Andreas Tobler
Ausgabe 1216 | 24.03.2016 | 06:00 14

Leider dumm gelaufen

Ärger in der Schweiz Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit hat in Zürich einen „Exorzismus“ gegen den „Weltwoche“-Chef Roger Köppel angezettelt. Das ging gründlich schief

Leider dumm gelaufen

Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Wie eine Dunstglocke hängt der Ärger über Zürich. Und diesmal wird er von rechts wie links geteilt. Anlass für diese seltene Einigkeit im Ärger ist eine Aktion des Politkünstlers Philipp Ruch, der im vergangenen Sommer mit symbolischen Begräbnissen von Flüchtlingen vor dem Berliner Bundestag für Aufsehen sorgte, mit seinem Kollektiv „Zentrum für politische Schönheit“. In der Schweiz ist er bisher vor allem für zwei Aktionen bekannt, die beide mit Roger Köppel, dem Herausgeber der Weltwoche, zu tun haben. Seit einigen Monaten sitzt Köppel für die rechtsnationale SVP im Schweizer Nationalrat – wenn er nicht gerade in deutschen Talkshows Stimmung gegen Flüchtlinge macht.

In der Schweiz haben sich die Intellektuellen über Jahre hinweg an den Exponenten der SVP abgearbeitet. In jüngster Zeit setzt sich aber die Meinung durch, dass die Rechtspopulisten an Aufmerksamkeit und Sympathie noch gewinnen, wenn man sie permanent skandalisiert. Das gilt insbesondere für Köppel, der sich in der dauernden Grenzüberschreitung gefällt.

Ruch sieht dies ganz anders: Im Herbst veröffentlichte sein „Zentrum für politische Schönheit“ im Schweizer Straßenmagazin Surprise einen Beitrag, in dem auf blutrotem Hintergrund „Tötet Roger Köppel. Köppel Roger tötet“ zu lesen war. Darunter eine zerbrochene Brille, wie sie der Rechtspopulist trägt. Ruchs Mordaufruf blieb straflos, da er als künstlerischer Beitrag erkennbar sei. So bewertete es die Zürcher Staatsanwaltschaft. Die Empörung war indes groß, nicht nur im Lager der SVP.

Vergangene Woche schüttete Ruch weiteres Öl ins Feuer: Vom Theater Neumarkt aus wollte er einen „Exorzismus“ am Weltwoche-Eigner vollziehen, der, laut Ruch, vom Geist des Stürmer-Herausgebers Julius Streicher besessen sei. Auf einer Homepage könnte man Köppel mit einigen Klicks Unheil an den Hals wünschen, hieß es, etwa einen Autounfall oder eine sexuelle Störung. Beide Aktionen waren nicht sehr originell. Und nicht nur das: Mit solchen Angriffen machte Ruch den Weltwoche-Herausgeber wichtiger als dieser ist.

Ruchs Aktion kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, auch weil es eine intensive Debatte um die Zukunft des Theaters Neumarkt gibt, dessen Auslastung nach einem Wechsel in der Intendanz zuletzt im Keller war. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dem Theater nun die Subventionen entzogen werden, es gar schließen muss. Das zumindest ist das Ziel der Zürcher SVP. Dank Philipp Ruch, der genau um die Mechanismen der Medien weiß und diese vor allem für seine eigene Selbstvergrößerung nutzt. Zumindest in der Schweiz, wo Ruchs „Entköppelung“ letztlich als theatrales Nichts verpuffte. Nachdem sich die Neumarkt-Intendanz auf offener Bühne von der Aktion distanziert hatte, erschöpfte sich das angekündigte Happening in einem Gang an die Stadtgrenze, wo eine Performance stattfand, die ebenso harmlos wie dilettantisch war: Unter einer Betonbrücke stolperte ein Schauspieler durch einen Parcours und stampfte auf eine Plastikkröte, die für Köppel stehen sollte.

Der Schaden, den Ruch für das Theater Neumarkt angerichtet hat, ist hingegen real: Die Diskussionen um die Zukunft des Hauses werden von Ressentiments gegenüber Künstlern umstellt sein, die von Ruch nun mit voller Kraft noch geschürt wurden. Das macht seine Theateraktion sehr, sehr dumm.

Andreas Tobler schreibt als Theaterkritiker für den Zürcher Tages-Anzeiger

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/16.

