Leider gescheitert

Abgang Mit dem Rückzug von Wolfgang Thierse verschwindet so etwas wie die Stimme des Ostens. Und damit auch das Wissen des Umbruchs
Leider gescheitert
Wolfgang Thierse geht. Wer soll danach kommen?

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Nun also Wolfgang Thierse. Mit dem ehemaligen Bundestagspräsidenten, der im Jahr 2013 nicht mehr fürs Parlament kandidieren will, verlässt jemand die politische Bühne, dem keiner seiner Art nachrücken wird. Es wird eine Lücke bleiben, eine Leerstelle im politischen Tagesbetrieb: Es fehlt die „Stimme des Ostens“. Zwar hat Thierse diese zuletzt immer seltener erhoben. Doch wenn der letzte Vorsitzende der DDR-Sozialdemokratie, er war das von Juni bis September 1990, sich ein Thema wählte, dann horchte zumindest eine kleine Öffentlichkeit immer noch auf.

Wer sollte ihm nachfolgen? Die Kanzlerin gibt sich pragmatisch gesamtdeutsch. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, der sich nach kurzem bundespolitischen Intermezzo zurückzog, legte schon 1990 Wert darauf, als nicht allzu bürgerrechtlich ostdeutsch zu gelten. Daneben stehen ostdeutsche Ministerpräsidenten, deren Namen selbst politisch Eingeweihten bisweilen entfallen – zu klein ihr Bekanntheitsgrad, zu selten ihre Interventionen, zu gering ihre Machtbasis.

Im Gerangel um die Spitzenkandidatur von Bündnis 90/Die Grünen werden der Thüringerin Katrin Göring-Eckardt die geringsten Chancen nachgesagt. Auch an die ehemalige FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper erinnert man sich kaum noch – schon gar nicht als Stimme des Ostens. Die Nichtwahl Dietmar Bartschs zum Ko-Vorsitzenden der Linken scheint in das gleiche Muster zu fallen.

Zehn Jahre zu spät

Dabei ist das Thema nicht unbedingt westdeutsche Usurpation. Sondern Konkurrenzkämpfe. So wie Platzeck einst Regine Hildebrandt in Brandenburg ins Abseits drängte, trieb dies damals auch Thierse mit den ostdeutschen Bürgerrechtlern in der SPD voran. Ostdeutsche Wendepolitiker – also jene, die erst in den Wirren der Revolution in die Politik gelangten – stritten nicht selten mit Bürgerrechtlern in der eigenen Partei um die wenigen ostdeutschen Plätze in der Politik.

Erst danach scheiterten sie am Machtinstinkt eines Gerhard Schröder oder eines Joschka Fischer – oder an der Ignoranz einer Angela Merkel. Oder sie rieben sich in den Verteilungskämpfen der vergangenen 20 Jahre auf. Die Ossis sind letztlich mit ihrer Revolution ein Jahrzehnt zu spät gekommen: Als sie endlich zum Westen gehörten, war dessen goldene Zeit vorüber, der Globalisierungsdruck stieg, die Posten und Pfründe waren verteilt.

Doch selbst im Osten Deutschlands, in Sachsen und Thüringen etwa, werden die ostdeutschen Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten nie an die Wahlergebnisse ihrer bundesrepublikanischen Vorgänger Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel heranreichen. In Mecklenburg-Vorpommern fand sich kein einheimischer Kandidat für die Nachfolge von Ministerpräsident Harald Ringstorff. Die ostdeutschen Stimmen bleiben schwach. Ihnen fehlt der Resonanzboden in Parteien, Gewerkschaften, in der Wirtschaft, in Verbänden.

Zerfall absoluter Wahrheiten

Dabei wären in der aktuellen Krise jene Stimmen notwendiger denn je. Und zwar nicht reduziert auf ostdeutsche Inhalte wie etwa die Forderung nach Lohnangleichung, sondern vor allem als Stimme der Krisenerfahrung: mit dem Wissen um den Zerfall von absoluten Wahrheiten, der großen Transformation von Lebenswelten und der verlorenen Sinnstiftung. Doch auf dieses Wissen verzichtet der Westen nach dem historischen Sieg der Bonner über die Ostberliner Republik bewusst.

