Lektion in Optimismus

Fussball gegen Fantasie-Wächter Das 6. Festival Go East in Wiesbaden beschäftigt sich mit russischen und anderen Antworten auf Hollywood

Brauchen wir neben Hollywood noch ein Mollywood? Die erfundene Wortschöpfung steht für den Moskauer Ehrgeiz, der US-Dominanz auf dem internationalen Filmmarkt Paroli zu bieten. Worauf Hollywood mit Warner- und Disney-Studios in Russland kontern will, die mit russischen Themen für den dortigen Markt produzieren sollen. Der neue russische Mainstream schwappte bereits mit den Wächtern der Nacht über die bisher kinematografisch schwer überwindbaren Ost-West-Grenzen. Moskaus Medienzar Nikita Michalkow nannte den Film die "russische Antwort auf Tarantino". Inzwischen ist sie auch auf DVD vernehmbar und weitere Folgen sind schon von der amerikanischen Fox gekauft.

Zur Premiere des zweiten Teils, Wächter des Tages, füllte in der vergangenen Sylvesternacht ein junges Publikum Moskauer Multiplexe. Was an die nächtlichen Schlangen bei hiesigen Premieren vom Herrn der Ringe oder Harry Potter erinnert. Die PR-Kampagne für seinen Mystery-Thriller (im Original Notschnoj Dozor) ließ sich der deutschstämmige Produzent Konstantin Ernst aus Taschkent noch einmal soviel wie das vier Millionen Dollar-Budget kosten, wozu ihm der Erste Kanal des russischen Fernsehens als Koproduzent noch Gratiswerbung machte.

Das Vorbild Hollywood ist in Russland kein Novum. Schon in den zwanziger Jahren orientierte man sich nicht nur allgemein am technischen Fortschritt Amerikas, sondern bewunderte auch die dortige Kinematografie. 1925 waren amerikanische Journalisten erstaunt, dass vier Fünftel der Moskauer Kinos Hollywood-Importe spielten, deren Einnahmen allerdings auch zur Finanzierung der weniger erfolgreichen Klassiker von Eisenstein und Pudowkin dienten. Zur Premiere des Dieb von Bagdad reisten im Juli 1926 eigens die Stars Mary Pickford und Douglas Fairbanks in die Sowjet-Metropole. In den dreißiger Jahren schuf dann der vormalige Eisenstein-Assistent Grigorij Aleksandrow nach eingehenden Studien in den USA eigenständige Musikkomödien wie Lustige Burschen, Zirkus und Wolga, Wolga. Ein Film wie Lustige Burschen mit Comedian Harmonists-Anklängen, surrealen Elementen und der sowjetischen Musik-Legende Leonid Utesov ist bis heute frisch geblieben.

Die parallel zur Proklamierung des Sozialistischen Realismus erfolgte Hinwendung zur Unterhaltung im Kino kam nicht von ungefähr. Stalin förderte sie zur Ablenkung von seiner zunehmenden Repression und verstand so Lenins Wort von der "Filmkunst als wichtigste aller Künste" auf seine Weise. Ähnlich wie Goebbels, der sich vergeblich einen "nationalsozialistischen Panzerkreuzer Potemkin" wünschte, und dann verstärkt im Kriege Kinounterhaltung als Sedativum verordnete. Im Sommer 1935 schickte Stalin seinen Filmminister Schumjatski selbst nach Hollywood, von wo er mit der Idee zum Bau eines "Sowjet-Hollywood" in Sotschi zurückkehrte - ein ebenso unerfüllter Traum wie der von Festivalorganisatoren 60 Jahre später, den Kurort am Schwarzen Meer zu einem "eurasischen Cannes" zu machen.

Dafür leiteten nun die Wächter der Nacht so etwas wie ein russisches Filmwunder ein. Für das Festival des mittel- und osteuropäischen Films Go East in Wiesbaden war dies Anlass, sein diesjähriges vom Filmwissenschaftler Hans-Joachim Schlegel wieder kundig kuratiertes und mit russischen Experten kompetent besetztes Symposion dem Thema Russische Antworten auf Hollywood - Zur Gegenwart und Geschichte des Mainstream-Kinos in Russland zu widmen. Betrug der Anteil heimischer Produktionen auf dem Kinomarkt 2003 nicht mehr als fünf Prozent, so stieg er im vergangenen Jahr auf 25 bis 30 Prozent. Gleichzeitig schnellten die Einnahmen in die Höhe: von acht Millionen Dollar 1997 auf 370 Millionen 2005. Der Festivalkatalog zitiert eine Moskauer Kinodirektorin: Wächter der Nacht, Türkisches Gambit und noch einige andere Filme dieser Art spielten rund 50 Prozent der jährlichen Kinoeinnahmen ein. Wenn ich aber heute den amerikanischen Super-Blockbuster Star Wars zeige, dann sitzen - Sie werden es kaum glauben - acht Leute im Saal."

