Legion Karsai

Kommentar Die Afghanistan-Mission als postkoloniale Denkmalpflege

Der jüngst gefasste Beschluss des Bundestages über ein ausgedehntes Afghanistan-Engagement der Bundeswehr hat es in sich. Nach Jahren des Einsatzes in Kabul, Kundus und anderswo kommt die vorgesehene Aufstockung des deutschen Korps auf 3.000 Soldaten einem Eingeständnis gleich. Die Lage ist komplizierter, vor allem unübersichtlicher geworden. Afghanistan wird zu einem Sumpf, in dem Soldaten vieler Länder, die an der internationalen Schutztruppe ISAF beteiligt sind, zu versinken drohen. Was die öffentliche Wahrnehmung in Europa völlig ausblendet, ist der Umstand, wie sich seit Ende 2001 die Gewichte der "Operation Afghanistan" verschoben haben. Offiziell wird am Hindukusch zwar weiter der internationale Terrorismus bekämpft - im Sog dieses Feldzuges sieht sich das Land aber in längst überwunden geglaubte koloniale Vorzeiten zurückgedrängt.

Die Bundeswehr läuft dabei nicht nur Gefahr, zu einer "Legion Karsai" umfunktioniert zu werden. Wenn sie demnächst auch im Süden "aushilft", wird zu ihrem Sektor die pakistanisch-afghanische Grenze gehören. Es gibt allen Grund, davon alarmiert zu sein, bestehen doch räumliche Überschneidungen mit dem ebenfalls veränderten britischen Operationsfeld. Dies wirft ein Schlaglicht auf Konsequenzen der deutschen Afghanistan-Mission, die bisher völlig außer Betracht blieben. Großbritannien wird militärische Verantwortung für eine Grenzregion übernehmen, die es ohne Großbritannien gar nicht gäbe. Der Sinn des britischen Kommandos besteht - flankiert von Einheiten der Bundeswehr - gerade darin, die zwischen Afghanistan und Pakistan vorhandene Grenzziehung zu konservieren, um damit die Teilung der paschtunischen Stämme fortzuschreiben. Ein Vorgang, der historische Erinnerungen herauf beschwört. Es waren das britische Empire und das russische Zarenreich, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Interesse ihrer Kolonialdomänen in Zentralasien und Indien die paschtunischen Gebiete teilten, auf dass sie dank einer willkürlich gezogenen Demarkationslinie beherrschbar blieben. Das damalige Abkommen bestimmte für die Grenze eine Gültigkeit von 99 Jahren. Insofern hat die koloniale Selbstherrlichkeit von einst seit gut einem Jahrzehnt jeden Anspruch auf Bestandsschutz verloren. Längst ist in den paschtunischen Regionen diesseits und jenseits der Trennlinie die Forderung nicht zu überhören, wieder in einem Staat vereint zu sein.

Nur lädt der "Krieg gegen den Terror" einige der heute in Afghanistan präsenten Mächte förmlich dazu ein, mit der andauernden Aufspaltung Paschtunistans gleich mehrere "Fliegen" mit einer "Klappe" zu schlagen: Pakistan wird in seinen heutigen Grenzen und damit als Machtfaktor auf dem indischen Subkontinent erhalten, dessen Nuklearpotenzial für ein fragiles Gleichgewicht mit Delhi bürgt und dessen weltpolitische Ambitionen zügelt. Russland wird bedeutet, den Status quo nicht in Frage zu stellen, alles andere könnte die Beziehungen zu der mit Pakistan befreundeten Volksrepublik China belasten.

Wie skrupellos und konjunkturabhängig fremde Interessen in - und letzten Endes gegen - Afghanistan durchgesetzt werden können, ließ die Haltung der US-Regierung während der neunziger Jahre erkennen. In dieser Zeit galten die Taliban-Paschtunen als Alliierte bei der Durchsetzung von Erdölinteressen und im Kampf gegen das Regime des noch von den Sowjets installierten Präsidenten Nadschibullah. Nur hatten sich die zum Heiligen Krieg angetretenen Koranschüler von den USA bestenfalls "mieten", keineswegs aber "kaufen" lassen. Als nach ihrem Einmarsch in Kabul Ende September 1996 eine mittelalterliche Despotie Angst und Schrecken verbreitete, wurden aus den eben noch hofierten Verbündeten alsbald die barbarischen Machthaber eines "Schurkenstaates" und die Auslöser der Anschläge vom 11. September 2001.

Der öffentlichen Hinrichtung des von seinen UN-Beschützern im Stich gelassenen Mohammed Nadschibullah durch die Taliban am 27. September 1996 soll der Versuch vorausgegangen sein, ihn zur Unterschrift unter ein Schriftstück zu nötigen, das die Gültigkeit einer Grenzziehung anerkannte, die bis heute Paschtunen von Paschtunen trennt. Der Todgeweihte, selbst ein Paschtune, weigerte sich und wurde exekutiert. Auch in diese Geschichte könnte verstrickt werden, wer ein koloniales Erbe verteidigen hilft, das überwunden sein sollte.

Willy Wimmer, Staatssekretär a.D., Abgeordneter für die CDU/CSU im Bundestag


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00:00 14.10.2005

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