Selbst Thierse wurde in dieser Konstellation nicht wirklich mächtig. 1994 verlor er sein Direktmandat an den PDS-Kandidaten Stefan Heym, 1998 unterlag er Petra Pau. Und damit schwand auch sein Rückhalt in der SPD-Spitze. An seiner Stelle wurde Manfred Stolpe Vorsitzender des sozialdemokratischen Forum Ostdeutschland, und Rolf Schwanitz wurde Ost-Beauftragter bei Kanzler Schröder. Für den studierten Germanisten blieb der prestigeträchtige, aber eben auch in der Staatsräson eingehegte Posten des Bundestagspräsidenten. Von hier aus griff er immerhin fordernd und erklärend ein. Doch jenes ostdeutsche Umbruchswissen wurde zu oft als Lamento abgetan.

Es erinnerte die alte Bonner Republik zu sehr an ihr unausweichliches Ende. Denn die vereinigte Bundesrepublik wurde rasch selbst Schauplatz ähnlich tief greifender Umwälzungen, wie sie der östliche Teil des Landes bereits durchlebt hatte: die große Transformation vom fürsorgenden zum vorsorgenden Sozialstaat, von einer nationalen Ökonomie zur Globalisierung, von Lebenssicherheit zur Prekarisierung. Der Schriftsteller, Essayist und Chronist Christoph Dieckmann, der das 89er-Vorwissen als Erfahrung des Scheiterns auf den Punkt gebracht hat, formulierte es so: „Auch die alte BRD ging unter. Aber, mit Nietzsche gesprochen: Diese ungeheure Nachricht ist noch unterwegs.“

Leistungsindividualisten

Gleichzeitig hat dieses Umbruchswissen die verbliebenen ostdeutschen Politikerinnen und Politiker immun gemacht gegen eine generelle Systemkritik. Auch sie lieben in gewisser Weise die Bonner Klassik aus Wirtschaftswunder, Ludwig Erhard und sozialer Marktwirtschaft. Auch sie erkennen die Prämissen der Leistungsgesellschaft an, die Selbstoptimierung, den Wettbewerb. Und damit repräsentieren sie nicht nur eine altbundesrepublikanische, sondern stärker noch eine ostdeutsche Gefühlslage. Die Milieustudie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat Mitte der Nullerjahre gezeigt, dass der Anteil der Leistungsindividualisten in Ostdeutschland deutlich höher liegt als im Westen. Der Soziologe Heinz Bude hat dies in seiner Studie zur schrumpfenden Stadt Wittenberge eindrücklich bestätigt.

Mit den Krisen der vergangenen Jahre gehen die Ostdeutschen wesentlich gelassener um als die Westdeutschen. Denn von diesen erleben viele zum ersten Mal, was ein Umbruch bedeutet, der weit in die Mittelschichten hinein reicht. Aber das, was Dieckmann das 89er-Wissen nennt – Erkenntnisse aus dem Verlust von Gewissheit in Anbetracht eines permanenten Umbruchs – übersetzt sich nicht politisch. Und das liegt auch daran, dass Stimmen dieses Umbruchs in der Öffentlichkeit fehlen.

Gäbe es sie, so wären sie zumindest ein Impuls, damit Ost und West über Hoffnungen, Gewissheiten und deren Brüchigkeit ins Gespräch kommen. Am Ende könnte die Erkenntnis stehen, dass eine radikalökonomische Antwort auf den Umbruch wie in Ostdeutschland nach 1990 womöglich nicht die beste aller Lösungen ist, weder für die Bundesrepublik noch für Griechenland.

Michael Lühmann ist Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen

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09:00 09.09.2012

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