Leipzig bleibt rot

Militanz Polizei und Linke bekämpfen sich in Leipzig. Die Gewalt angesichts des Naziaufmarschs war absehbar – der Mythos "Connewitz" lebt
Leipzig bleibt rot
Scherben bringen Glück – oder nicht?
Foto: Christian Grube / Imago

Lichterketten sind nicht jedermanns Mittel der politischen Auseinandersetzung mit Nazis. Diese Ansicht ist besonders im Süden von Leipzig verbreitet, viele setzen lieber auf zivilen Ungehorsam oder die militante Tat. Lokal- und Landespolitik sowie Medien haben sich längst darauf eingeschossen: Der Stadtteil Connewitz ist ein Chaotenbezirk, eine „linksextreme“ Hochburg. Daher musste man auf die reflexartigen Reaktionen nicht lange warten, als es vergangenen Samstag aufgrund einer Nazidemo im Kiez zu Sachbeschädigungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei durch antifaschistische Protestler kam.

Das geschah auch nicht überraschend, sondern mit Ansage. Dessen hätten sich die Verantwortlichen bewusst sein müssen. Nicht umsonst pflegen Befürworter wie Feinde die Legende vom roten Leipzig. Bis hin zur braunsächsischen Provinz zirkuliert das Angstwort „Connewitz“. Nun ist es die Eigenart von Mythen, dass sie hin und wieder bestätigt und erneuert werden müssen, so wie es beim Beispiel Leipzig aktuell erfolgt.

Rauchwolken und Reizgas

Die Abfolge der Ereignisse lässt sich wie folgt skizzieren. Nachdem die Stadt einen Sternmarsch, bestehend aus drei Nazidemos – angemeldet von der Partei „Die Rechte“ und zwei Gida-Abspaltungen – durch Connewitz auf eine 600-Meter-Route durch die Peripherie der Südvorstadt verlagerte und zurechtstutzte, eskalierte die Situation rasch. Dreifach bis vierfach hermetisch abgeschirmt durch Polizeiketten, Hamburger Gitter, Wagenburgen liefen rund 130 Nazis störungsfrei ihre Strecke in großer räumlicher Trennung ab. Hör- und Sichtweite der Gegenproteste – Zigtausende beteiligten sich daran rings um die verbotene Zone – war nicht gegeben.

Nachdem Durchbruchsversuche gescheitert waren, verlegten sich Antifa-Gruppen auf die Guerillataktik zur Polizeikräftebindung, zündeten im ganzen Viertel Müllcontainer als Minibarrikaden an, zerstörten die Scheiben von Straßenbahnhaltestellen und Banken, gingen mit Steinen auf Polizisten los. Dass die zuvor schon unfreundlich aggressiv unterwegs war – geschenkt. So schaukelten sich beide Seiten weiter hoch, bis hin zu unnötigen Tränengasgranaten-Orgien, welche die Beamten selbst in Mitleidenschaft zogen – was die 69 verletzten Polizisten (Polizeiangabe) erklärt. Schließlich lag das ganze Viertel im Nebelgemisch aus Rauchwolken und Reizstoff.

Dieses gewaltförmige Hin und Her kam nicht überraschend. Naziaufmärsche so „teuer wie möglich“ zu machen, gehört zum Antifa-Standardrepertoire. Das muss man nicht gutheißen, aber man muss damit rechnen. Wenn sich Politiker nun fassungslos zeigen, sind sie entweder unglaublich naiv oder verlogen. Natürlich ist das angeblich „rote Leipzig“ eine Behauptung, aber eben auch nicht nur. Der Mythos Connewitz steht damit in Verbindung, er ist die jüngste Aktualisierung vom historisch verwurzelten Bild der linken Hochburg Leipzig.

Wiege der Arbeiterbewegung

Sachsen war eine der Wiegen der deutschen Arbeiterbewegung. Mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein entstand 1863 in Leipzig die Keimzelle der SPD. Das Volkshaus – erst beim Kapp-Putsch, später von der SA gestürmt – ist bis heute Zentrum der Gewerkschaftsbewegung. Es liegt direkt an der Karl-Liebknecht-Straße; deren Namensgeber wiederum wurde gleich um die Ecke in der Braustraße geboren und die Verfasser des „Kommunistischen Manifests“ Karl Marx und Friedrich Engels waren seine Taufpaten. Lenin war einmal in Leipzig, um den Druck seiner revolutionären Zeitschrift „Iskra“ zu überwachen, auch das „Kapital“ wurde erstmals an der Pleiße gedruckt. Im damaligen Ehrenhain auf dem Südfriedhof wurden jene begraben, die sich um den Sozialismus verdient gemacht haben. Zum Sowjetischen Pavillon wurde eine als Ausstellungsraum und Sportpalast gebaute Messehalle 1950, als man sie mit der markanten goldenen Spitze und dem roten Stern versah – sie thronen bis heute über dem Gelände.

Zwar wird die Stadt seit der Wende von SPD-Bürgermeistern regiert, doch ist ein roter Hauch übriggeblieben. So gilt die hiesige linksalternative Szene gemeinhin als die größte in Ostdeutschland. Die Partei „Die Linke“ hält nur einen Stadtratssitz weniger als die CDU und das landesweit einzige Linke-Direktmandat für den Landtag wurde 2014 in Leipzig an der Wahlurne erreicht – die Kandidatin warb mit dem Slogan: „Leipzig bleibt rot“. Zu ihrem Wahlkreis gehört der Stadtteil Connewitz.

Das Antifa-Etikett haftet bis heute

Der Mythos Connewitz aber wabert weiter, hat keine klar umrissenen Grenzen. Wenn es um gewisse Lebenseinstellungen geht, die verbreiteter sind als in anderen Vierteln, dann muss man unter „Connewitz“ zwei Postleitzahlzonen fassen: Diese gruppieren sich entlang der Karl-Liebknecht-Straße, fächern am südlichen Ende in zwei Magistralen aus. Pi mal Daumen beträgt die Längsausbreitung drei Kilometer. Es sieht hier längst nicht mehr so wild aus, wie die Beschreibung als Alternativkiez klingt. Und ganz so urig lebt es sich auch nicht. Aber es gibt eben noch genügend subkulturelle, alternative bis autonome Enklaven, die andernorts nicht existieren. Die vor Jahren eingesetzte Gentrifizierung lässt sich an den Mieten sowie an der Bio- und Kinderladendichte deutlich ablesen. Längst gelten andere Viertel wie der Leipziger Westen als hip. Das in Straßenschlachten erworbene Antifa-Etikett – die Polizei zeigte sich besonders Anfang der 1990er eher ungewillt, Naziangriffe zu unterbinden – haftet dem Quartier aber weiterhin an, was für eine recht nazifreie Lebensqualität sorgt und die Gegend überaus alltagstauglich macht.

Dass das Aufmarschieren von Nazis in der eigenen Homezone – jenseits aller Diskussion übers Demonstrationsrecht – von vielen Bewohnern als besondere Provokation aufgefasst wird, ist angesichts dessen offenkundig. Auch die Heftigkeit der Eskalation, ist wenig überraschend, sie erinnert an die genauso den Mythos stabilisierenden gewaltförmigen Proteste gegen den NPD-Aufmarsch vorm Völkerschlachtdenkmal 1998 („Battle of LE“). Die letzten Ausschreitungen in dieser Vehemenz gab es vor zehn Jahren und sie richteten sich gegen den Versuch Christian Worchs, mit einer Nazitruppe nach Connewitz zu laufen. Der Hamburger hatte Leipzig zur „Frontstadt“ erklärt und damit eine weiteres Element zum Mythos beigefügt.

Es liegt in dessen Natur, dass der Mythos zu Anlässen wie am Samstag auch auswärtige Demonstranten anzieht. Das alles hätten die Verantwortlichen wissen müssen und wäre Politik wirklich eine Kunst des guten Regierens, hätten sie sich darauf eingestellt, statt mit einer überagierenden Polizei das Feuer noch zu schüren.

Runderneuerter Mythos

Nun ist alle öffentliche Empörung wieder groß. Politiker vieler Couleur dürfen sich „schockiert“ zeigen und „alle Härte des Gesetzes“ fordern. Die Extremismustheorie wird neuerlich bemüht, was die Gleichsetzung von rechts und links nicht plausibler macht. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) – er ist selbst erst kürzlich nach Connewitz gezogen – sprach gar völlig überzogen von „offenem Straßenterror“. Interessanterweise meldeten sich etliche zu Wort, die über Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte oder Attacken auf die Polizei in Heidenau lieber schweigen. Auch das ist ein Effekt des Mythos, er zwingt dazu, sich zu verhalten.

Und nun? Ein politisches Desaster attestieren manche, die Gewalt hätte den Nazis in die Arme gespielt. Aber stimmt das? Keiner wird gleich rechts wählen, weil Mülltonnen brennen und Steine fliegen. Für die Nazis war ihre Demo ohnehin ein Schlag ins Wasser. Der Gruppenbildung hat es vielleicht gedient, aber nach allen Drohungen, Connewitz in „Schutt und Asche“ zu legen, haben sie sich doch eher gelangweilt. Hinzu kommt, dass kaum ein Medienbericht überhaupt die Forderungen oder nur die Namen der Nazi-Organisationen nennt; PR-technisch hätte es für sie nicht schlimmer laufen können. Sicherlich werden die Sicherheitsorgane weiter an der Repressionsschraube drehen, aber was soll da in Sachsen, wo schon die hunderttausendfache Funkzellenüberwachung auf Demos stattfand, noch kommen? Andererseits müssen die Behörden bei der Gefährdungsanalyse des nächsten Naziaufmarschs mit erhöhtem Risiko kalkulieren. Ein Gewinner jedenfalls steht fest: Der Mythos Connewitz zeigt sich runderneuert durch Freund und Feind.

13:43 16.12.2015

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