Tom Mustroph
Ausgabe 1116 | 22.03.2016 | 06:00

Leibeigenschaft auf Zeit

Katar Wie internationale Gewerkschaften versuchen, im Golfemirat Fuß zu fassen und etwas für die Wanderarbeiter zu tun

Ein Parkplatz in Doha. Es ist Mitternacht, und in den Bürotürmen ringsherum brennt kein Licht mehr. An einem Fenster bewegt sich der jetzt unnötige Sonnenschutz. Ein Mann späht auf die Straße und lässt dann den auf dem Parkplatz Wartenden ins Gebäude eintreten. Der Gastgeber, in diesem Text Frank genannt, ist vorsichtig. Als Abgesandter der Internationalen Bauarbeitergewerkschaft BWI soll er vor Ort sondieren, wie Arbeitsmigranten in Katar inzwischen behandelt werden. Als Gewerkschafter in Erscheinung treten darf er nicht. Gewerkschaften bleiben in Katar grundsätzlich verboten. So hat Frank keine andere Wahl, als Community-Arbeit zu betreiben und mit Arbeitern zu reden, deren Löhne gekürzt oder verspätet ausgezahlt werden. Oder denen der Arbeitgeber die Heimreise erschwert.

Frank macht Bauleute, Gärtner und Straßenarbeiter auf ihre Rechte aufmerksam und hilft ihnen, sie wahrzunehmen. „Wir können sie beim Gang zum Nationalen Menschenrechtskomitee oder zu ihrer Botschaft begleiten, wenn es arbeitsbezogene Konflikte gibt. Wir können Beschwerden und Anklagen unterstützen. Das ist das Beste, was wir hier ausrichten können. Leider zwingen die Verhältnisse in Katar einen Gewerkschafter zur Arbeit im Untergrund. Deshalb müssen wir auch mit dem hiesigen Büro der Internationalen Bauarbeitergewerkschaft auf Tarnung achten“, sagt er und weist auf ein karges Büro. Nach außen ist eine Firma der Mieter. Deren Logo klebt an der Tür.

Sponsor gesucht

Mehr als zwei Millionen ausländische Arbeitskräfte hat Katar angeworben. Davon stammt mehr als eine halbe Million aus Indien, etwa 400.000 kommen aus Nepal, knapp 200.000 aus Sri Lanka und den Philippinen, mehr als 100.000 aus Bangladesch. Immer mehr Wanderarbeiter aus Kenia, Ghana, der Elfenbeinküste und anderen afrikanischen Staaten strömen in das Emirat. Unter der einheimischen Bevölkerung – etwa 2,1 Millionen Menschen – schürt das Ängste, nicht mehr Herr im eigenen Land zu sein.

Traditionelles Abwehrmittel dagegen ist das Kafala-System. Nach dessen Regeln wird ein Arbeitsvisum nur dann vergeben, wenn ein Unternehmen in Katar den Arbeiter auch braucht. Ein katarischer Bürger muss sich zudem als „Sponsor“ zur Verfügung stellen. Die Verträge sind auf maximal fünf Jahre befristet. Der Haken: Sie binden einseitig den Arbeiter, der dadurch vollständig in der Hand seines Arbeitgebers ist. „Zwangsarbeitsähnliche Bedingungen“ nennen das mit einiger Berechtigung Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International. Das harte Etikett unterschlägt freilich, dass sich die meisten Arbeitsnomaden freiwillig um einen gut bezahlten Job bemüht haben, von dem sie in ihren Heimatländern oft nur träumen können.