Freilich, der Triumph über Hollywood ist mit einem Identitätsverlust des russischen Films erkauft. Die einer russischen Romanvorlage entlehnten Fantasy-Imitationen der Wächter sind zwar global vermarktbar, aber meilenweit entfernt von den spirituellen Science-Fiction-Literaturadaptionen Tarkowskis (Stalker, Solaris). Ihr Erfolg erklärt sich gewiss auch, wie die der Hollywood-Originale weltweit, mit einem irrationalen "Zeitgeist". Ob in der neuen dominanten Profitorientierung die Zukunft des russischen Films liegt, ist eine offene Frage. Ein seit Beginn dieses Jahres gültiges Gesetz sieht eine stärkere Einmischung des Staates auf die Filmproduktion vor, wogegen bereits die Filmindustrie protestiert hat. Abgesehen von den gleichzeitig landesweit mit circa 500 Kopien gestarteten Blockbustern, die Öl- und Gasmagnaten zu Investitionen animieren, ist immer noch der Staat mit 2006 rund 100 Millionen Dollar wichtigster Finanzier, umso mehr als andere russische Filme von dem Boom nicht profitieren. Vor allem bei Arthouse-Filmen stagnieren die Zuschauerzahlen seit 2002. Sie aber repräsentieren die russische Filmkunst auf internationalen Festivals.

In Wiesbaden stellte sich Alexej German jr., ganz in der Tradition seines Vaters, nach seinem Spielfilmdebüt Poslednij Poezd (Der letzte Zug) mit Herpastum (lat. Ballspiel) erneut gegen den Mainstream. Der Beginn mit Gavrilo Princip lässt erst einen Film über den Mord von Sarajevo erwarten, aber der den Ersten Weltkrieg auslösende Attentäter taucht dann gar nicht mehr auf, ebenso wie Krieg und Revolution nur mal beiläufig erwähnt werden. Die beiden Brüder im Mittelpunkt interessieren sich ausschließlich für Fußball, von Engländern gerade im zaristischen Russland bekannt gemacht. Der im Farbton alter Fotografien gehaltene, lakonisch erzählte Film kann als Porträt einer politikfernen egomanen Jugend im Vorfeld des von sozialen Problemen ablenkenden Großspektakels der Fußball-WM ganz aktuell gesehen werden.

Mit der Unbefangenheit des Nachgeborenen blickt der Debütant Artjom Antonov (Jahrgang 1978) auf den Zweiten Weltkrieg zurück. In Polumgla - der Name eines abgelegenen Dorfes in der Taiga - soll ein Trupp deutscher Kriegsgefangener einen Radarturm für die Navigation alliierter Flugzeuge bauen. In der winterlichen Zwangsgemeinschaft mit den Dorfbewohnerinnen entwickelt sich aus der anfänglichen Feindschaft gegenüber den "Faschisten" allmählich ein Miteinander, zeigen zwei junge Frauen sogar mehr Gefühle. Das Ende mit der Liquidierung der Gefangenen als überflüssig gewordene Esser kommt etwas überraschend und stieß auch auf den Protest eines Drehbuchautors, nachdem das ganze Projekt schon im Vorfeld wegen mangelndem Patriotismus umstritten war.

Bei den übrigen osteuropäischen Wettbewerbsteilnehmern überwogen soziale Zustandsbeschreibungen ihrer Länder. Wer die georgische Hauptstadt noch als lebensfrohe, fast mediterrane Metropole aus Sowjetzeiten kennt, erschrickt über ihr Bild in Levan Zakarejschwilis Tbilisi: ein Elendsgemälde in Schwarz-Weiß und Farbe aus Armut, Gewalt und Korruption. Sinnbildhaft: Ein Professor betreibt jetzt einen Marktstand und überlässt die Seiten seines Buches über die georgische Filmkunst einer alten Frau als Einwickelpapier für Sonnenblumenkerne.

Damjan Kozole aus Slowenien findet in Delo Osvobaja (Arbeit bedeutet Freiheit) für seinen arbeitslosen Protagonisten immerhin noch einen optimistischen Schluss, und auch die Wir-AG von vier Globalisierungsopfern in Martin Sulíks Slunecní Stát (Der Sonnenstaat) trotzt schließlich allen Widrigkeiten und privaten Problemen, wenn auch ihr heimisches Ostrava in Mähren von Campanellas titelgebender Utopie weit entfernt ist. Wie die UFA-Antworten auf die Depression der frühen dreißiger Jahre verstehen sich offensichtlich auch mehr osteuropäische Filme als Mutmacher. Eine solch positive Stimmung artikuliert am Ende von Przemyslaw Wojcieszeks Doskonale Popoludnie (Der perfekte Nachmittag) auch eine ganze Hochzeitsgesellschaft mit dem Bekenntnis "Wir sind stolz, in Polen zu leben". Nimmt man den Stolz des östlichen Nachbarn auf die Überflügelung des Konkurrenten Hollywood hinzu, konnte man Go East diesmal fast als Aufforderung begreifen, dort Lektionen in Optimismus zu lernen.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.04.2006

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare