Leichen im Keller

Alltag Der Kultur des Sterbens widmet sich ein Museum in Kassel. Im wirklichen Leben sind die letzten Dinge der schnöden Bürokratie und Marktwirtschaft unterworfen

Welche Schönheit hat doch diese Szene! Das hohe eicherne Bett der jungen Frau und fünf um sie gruppierte Personen sind in eine milde Düsternis getaucht. Die junge Frau auf dem Ölgemälde lächelt leise, obwohl sie erschöpft wirkt. Sie liegt im Sterben.

Das eindringliche Werk, 1928 von Jules Alfred Giess gemalt, hängt in Deutschlands einzigem Museum für Sepulkralkultur - der Kultur des Totengedenkens - in Kassel, dem meine Kommune und ich kürzlich einen Besuch abstatteten. Auch eine progressive Wohngemeinschaft befasst sich irgendwann mit dem Tod. Das Museum zeigt Grabmale und Andenken, Bücher und Kunstwerke, die sich mit den "letzten Dingen" befassen und nebenbei bezeugen, wie Menschen zu anderen Zeiten mit dem Tod umgegangen sind. Hölzerne Leichenwagen neben Bestattungslimousinen, Fotos aus einem Krematorium, Werkzeug zum Einbalsamieren, Totenhemden, Todesanzeigen, Partituren von Totenmessen. Eine Fotoserie von Georg Pöhlein heißt "Bilder aus dem Leben meines Großvaters" - was heißen will, vor allem aus dessen letzten Tagen, bis der Großvater auf der Totenbahre liegt. Die Schwarzweißfotos haben, nebenbei bemerkt, nichts Obszönes, sondern ergreifen durch ihre Nüchternheit. Der Großvater, wie er sich in sein Schicksal fügt, spricht für sich selbst. Beethovens Leiche, erfährt man an anderer Stelle, wurde im Ganzen dreimal bestattet - was mich nicht vom Hocker reißt - und auf einer hübsch bemalten Schnupftabaksdose von 1850 konnten wir den Tod und Napoleon bewundern, die sich gegenüber sitzen.

Dieses Ausstellungsstück, waren die Kommunarden sich einig, verweist ungewollt auf einen Mangel des Museums: Es wirkt an der Verbreitung der Legende mit, beim Sterben handle es sich stets um eine persönliche und vor allem natürliche Angelegenheit. In Wahrheit kommen unzählige Menschen durch Gewaltverbrechen oder gewalttätige Verhältnisse um. Man könnte bei den Brüdern Kain und Abel anfangen, um über die napoleonischen Feldzüge bei nordamerikanischen Politikern zu landen, die arme Schlucker und rotznäsige Kinder für Kanonenfutter halten. Deutschlands einziges Museum über den menschlichen Tod schlägt diesen Bogen nicht.

Man könnte nun einwenden, irgendwo müsse man Grenzen ziehen, sonst spräche man nicht mehr über die letzten, sondern über alle Dinge. Dem halten wir den Sitz des Museums entgegen: Der Weinberg, der sich unweit des Rathauses über der Karlsaue erhebt, ist beste Kasseler Wohnlage. Umgeben von einem hübschen Park, stand hier bis 1932 die Villa Henschel. Die Henschels ließen sie abreißen, weil ihnen die Besteuerung zu hoch erschienen. Für das Kutschenhaus, eine Remise, die selber einer Villa aus der Gründerzeit gleicht, galt dies nicht. Sie wurde gekonnt um einen Neubau erweitertt - und beherbergt heute das Museum für Sepulkralkultur.

Wie durch ein Wunder war die Remise der Villa Henschel am 22. Oktober 1943 verschont geblieben, als britische Jäger einen massiven Angriff flogen, der Kassel in Schutt und Asche legte. 418.000 Bomben gingen auf die Stadt nieder. Wie Zeitzeuge Willi Belz in seinen Erinnerungen schrieb, stand selbst der Asphalt der Straßen in Flammen, was Schutzsuchende in Fackeln verwandelte. Am Ende waren von 230.000 Einwohnern gut 10.000 verwundet, rund 150.000 obdachlos - und knapp 10.000 Einwohner tot.

Nun war die Familie Henschel daran, dass Kassel Hass und Bomber auf sich zog, nicht unbeteiligt gewesen. Neben einem Militärflugplatz in Rothwesten und den Waldauer Fieseler-Werken, die mit über 5.000 Beschäftigten Flugzeuge bauten, barg Kassel das traditionsreiche Unternehmen Henschel Sohn. Ehemals als Geschütz- und Glockengießerei gegründet, hatte sich das Unternehmen bis zum Oktober 1943 zu einer Panzerschmiede mit rund 3.000 Beschäftigten gemausert. 1976 war es noch wertvoll genug, um vom Thyssen-Konzern geschluckt zu werden, der sich traditionell ja ebenfalls der Förderung der Sepulkralkultur verpflichtet fühlt.

