Leisten Sie mir Gesellschaft?

Knickerig Gedanken zur kulturellen Physiognomie einer Großstadt

Keine Großstadt der Republik mit mehr Wasser ist schöner grün. Aber bei Regen scheint sich das leblos dezente Grau ihrer Banken und Geschäftsstellen über die ganze Stadt zu verbreiten und noch die großen Parks zu vereinnahmen - gewissermaßen als Bürobegrünung. Kein europäischer Hafen erzielt höhere Umschlagszahlen im China-Handel als Hamburg. Doch geographisch und kulturell ist die Stadt Randerscheinung. Wo andere große Städte einen Markt, eine ehemals fürstliche oder bischöfliche Residenz haben und ums Eck eine berühmte alte Universität, da hat sie einen zu groß geratenen Feuerlöschteich, an das ein Büro- und Geschäftszentrum grenzt. Drumherum erstreckt sich ein Agglomerat aus großen Dörfern.

Wo andernorts, ob in Berlin oder Wien, Dynasten künstlerische und wissenschaftliche Intelligenz neugierig machten, da ließen "königliche Kaufleute" als frühe global players Märkte an den Küsten der Erde erobern, trieben Handel mit Sklavenplantagen, verschifften Militär in Kolonien und stauten ihre Schiffe mit Auswanderern. So kamen manchmal gerade zwei Drittel davon lebend an. Nie haben große Juden das intellektuelle Klima der Stadt wirklich prägen können. Oper? Gut, die putzt. Tüchtige Musikanten für die Kirchen gab es natürlich; Telemann zum Beispiel. Brahms dagegen macht sich mit noch nicht dreißig davon. Wohin? Wohin schon. Nach Wien. Kaum ein Jahr lang hält es Lessing aus. Sechs Jahre, unter ständigen Querelen, Mahler. Hagedorn, der kleine Hagedorn dagegen, macht sich mit Hamburg-Werbung beliebt: "Der Elbe Schiffahrt macht uns reicher/ Die Alster lehrt gesellig sein/ Durch jene füllen sich die Speicher/ Auf dieser schmeckt der fremde Wein/". Heine macht sich in den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski über den Hamburger Klopstock lustig. Der habe wohl nur deshalb so rührend wahr die Leiden Jesu besungen, weil er lange genug auf der Königstraße hinter dem Jungfernstieg gewohnt habe, um zu wissen, wie Propheten gekreuzigt würden.

Als ich vor fast 40 Jahren in die Stadt meiner Kindheit zurückkam und noch ein Bier trinken wollte zur Nacht am Bahnhof, in St. Georg, geriet ich in ein Lokal, das leer war bis auf die Frau hinterm Schanktisch. An nichts erinnere ich mich, was ihr Äußeres anging, außer an den klaftertiefen Ausschnitt am Bug und den Turm aufgesprayten blonden Haars. Er sah aus wie ein großes, verklebtes, umgestülptes Vogelnest. Ich trank langsam an dem gut eingeschenkten Glas. Über den Glasrand hinweg bemerkte ich, wie sie mich immer mal wieder mit Blicken prüfte. Endlich kam sie herüber und sagte: "Möchten Sie noch etwas Gesellschaft an die Bar?" Sie sagte nicht: Na, und die Dame? Soll sie vielleicht trocken ins Bett? Nein, sie fragte aus einem unendlich langen leeren Gesicht: ob ich noch Gesellschaft wolle ... an die Bar. Sie fragte nicht: Wie wär´s mit einem Piccolo, eh´ er schlecht wird? Sie fragte nicht einmal schlicht, ob ich ihr einen ausgäbe. Nein, sie hatte das winzige lächerliche Gefühl, das mit ein wenig Geld zwischen uns zu machen gewesen wäre, schon auf den Begriff gebracht: Gesellschaft leisten. Da wusste ich, dass ich wieder zuhause war.

Einmal, in jenen Anfangsjahren, noch immer befangen im alten Berliner Urvertrauen, wonach sich zwei, drei Freunde immer treffen ließen auch ohne Verabredung, ein zwei Kneipen weiter, kam ich, noch immer allein, am Rothenbaum am Tresen mit einem Mann von Jahren ins Gespräch, der sich gerade die Pfeife stopfte. Er zeigte mir, wie er seinen Tabak feucht hielt: Mit einem Schwämmchen im Innern des Deckels. Als er gegangen war, klärte ein anderer mich auf: "Sie hatten eben die Ehre, mit Erwin Seeler, dem Vater von Uwe, sich zu unterhalten. Arbeitet übrigens noch immer im Hafen, als Stauervize. Uwe, wissen Sie, ist knickerig."

Knickerig. Kaum ein anderes Wort beschreibt besser hanseatische Gefühlstradition. Es meint nicht schlicht Geiz. In wohl kaum einer deutschen Großstadt ist mehr Geld in den falschen Händen weniger. Man knickert am Leben selbst, an allen Lebensäußerungen. Vielleicht ist das das Protestantische. Eine Art vorzubeugen in Sachen Gnadenwahl. Nicht, dass nicht auch der Spießer inzwischen Dekadenz auslebte: Sahen rund 500.000 Besucher die Ausstellung Körperwelten, die von der Hamburger Mitte-Rechts-Schill-Regierung problemlos abgesegnet wurde.

Die Anpassung an gewisse Konventionen von Exzentrik hat auch vor den tonangebenden Milieus des kulturellen Zwischenhandels, vor Werbern, Entwerfern, Modisten, Friseuren und Medienleuten nicht Halt gemacht. Man kann auch protzen; zur Not. Man tischt auf; wenn es sich rechnet. Man gibt sich locker, nicht mehr nur englisch: Man schickt die Töchter (Gianni Celati schildert die antriebsarmen berechnenden Blondinen vom Typ Elbschleiche in seinem Roman Mondphasen im Paradies) auf die besten US-amerikanischen Schulen. Man isst italienisch. Und wenn ich in Italien sage, ich sei aus Hamburg, lachen sie: Ach, das ist, wo sie schon Ende Februar ihren Sportwagen mit offenem Verdeck fahren! Kommen italienische Freunde aber dann selbst mal, fragen sie nach Matjesbrötchen und Le donne in vitrine.

Ist Hamburg die Stadt der Toleranz? Gibt es hier Liberalität aus Tradition? Ich fürchte, was so heißt ist nur Stilunsicherheit; aus Mangel an einer selbstsicheren regionalen Kultur; wie vielerorts diesseits des Mains. Keine Lokalzeitung, die zu mehr nütze wäre, als seinen Bückling darin einzuwickeln. Das Abendblatt ein Hort lauwarmer Eigenheim-Wohlanständigkeit. Und wenn auf der Bühne ein Klassiker zum x-ten Mal als das übliche Kriech-und Kreischtheater aufgetischt wird, fliegt kein Fallobst. Man sagt: Das ´s ja gediegen. Und: Muß ja wohl.

So gut wie nie - außer im Zustand der Verwüstung - hat die Dame Hamburg es geschafft, den Liebesblick eines großen Ansässigen auf sich zu ziehen wie Tucholskys Berlin; von Wien ganz zu schweigen. Was zählt, ist der in Dienst genommene Geist; und sei´s in der üblichen Form journalistischer Zweiminutenvierzig-Tagelöhnerei. Inzwischen verkauft die Stadt ihre landeseigenen Krankenhäuser. Die Wasserwerke stehen zur Disposition. Was wird man noch verkaufen, wenn es nichts mehr zu verkaufen gibt? Die Polizei?

Es gibt hier Multimillionäre, die sich öffentlich fragen, wieso sie eigentlich keine Steuern zu bezahlen brauchen. Für 5,20 Euro die Stunde sortieren Dosenpfand-Sortiererinnen Pfandgut am Fließband. Nur 2,4 Prozent aller Sozialhilfe-Empfänger haben - nach einer Untersuchung der Sozialbehörde - 2003 zu Unrecht Sozialhilfe bekommen. Unbekümmert darum erzielte Ende 2001 die Partei des sozialen Ressentiments, die des Ronald Barnabas Schill, auch in bürgerlichen Stadtteilen überdurchschnittliche Erfolge.

Und die Sozialdemokratie? Seit der Erste Bürgermeister Voscherau aufgab, hat sie keinen vorzeigbaren Kandidaten aufzubieten gehabt. Das ist nicht ungewöhnlich. Wer die operationelle Intelligenz dazu hat, schafft eh´ gleich im Hintergrund, in der freien Wirtschaft die Fakten, der die Politik Folge zu leisten hat. Den Kandidaten der letzten Bürgerschaftswahl, Ortwin Runde, mussten die Werber auf Stellwänden neben einem Großflugzeug verstecken. Jetzt hätte man noch einmal einen Mann mit Aura gehabt: Den Mediziner Petersen, selbst aus einer alten Bürgermeister-Familie. Das Rennen bei den Ortsvereinen aber machte Thomas Mirow, im Volksmund auch "Mickerfex" genannt. Zu Jahresanfang, als Schröder seine "Bildungsoffensive" startete, durfte er in dessen Stab mitschlurfen. Eine "wissensbasierte Gesellschaft" forderte der Kanzler. Und unter den Sünden, die die Hamburger SPD ihren politschen Gegnern vorwirft, steht der "Bildungs-Kahlschlag" ganz obenan. Fast zeitgleich gibt der Hamburger Kultursender NDR 3/Hörfunk seinen Geist auf. Nicht länger zur Wahl gestellt ist seit Jahresbeginn dem Hörer ein Programm aus Wort- und Musiksendungen. Von nun an darf er sich von neun bis 19 Uhr ein Service-Radio aus Info-Bröseln und musikalischen Appetithäppchen von Bach bis Morricone am Ohr vorbeigehen lassen. Und um halb elf nachts geht es noch einmal weiter damit bis zum ARD-Nachtkonzert: Klassische Duftnoten, gehobene Fahrstuhlmusik der Marke "Cross over"-Fastfood in Wort und Ton. Hauptsache, die "Durchhörbarkeit" beim Staubsaugen ist hergestellt. Jetzt heißt NDR 3 NDR Kultur. Zu verantworten hat ihn Barbara Mirow, Gattin des SPD-Bürgermeister-Kandidaten. Insider zitieren sie mit dem Satz "Alles ist Kultur. Auch Autos".

"Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt und arbeitet". Das war einmal ein Satz, den Sozialdemokraten wie Sozialisten abnickten. Inzwischen sieht sich die Kultursenatorin Horákova und ehemalige BILD-Redakteurin durch Umfragen bestätigt, "dass es keinen Unterschied zwischen E- und U-Kultur gibt." Was meinen wir, wenn wir von jemandem sagen, er habe Kultur? Dass er einen Gesprächspartner zu Worte kommen lässt? Ein historisches Gedächtnis hat, ermessen zu können, woher wir kommen und wohin es mit uns kommen kann? Was ist mit dem Recht eines Heranwachsenden, eines Studenten, wenigstens einmal eine Sinfonie mit allen vier Sätzen hören zu können, einem komplizierten Gedanken zu folgen, der sich nicht auf Anhieb rechnet, ohne dabei aufs Nachtprogramm warten zu müssen? Zumal das Recht auf Minderheitenprogramme durch Verfassungsgerichtsurteile garantiert ist?

Hamburg: Drei Kostbarkeiten hat die Stadt: Den Jenisch Park mit seinen alten Eichen und dem Elbstrand; den Lukas-Altar in der Jakobikirche, wo - in Holz geschnitzt - der Heilige vor seiner Staffelei die Madonna mit dem Kind malt, während Santa Lucia, als Schutzheilige der Maler und Augenkranken, ihre ausgestochenen Augen in einer Schale vor sich hält. Und links und rechts vom alten Schlachthof das Karolinen- und das Schanzenviertel. Mit einem israelischen Freund, der Ende der dreißiger Jahre in Palästina geboren wurde, bin ich hin und wieder auf einen Kaffee hier unterwegs. Vorbei an den meterlangen Gemüseauslagen, den unzähligen kleinen Geschäften, An-und Verkaufs- und Reparaturläden mit Ersatzteilen für Radio und Fernseher. Er schaut in die alten Höfe mit den niedrigen Terrassenhäusern. Und spricht von den Menschen, die es offenbar gern hier miteinander aushielten, sagt er. Von den Fremden, Türken vor allem, den Studenten, den Alteingesessenen und all denen, die riskierten, nach Träumen zu leben, die nicht im Fernsehen vorkommen. Und dabei schnuppert er in die Luft nach dem Geruch von gebratenem Lamm und sagt: "Wie damals, zuhause".Die alten Gründerzeitfassaden misst er mit den Augen ab. Die neuen Baulücken. Und die postmodernen Würfel aus Glas, Stahl und Beton, mit denen man sie schließt. Hinter mit Planen verhängten Hausfronten entstehen die neuen Komfortwohnungen. Man weiß sie zu schätzen. Wer wird die neuen Mieten zahlen können?

Vorbei die Tage, als die Autonomen auf der Straße verhinderten, dass an die Stelle der alten Flora das neue Musical-Theater gebaut wurde. Die Trend-Scouts bleiben wach. Hier eben noch ein Punker-Laden, da heißt ein Klamottenladen schon Nymphenfieber, ein anderer Schmuckrausch. Wie sie andocken, die Zombies, an die Milieus, um ihnen ein bisschen Leben abzusaugen; und sie schließlich zu erwürgen.

Hermann Peter Piwitt, geboren 1935 bei Hamburg, lebt als Schriftsteller in in der Stadt. Zuletzt erschien von ihm 1998 der Roman: Ein unversöhnlich sanftes Ende.


00:00 20.02.2004

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