Leiden mit Kindness killen

Pop Lady Gagas Ermächtigungs-Dance passt erstaunlich gut zur Zeit der sehr toten Streams aus den Clubs

Die Schriftstellerin und Klimaaktivistin Stefanie de Velasco fährt seit ein paar Tagen mit einem aus Müll selbst gebauten Lastenfahrrad durch die Bundesländer. Die Kunst könne das, was gerade geschieht, sowieso nicht abbilden, teilt sie in diesem Zusammenhang mit. Und darüber denkt man dann immer wieder nach. Guckt raus, guckt rein. Blickt in die toten Streams aus den Clubs, die jeden Restzauber des Auflegens wegWLANen. Starrt in Lesungen auf Insta, eingezoomte Diskussionen. Es scheint, als ob all die Kulturprodukte, die man anschaut, mit leerem Blick zurückblinzeln. Nur da sind, damit man noch eine Stimme hört.

In diese Zeit hinein spricht jetzt Lady Gaga. Und ihr sonst so riesig großer Ballerpop zieht sich in sich selbst zurück, in die große Befindlichkeit, während draußen die unabbildbare Wirklichkeit vorbeirauscht.

Die immer noch extremst erfolgreiche Sängerin, ausgezeichnet mit allen Preisen und Rekorden, sendet als erster Megastar ein Album in diese neue alte Zeit. Im April hatte sie mit „One World: Together At Home“ ein Quarantäne-Benefizkonzert mitorganisiert, das erstaunlich emotionslos daherkam, aber nun erteilt sie uns ihre Segnung mit geöffneten Handflächen. Chromatica heißt diese, und so sitzt man da und empfängt. Was will sie uns sagen?

Wie oft in Gagas Werk, hat man es mit einem konzeptuellen Irrsinn zu tun, der sich in passenden Kostümen, Haarfarben und wiederholten einstudierten Ansprachen offenbart. Diesmal ist es eine Art pinkfarbener Planet, von dem Gaga in Endzeit-Outfits ihre Message verkündet: „Du bist okay, so wie du bist!“ Aber es lauert Gefahr, Stachelhalsbänder schützen Gaga daher vor drohenden Nackengriffen, festes Schuhwerk führt sie über die steinig verelendete Natur.

Doch Lady Gaga wäre nicht Lady Gaga, wenn der Konzept-Quatsch der Sängerin und Schauspielerin in all seiner Beklopptheit nicht immer auch ein bis zwei gute Gedanken mitführte. Auch diesmal. Vielleicht nicht der anspruchsvollste, doch aber ein wirkmächtiger: Seid nett zueinander! Klingt doch sehr zeitgemäß. Und vernünftig. Nur: Wie schafft man das? Zunächst mal dieses Album für „Kindness Punks“ hören, wie Gaga es nennt. Der Spruch „Kill them with kindness“ fällt einem da natürlich gleich ein, aber vermutlich geht’s hier darum gerade nicht. Es gehe um die Frage, wie man sich wieder mit Menschen verbinde, sagt sie in einem Interview. Dazu braucht es wohl erst mal die Innenschau. So wie man beim Flugzeugabsturz zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen soll. Um dann die ganze Gesellschaft unter Gaga-Therapie zu setzen.

Bombastisches Trippeltrappel

Hört man Chromatica auf Spotify, trägt Lady Gaga zwischen den Songs ihr „Manifesto“ vor. Liebe sei in Chromatica ein eigenes Element, sagt sie da. Wir sind alle Liebe. Liebe ist, weswegen alles passiert. Selbstliebe: ganz wichtig. Aber was ist bloß diese Liebe? Chromatica muss man vielleicht als so etwas wie den Moment verstehen, in dem man die Augen schließt. Kindliches Urvertrauen. Lady Gaga, die die Veröffentlichung ihrer Alben immer wieder damit begleitet, dass sie über Intimes spricht – ihre erlebte Vergewaltigung, die tote Tante, Krankheiten wie Lupus oder Fibromyalgie –, kommt mit ihrem neuesten Werk bei ihrer Psyche an. Sie lässt nicht nur wissen, dass sie nach Abschluss des Albums aufgehört hat zu rauchen, sie spricht auch darüber, dass sie erfolgreich Psychopharmaka nimmt.

Eine gute Idee für Donald Trump vermutlich, aber auch die Lösung für uns alle? Sicherlich hilft erst mal: bei sich zu Hause aufräumen. Also schenkt sie uns mit Rain On Me ein Lied, das helfen soll, den Schmerz zu akzeptieren (und das musikalisch ziemlich viel von Cassius’ Feeling For You hat), indem man einfach weitertanzt. Ein Tanz, der sich allem stellt.

In Free Woman singt sie von dem Dancefloor, für den sie kämpfen musste. Man kann sich diese Choreografien als Gagas Angebot zur Gruppentherapie vorstellen. Ihr sechstes Album ist nämlich, nach ein paar balladesken Überhits und Jazz-Aufnahmen, die überbordene Rückkehr der Gaga in den Dance. Ein Album in drei Akten und mit Streicher Arrangements, Besuch von Ariana Grande und Elton John und viel bombastischem Trippeltrappel. Perfekt, um im einsamen Wohnzimmer zu tanzen und dabei den inneren Tanzboden, den wir Befinden nennen, mit Selbstliebe zu säubern. Die Musik, nun ja. Wer vorher kein Fan war, wird nun auch keiner mehr. Aber Gaga ist natürlich schon wieder überall Platz eins, und man will halt auch wirklich nichts Schlechtes sagen, um niemanden zu verletzen, wir sollen doch nett sein. Es bedeutet eben nur, dass sie nicht ganz so gleich und niedlich klingt wie andere aktuelle Tanzmusik, obwohl sie die gleichen Bausteine aus House, Disco, Berg-und-Tal-Bass nutzt. Gagas Dance-Hymnen entfalteten sich oft erst, wenn man sich an sie gewöhnt hatte.

Das ist was Gutes: Ihr Dance-Pop war immer etwas neben der Spur. Genauso, wie in ihren Augen auch ihre Fans, die die Sängerin „perfectly unperfect“ nennt. Es sind diejenigen, die ihre privilegierte Außenseiterposition antizipieren können.

Und klar, auch Gagas Kunst bildet das, was gerade geschieht, nicht ab. Aber was geschehen ist, zeigt sich darin. Die inneren Kinder wollen Heilung finden. Letztlich wollen alle doch nur in den Arm genommen werden. Leiden mit Kindness killen. Kann man doch mal ausprobieren, solange man das Außen nicht aus den Augen verliert.

Info

Lady Gaga Chromatica Interscope/Universal, 2020

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06:00 08.06.2020

Ausgabe 48/2020

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