Im Museum nebst seinen Publikationen finden wir von den Henschels und der Zerstörung Kassels keine Spur. Ein Dichter wie Paul Celan hatte sich der Krupps, Henschels oder Thyssens wegen erlaubt, den Tod einen Meister aus Deutschland zu nennen. Das öffentlich subventionierte Museum für Sepulkralkultur verzichtet lieber darauf - und bleibt, angesichts des Todes, lieber beim Beschaulichen.

So oder so, wir müssen uns um unsere Leichen kümmern. Wir alle müssen unsere Toten bestatten. Und natürlich deckt diesen Bedarf eine "Branche" ab, die Bestattungsbranche - und die pflegt einen eigenen Fachjargon. Bei "Polizeileichen" etwa handelt es sich nicht um erschossene Polizisten, sondern vielmehr um tote Kunden der Polizei, die vorerst nicht identifiziert oder durch Angehörige abgeholt werden können, so dass die Leiche behelfsmäßig von einem Leichenbestatter versorgt werden muss. Damit kein Bestattungsunternehmen einen Marktvorteil genießt, wird hierbei nach einem Plan verfahren - ähnlich den Notdienstplänen für Ärzte und Apotheken. Gleichwohl kommt es, wie gemunkelt wird, zu Bestechungsversuchen: der Bestatter an den Beamten. Denn das Bestatten ist ein hartes, umkämpftes Geschäft, das mitunter bizarre Blüten treibt.

Der jüngste Tätigkeitsbericht der "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.", führt diesbezüglich - nicht ohne Gespür für Humor - den "Leichentourismus" ins Feld. Gemeint ist, dass aus Kostengründen immer häufiger weit entfernte Krematorien, sogar im Ausland, angefahren werden, teils auch mit Sammeltransporten im LKW. Private Krematorien locken mit hohen Rabatten und Rückvergütungen, ausländische Feuerbestattungsanlagen mit Dumpingpreisen.

Die Kommunarden unseres linksökologisch orientierten Wohnprojekts Waltershausen stehen solcher Mobilität kritisch gegenüber. Zumal im Zusammenhang mit der Pietät. Widersprechen nicht Hunderte von unnütz gefahrenen Kilometern sowohl dem Grundsatz der Totenruhe als auch der ökologischen Vernunft? Bei rund 20 Leuten verfügen wir über lediglich zwei Autos - Fernfahrten versuchen wir zu reduzieren oder per Eisenbahn zu erledigen. Unsere Gedanken zur Sepulkralkultur betrafen daher einen kommuneeigenen Friedhof - sind wir doch genossenschaftliche Eigentümer einer knapp zwei Hektar großen Industriebrache, die wir in ein Veranstaltungs- und Erholungsgelände verwandeln wollten. Im Schatten der von uns gepflanzten Bäume könnten unsere Toten ruhen. Oder im Rücken der ehemaligen Puppenfabrik, die wir bewohnen. Ein paar von uns gehen schon auf die 60 zu. Nach den Puppen kommen die Mumien.

Leider steht dieser hübschen Idee der Friedhofszwang entgegen. Nach den Bestattungsgesetzen aller deutschen Bundesländer dürfen Leichen ausschließlich unter die Erde staatlicher oder kirchlicher Friedhöfe gebracht werden, wovon es derzeit rund 33.000 gibt. Nur Nordrhein-Westfalen lässt unter Umständen für die Beisetzung einer Urne auf privatem Gelände eine Ausnahmegenehmigung zu. Der Gesetzgeber führt hygienische Gründe an, Gesundheitsvorsorge und den Trinkwasserschutz. Dürfte in Deutschland nach Belieben oder Platzvorteil "wild" begraben werden, würde das reine Chaos ausbrechen und die Gesundheitsbehörde hätte keinerlei Zugriff mehr. Wahrscheinlich, so befürchtet man, würden zahllose Leichen ähnlich preiswert entsorgt wie die Müllsäcke, Fernsehgeräte und Autowracks, über die man als Wanderer im Kaufunger Wald allenthalben stolpert.

Die anarchistische Revolution würde das ändern. Auf den Rittergütern des Mittelalters finden wir eine gute Tradition. Sie alle hatten ihren eigenen, winzigen Friedhof, auf dem sie ihre Toten begruben, ohne sich um den Kaiser oder den Papst zu scheren. Und der Graf wird selbst darauf geachtet haben, den eigenen Boden nicht zu verseuchen. Denn schließllich lagen hier nicht nur die Toten, sondern auch das Wasser wurde hier aus dem Ziehbrunnen gezogen, mit dem man die Kräuter im Garten goss.


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