem Betrug zu werten. Die Krankheit (Betrug im Sport) zu besiegen, indem man den Patienten (den wahren Sport) tötet, ist Selbstbetrug. Es wird immer möglichen Betrug im zielstrebigen und von Menschen ausgeübten Sport geben. Gerade deshalb sollten wir viel lieber nach den Bedingungen fragen, unter welchen Hochleistungssport fair zu gestalten ist. Und hierfür gilt es zuerst einmal sinnvolle Kriterien zu entwerfen, mit denen wir gemeinsam und ohne Trugschluss den wahren Sport bestimmen, statt selbigen nur noch auf das dopinganfällige und gleichermaßen trügerische „höher, weiter, schneller“ zu reduzieren.

Michael Heumann ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, er lehrt und forscht zu Profitsport und Ethik. Privat ist Heumann bekennender Eishockey-Fan

06:00 11.03.2019

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