Kommentare (14)

McCormick 24.03.2016 | 11:15

ich kenne werder Ruch, noch das ZPS gut genug. Aber das was ich weiß, widerspricht dem Vorwurf des trojanisches Pferdes eben nicht.

Die Aktion erinnerte mich anfangs an Schlingensief... nur leider als ein vulgärer Abklatsch. Die Homepage-Aktion ist einfach nur geschmacklos. Wenn ein Künstler auf brachiale Vulgarität setzen muss, Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist das nie ein gutes Zeichen.

molokkoplus 25.03.2016 | 11:56

"Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dem Theater nun die Subventionen entzogen werden, es gar schließen muss. Das zumindest ist das Ziel der Zürcher SVP. Dank Philipp Ruch, der genau um die Mechanismen der Medien weiß und diese vor allem für seine eigene Selbstvergrößerung nutzt. [...] Die Diskussionen um die Zukunft des Hauses werden von Ressentiments gegenüber Künstlern umstellt sein, die von Ruch nun mit voller Kraft noch geschürt wurden. Das macht seine Theateraktion sehr, sehr dumm." Ist das nicht eine etwas sehr duckmäuserische Argumentationsweise? Man ist schon bedroht von rechtskonservativen Kulturfeinden und sollte dann nur auch alles unterlassen, um diese nicht noch weiter zu verärgern? Völlig unabhängig davon, was man von der konkreten Aktion hält. Die teilweise höchst gruselig formulierte Zustimmung in der Kommentarspalte hier spricht dazu auch Bände.

Manfred Fröhlich 25.03.2016 | 14:37

Seit einigen Monaten sitzt „Weltwoche“-Chef Roger Köppel für die rechtsnationale SVP im Schweizer Nationalrat – wenn er nicht gerade in deutschen Talkshows Stimmung gegen Flüchtlinge macht.
- Den Schaden, den Köppel in der Schweiz und in Deutschland durch seine „Aktionen“ anrichtet, ist allemal gefährlicher, als Ruchs künstlerischer Beitrag.

- Die Zukunft des Theaters Neumarkt ist Sache der Schweizer!

- Philipp Ruchs „Entköppelung“ wird letztlich nicht als theatrales Nichts verpuffen.

- Ich persönlich genieße jetzt meine „Entköppelung“ in deutschen Medien mit einem anderen Bewusstsein - via #ZPS!

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Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 20:40

Statt ZPS wäre der Name ZPH geeigneter.

Für H darf sich jeder was aussuchen, ich bevorzuge "Zentrum für politische Hässlichkeit". Zumindest die beschriebenen beiden "Aktionen" sind die Vorstufe zu "Hass" (H) und zu extremer Gewalt.

Den Aufruf zu Gewalt gegen Syrien, die militärische Einmischung in die inneren Anglegenheiten eines anderen Staates im Interesse von NATO und USA, verklausuliert als "No-Fly-Zone" hatte die ZPS und Herr Ruch persönlich schon 2011 erhoben. Ausserdem forderte er das Entsenden von "Militärbeobachtern". Damit war er voll auf der NATO-Linie und mitverantwortlich für das Verursachen der heutigen Zustände in Lybien einschließlich zig- oder hunderttausender Flüchtlinge, Tote und Verletzte.

Das Ergebnis kennen wir also, es blieb nicht bei der "No-Fly-Zone" und bei "Militärbeobachtern", die waren nur ein Vorwand, um die "Bombing-Zone" zu eröffnen. Dieses Mal nicht zuvörderst angeführt von den USA, sondern von Sarkoszy im Interesse der durch Gaddafis goldgedeckte Eigenwährungspläne bedrohten französischen Nordafrika-Währungszone. Natürlich sprangen Gorßbritannien und die USA diesen völkerrechtswidrigen Bomberverbrechen gleich mit bei.

Also ist klar, wessen Interessen das Wirken von Herrn Ruch dient.

Zitat einer Hetze diese Ruch-losen gegen die Friedensbewegung, die er als "unmoralisch" diffamierte aus einem Interview in der TAZ:

"taz: Herr Ruch, am Samstag gehen wieder Ostermarschierer in 80 deutschen Städten auf die Straße. Für Sie als Friedensaktivist ein Pflichttermin, oder?

