Lenin schaukelt

Bildersturm Landauf, landab fallen 1991 die ostdeutschen Denkmäler. Sie werden zersägt und eingeschmolzen. Bevor sie verschwinden, haben sie den letzten großen Auftritt. Sie fliegen

Marx sitzt, Engels steht. Neuerdings ein bisschen abseits. Eine Berliner U-Bahnlinie wird verlängert, den Bauarbeiten stand die Skulptur im Weg. Also wurden die beiden Herren auseinander gesägt, von einem Kran an den Haken genommen. Mit Ketten und Schlaufen gesichert flogen sie ein Stück zu ihrem neuen Standplatz. Ganz in der Nähe gibt’s ein DDR-Museum. Einen Palast der Republik gibt es nicht mehr.

Landauf landab waren sie zu finden. Marx Engels Lenin Thälmann. Revolutionäre gehörten zum ostdeutschen Stadtbild wie Milch und Zucker zum Kaffee. Sie standen da unbewegt. Man sah sie oder übersah sie. Lenin wies meist den Weg. Eine Hand hielt er ausgestreckt, er deutete wohl in die Zukunft. