Leidkultur

Geschichtsverdrehung Der Plan eines "Zentrums gegen Vertreibungen" rückt mit der Ausstellung "Erzwungene Wege" ein Stück näher

Am 10. August soll es so weit sein: Im Kronprinzenpalais in der Mitte Berlins wird die Ausstellung "Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" eröffnet. Die Ausstellung gilt vielen als symbolischer Grundstein für das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen", das seit über sieben Jahren von Seiten der Vertriebenenverbände angestrebt wird. Zwar fehlt diesem Vorhaben noch der gewünschte regierungsamtliche Segen, doch der ist mit der großen Koalition wahrscheinlicher geworden. Indessen ist die Kritik von polnischer Seite in letzter Zeit harscher geworden.

Bereits Mitte 1999 wurde auf dem "Tag der deutschen Heimatvertriebenen" in Berlin der Vorschlag einer "Stiftung der deutschen Heimatvertriebenen" angekündigt. Der anwesende Innenminister Otto Schily unterstützte das Ansinnen sofort. Ein Jahr später legte der Bund der Vertriebenen (BdV) ein Konzept vor, in dem ein "Zentrum gegen Vertreibung" (ZgV) erstmals offiziell präsentiert wird. Erst später wurde der Plural "Vertreibungen" zur Anwendung gebracht und eine "europäische Perspektive" hinzugefügt. Dass das Projekt Zustimmung von weit nach rechts bis weit nach links gewinnen konnte, war insofern erstaunlich, als das Thema Flucht und Vertreibung wie kein anderes in der Geschichte der Bundesrepublik ausgesprochen umfassend erinnert und erforscht worden ist.

Diesmal jedoch ging es um etwas anderes: Ein zentrales Mahnmal sollte entstehen, aus öffentlichen Mitteln finanziert und staatlich geweiht, das die Aufgabe hätte, ein einheitliches Geschichtsbild durchzusetzen. Die Mutter des Projekts, BdV-Präsidentin und CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, stellte von Anfang an die Intentionen für ein solcherart geplantes Zentrum klar: Es soll "in geschichtlicher und räumlicher Nähe" zum Holocaust-Mahnmal in Berlin entstehen und konzeptionell dem US Holocaust-Memorial-Museum in Washington ähneln. Steinbach formulierte im Jahr 2000: "Im Grunde genommen ergänzen sich die Themen Juden und Vertriebene miteinander. Dieser entmenschte Rassenwahn hier wie dort, der soll auch Thema in unserem Zentrum sein." Damit die alltägliche landsmannschaftliche Verdrehung der Geschichte mit den Deutschen als größter Opfergruppe des Zweiten Weltkriegs öffentliche und staatliche Sanktionierung erhält, sucht die "Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen" die Nähe der anderen größten Opfergruppe, der Juden. So weist die Homepage der Stiftung unter den Unterstützern viele prominente Juden in Deutschland aus: Ralf Giordano, György Konrad, Imre Kertesz, Michael Wolffsohn. Für "wissenschaftliche Objektivität" sorgen zusätzlich die telegensten Geschichtsinterpreten, wie Arnulf Baring, Guido Knopp und Joachim Gauck.

"Mehr als 15 Millionen Deutsche und viele andere Völker waren im 20. Jahrhundert Opfer ethnisch begründeter Austreibungen", wird Steinbach nicht müde zu wiederholen. Während die Zahl der "ausgetriebenen" Deutschen in ihren Reden von Jahr zu Jahr wächst, schmilzt die Zahl der von den Deutschen umgebrachten Juden, Sinti, Roma, Polen und Russen in der deutschen Statistik schneller als die Gletscher der Alpen. Die Ausstellung "Erzwungene Wege" wird vorführen, dass vor allem auch "im europäischen Kontext" die Deutschen nicht nur Täter, sondern vor allem Opfer anderer Völker waren. Dafür thematisiert man "beispielhaft" auch andere europäische Völkermord- und Vertreibungsschicksale. Planmäßig löst "Erzwungene Wege" die Bonner Ausstellung "Flucht, Vertreibung und Integration" ab, die derzeit fast direkt gegenüber im Deutschen Historischen Museum läuft (bis 13. August), und die in gewisser Weise als Vorfeldarbeit zu Steinbachs Projekt gelten kann. Wegen der zu erwartenden Verdrehungen, Umdeutungen und Verschleierungen haben sich auf Initiative von Hans Henning Hahn und Samuel Salzborn zahlreiche Publizisten, Wissenschaftler und Politiker weltweit zu einem Protest zusammengeschlossen. Auch die staatlich angeordnete Idee eines internationalen wissenschaftlichen Netzwerkes hat die Pläne der Vertriebenverbände nicht behindert.

Solch hoch angelegte Aufgaben wie das ZgV brauchen ihre Opfer, auch wenn das die Zertrümmerung des deutsch-polnischen und des deutsch-tschechischen Konsenses bedeuten mag. Für die Stiftung schien es ausreichend, sich von den Vorhaben der Preußischen Treuhand offiziell zu distanzieren - aber wohl nicht von der "Charta der Vertriebenen", die die Grenzen von 1945 revidieren will und das "Recht auf Heimat" verkündet. Die Kritik aus Polen ist, so Erika Steinbach, "für uns in Deutschland rational nur schwer nachvollziehbar". Da die Polen bedauerlicherweise nie rational und immer unberechenbar waren, wurde auf sie am 1. September 1939 "zurückgeschossen". Bekannterweise hat damit das deutsche Leid angefangen.


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00:00 04.08.2006

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