Philipp Ruch: Nein. Ich halte es für unmoralisch, auf Demonstrationen zu gehen, wenn ich gleichzeitig etwas tun kann. Wer auf Demonstrationen geht, hat nicht wirklich vor, etwas zu ändern. Da geht es um alle möglichen Motive, nur nicht um den Frieden in Syrien oder im Kongo."

Nein nein, an seinen Worten und an seinen "Aktionen" kann man den systemtreuen Diener und vom System aus Steuergeldern bezahlten Gewalt-Provokateur und gesellschaftlichen Spalter erkennen.

Einer, der schon mit dem Nachplappern der grünen NATO-Propagandistin Marie-Luise Beck und Fischer den völkerrechtswidrigen NATO-Angriffskrieg in Jugoslawien mit seinen Gewaltaufrufen bejubelte.

Auf eine Interviewfrage, warum er eine bestimmte Aktion veranstaltete, bekannte er freimütig:

"Das war nach dem Umschwenken des amerikanischen Präsidenten im vergangenen August, als er davon abkam, in Syrien militärisch zu intervenieren."

Ist Euch allen klar, was das für ein Typ ist? Wessen Interessen er dient?

Er ist ein Befürworter der vollen Kriegsgewalt im Interesse bestimmter Kreise, denen sich sogar Obama zu widersetzen bemühte! Und wogegen sogar das britische Unterhaus in einer historischen Entscheidung stimmte.

Das ZPS befindet sich also in den Händen eines Kriegspropagandisten. Er sorgte auch dafür, dass die teilnehmenden Künstler einer strengen Hierarchie unterworfen sind und nicht wie sonst in Künstlerkollektiven üblich als Mitwirkung in flachen Hierarchien. So jedenfalls lt. RTdeutsch die Aussage des Mitbegründers. Der Link zum Nachweis eines entsprechenden Zitats ist mittlerweile schon entfernt.

Stellen Sie sich das mal vor, wenn es RTdeutsch nicht gäbe, würden wir diese ganzen Tatsachen gar nicht erfahren.

Da erkennt man doch den Vorteil, wenn man neben der Propaganda auch die Gegenpropaganda genießen darf.

Das ist genau dasselbe wie zu meiner DDR-Zeit nach dem "Genuss" der Aktuellen Kamera auch mal bei der Tagesschau vorbeizugucken.

Wie kann ein Forist in einem irgendwie linken Forum, so einen wie diesen Ruch verteidigen, werte(r) @Molokkoplus. Liegt es daran, dass Sie ebenso wie dieser Gewaltprediger eingestellt sind, was ich nicht glauben würde, oder haben Sie nicht gründlich recherchiert? Dann hoffe ich, dass ich die folgenden eindeutigen Quellen mit den Aussagen Ruchs zur Aufklärung beitragen können:

Quellen:

http://www.gehvoran.com/2011/02/kriegsverbrechen-in-libyen-wo-bleibt-die-welt/

http://www.taz.de/!5070438/

http://campaigning-academy.com/unsere-werke-setzen-den-betrachter-unter-extremdruck-philipp-ruch-im-interview-ueber-eine-kampagne-die-ein-ganzes-ministerium-in-verlegenheit-bringt/

Siehe auch sekundäre Quellen:

RTdeutsch

https://www.freitag.de/autoren/sutrebe/zps-ein-vorlaeufiges-fazit

Ich bin zu faul, um in der Nettiquette nachzuschauen, ob RTdeutsch auf dem Freitags-Index steht. Vorstellen könnte ich mir das bei "gewissen Vorgängen" hier. Also habe ich keine Verlinkung gepostet. Jeder kann ja selbst googeln. :-(

harsdorfer 28.03.2016 | 15:05

Phillip Ruch war am 4.3.2016 Gesprächsgast des Philosophischen Radios auf WDR5, nachzuhören unter

http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/philosophisches-radio/philipp-ruch-108.html.

M.E. präsentierte er sich dort gleichsam als Besessener von der Idee, das Gute um jeden Preis durchzusetzen, jedenfalls das, was aus seiner Perspektive gut zu sein scheint, und ihm fehlt offensichtlich jegliche kritische Distanz zu sich selbst und seinen Aktionen. Unklar blieb in dem Gespräch seine eigene politische Haltung jenseits des praktizierten und propagierten Ästhetizismus. Insofern kann ich die Kritik von Andreas Tobler an den Anti-Klöppel-Aktionen gut nachvollziehen.