Erschwerend kommt hinzu, dass von den Wanderarbeitern – in Katar offiziell verbotene – Vermittlungsgebühren in Höhe mehrerer Monatsgehälter erpresst werden. „Die blanke Korruption“ nennt der ägyptische Sozialwissenschaftler Ray Jureidini in einer eigens für die staatliche Qatar Foundation angefertigten Studie diese Praxis. „Die Erpressung der Wanderarbeiter wird von einem ganzen Netzwerk an Mittelsmännern betrieben. In den Herkunftsländern – in Nepal, Indien, Sri Lanka, Ghana oder Kenia. Sie kennen Sponsoren hier und sagen ihnen: ‚Ich kann dir hundert Leute besorgen. Du bekommst 200 Rial pro Person.‘ Tatsächlich gibt es nicht den einen Bösen dabei. Es denkt nur jeder an seinen eigenen Vorteil.“

Die Arbeiter versetzt das in einen Zustand extremer Abhängigkeit. Sie müssen zuerst den Kredit abzahlen, mit dem sie die Vermittlungsgebühren bestritten haben, bevor sie überhaupt ihren Familien Geld zum Leben schicken können. Das lässt sie auch bei schlechten Arbeitsbedingungen lange stillhalten. „Sie haben große Angst und beschweren sich allenfalls dann, wenn sie wieder außer Landes sind. Wenn ihnen der Arbeitgeber in Katar eine Ausreise verbietet, haben sie keine Möglichkeit, das Land zu verlassen. Und wenn du dann endlich ausreisen darfst, ist dein Visum längst abgelaufen, und du landest im Gefängnis“, beschreibt Gewerkschafter Frank den Teufelskreis, in den ein Arbeitsnomade geraten kann.

Energetisch „smart“

Dennoch regt sich Widerstand. Mehr als 6.000 Beschwerden gingen im Vorjahr laut offiziellen Angaben beim Arbeitsministerium Katars ein. Es ging um verweigerte Heimreisetickets, verletzte Verträge sowie Rückstände bei Lohnzahlungen. Das Ministerium ist daraufhin 2015 in etwa 28.000 Betrieben zu Inspektionen vorstellig geworden, wovon gut 900 sanktioniert wurden. Ihnen wurden die Einreisevisa für neue Arbeiter gestrichen, auch durften sie keine Stellen mehr ausschreiben. Um welche Firmen es sich dabei handelt, wurde nicht bekannt gegeben. Das seien „sensible Informationen“, hieß es. Was verblüfft, denn mitten in Downtown Doha werben die Behörden mit einem Plakat für eine App, auf der man eine Liste der Restaurants herunterladen kann, die wegen Hygieneverstößen geschlossen wurden. Konsumentenschutz wird in Katar ungemein transparent betrieben. Schutz von Wanderarbeitern rangiert in der Wertigkeit deutlich darunter.

Wenn Arbeiter auf Baustellen auf ihren Rechten beharren, wird schnell die Polizei gerufen. So geschehen im Dezember bei einem der – was sehr selten geschieht – publik gewordenen Arbeitskämpfe in Katar. Schauplatz war die Megabaustelle des Smart City Project in Msheireb Downtown Doha (MDD) – ein ganzes Quartier mit Wohnbauten, Büros, Hotels und einer riesigen Shopping Mall auf gut 30 Hektar Fläche. Es gibt Sonnenkollektoren auf den Dächern und Straßenführungen, die natürliche Kühleffekte erzeugen. Der Gebrauch von mindestens 20 Prozent recyceltem Baumaterial soll das Areal energetisch „smart“ machen.

Auf fragwürdige Weise „smart“ sein wollten die Baufirmen offenbar auch. „Schon zwei Monate wurden keine Gehälter gezahlt. Als auch kostenlose Mahlzeiten ausblieben, die zur Überbrückung der Zahlungsrückstände versprochen wurden, stoppten die Bauleute – überwiegend aus Bangladesch und Pakistan – endgültig die Arbeit. Die Bauleitung rief die Polizei, und die Anführer, wie es so schön hieß, wurden eingesperrt“, beschreibt Frank diesen Arbeitskampf. „Auf der Polizeiwache kam es dann aber zu echten Verhandlungen. Das Arbeitsministerium schaltete sich ein, und die Arbeiter bekamen plötzlich ihre ausstehenden Löhne.“ Dennoch ist dieser Konflikt nicht ausgestanden. Die Betreiberfirma Drake & Scull, ansässig in Großbritannien, hat Entlassungen angekündigt – wegen einer schlechten Auftragslage, lautet die Begründung.

Das MDD-Projekt ist durchaus relevant für die Planung der Fußball-WM 2022. Unter der Großbaustelle treffen in mehr als 20 Metern Tiefe die grüne, die rote und die goldene Metrolinie aufeinander. Sie verbinden die Stadien Al-Wakrah, Al-Khalifa und Al- Rayyan miteinander und sorgen für Anschluss an Stadtzentrum und Flughafen. Auch direkt beim Stadionerbauer Midmac gibt es Probleme. Arbeiter berichten von – wenn auch nur um einige Tage – verspäteten Lohnzahlungen und von Rekrutierungsgebühren, die noch im Vorjahr von neu geworbenen Arbeitern gezahlt werden mussten. „Das sind Herausforderungen“, konstatiert Megan Jenkins vom Supreme Committee for Delivery und Legacy, das für die Organisation der WM in Katar zuständig ist. Ihre Abteilung veröffentlicht schöne bunte Broschüren, in denen Fortschritte mit den Ampelfarben grün, gelb und rot versehen sind. Sie verspricht: „Ab 2018, wenn etwa 70.000 Arbeitskräfte auf den WM-Baustellen sind, wollen wir das Problem der Rekrutierungsgebühren gelöst haben. Wir arbeiten an einer App, mit der sich Arbeiter direkt in ihren Ländern um Jobs in Katar bewerben können.“ Warum das die Organisation bei den knapp 4.000 Mann, die gegenwärtig in den Stadien werkeln, nicht schon anbietet, ist freilich unverständlich. Ohne Druck von außen gäbe es wohl nicht einmal das Versprechen auf die künftige Praxis.

Zahra Babar, gebürtige Pakistanerin und Politologin am Center for Regional Studies der Georgetown University in Doha, kritisiert die internationalen Hilfsorganisationen. Die würden einen Wandel nur über den Weg von oben bewirken. „Sie betrachten die Golfstaaten als autoritäre Systeme, in denen es reicht, direkten Zugang zum Emir zu haben und ihn zu überzeugen, dass er eingreift. Eine Simplifizierung, zwar gibt es in Katar kaum demokratische Strukturen, trotzdem können die Herrscher nicht absolutistisch regieren.“ Selbst wenn der Emir, Scheich Tamim bin Hamad al-Thani, Reformen zugeneigt sei, müsse er sich doch Druck aus der Wirtschaft beugen. „Unternehmen haben Angst, dass Führungskräfte, die Zugang zu hochsensiblen Informationen haben, zur Konkurrenz gehen könnten“, glaubt Babar. Im Übrigen gebe es die direkten Profiteure des Sponsorsystems, die nicht wollten, dass daran gerüttelt wird. „Sie bekommen Arbeiter für wenig Geld. Sie können auch mehr holen, als sie eigentlich benötigen, und dann gegen Geld an andere Unternehmen verleihen, was zusätzliche Gewinne verspricht“, so Babar.

Eine Lösung sieht sie nur, wenn diese Probleme auch im Land angesprochen werden. „Wenn wir früher in Pakistan Veränderungen anstoßen wollten, etwa mehr Gender-Gerechtigkeit wollten, dann gab es oft lokale Initiativen. Internationale Organisationen konnten das Thema dann aufgreifen und Druck auf die pakistanische Regierung ausüben. Die internationale Beachtung verstärkte die Arbeit der Gruppen vor Ort“, erklärt sie den Mechanismus. Gut also, dass Gewerkschafter Frank nun im Land selbst arbeitet und etwas für mehr soziale Sensibilität in Katar tun kann.

Tom Mustroph ist freier Autor. Er war zu einer Reportagereise am Golf unterwegs

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/16.