Leichenfeld Kambodscha

Kommentar Vor 30 Jahren - Pol Pot erobert Phnom Penh

Am 17. April 1975 eroberten die kambodschanischen Roten Khmer das von seinen Amerika freundlichen Mandarinen aufgegebene Phnom Penh. Zusammengebrochen war die Militärdiktatur des 1970 mit Hilfe der CIA an die Macht gehievten Marschalls Lon Nol. Die vormals friedfertige und verträumte Kapitale am Tonle Sap hatte sich durch die Folgen des Indochina-Krieges zu einem Moloch mit über einer Million Flüchtlingen entwickelt.

Die neuen Machthaber dekretierten sofort eine barbarische Zweiteilung der Gesellschaft - Kambodscha hatte nun ein "Altvolk" und ein "Neuvolk". Unter ersterem erfassten die Roten Khmer die bäuerliche Bevölkerung, die soziale Hauptstütze ihrer Herrschaft und dazu auserkoren, der Kern ihres avisierten Agrarkommunismus nach chinesischem Muster zu sein. Unter der Kategorie "Neuvolk" wurde jener Teil des urbanen Milieus subsumiert und denunziert, der sich diesem rigiden Konzept unterordnen musste. Alte Rechnungen wurden in Form unkontrollierter Rache und staatlich gelenkter "Säuberungen" beglichen. Provozierte Grenzstreitigkeiten mit Vietnam taten ein Übriges, um im schwelenden Ost-West-Konflikt instrumentalisiert zu werden.

Die Volksrepublik China und Thailand unterstützten aus Eigeninteressen die Roten Khmer und den ausgerufenen Staat Demokratisches Kampuchea. Peking ging es vor allem darum, gegen die Sowjetunion Kurs und deren Verbündeten Vietnam in Schach zu halten, weshalb die Pol-Pot-Armee auch zu einem Grenzkrieg im sogenannten Papageien-Schnabel animiert wurde. Bangkok war seinerseits darauf erpicht, im Gegenzug für die logistische Unterstützung der Roten Khmer mit dem Verkauf kambodschanischer Edelhölzer und Edelsteine lukrative Geschäfte zu machen. Noch zwölf Jahre nach dem Sturz Pol Pots im Januar 1979 hielten die USA, China und sämtliche EU-Staaten an der Anerkennung des Demokratischen Kampuchea als der legitimen Vertretung Kambodschas in den Vereinten Nationen fest. Und das, obwohl nie Zweifel daran bestanden, dass 1,7 Millionen Kambodschaner auf den killing fields der Pol-Pot-Diktatur gestorben waren.

Erst am 4. Oktober 2004, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Regimes, billigte die Nationalversammlung in Phnom Penh die Einrichtung eines UN-Tribunals, vor dem sich die Führungskader der Roten Khmer verantworten sollen. Die Gründe für diese Verzögerung waren interner sowie externer Natur. Hun Sen, seit 1979 der starke Mann in Phnom Penh, ist selbst ein ehemaliger Roter Khmer. Und China, die USA und Thailand zeigten bislang wenig Interesse, ihre Rolle im Kambodscha der Roten Khmer durchleuchtet zu sehen. Die Crux: Zahlreiche hochrangige Kader der einstigen ultramaoistischen Kamarilla genießen in Pailin (an der Grenze zu Thailand) Immunität und sind im Interesse einer falsch verstandenen Versöhnungspolitik von ihren Nachfolgern begnadigt und amnestiert worden.


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00:00 15.04.2005

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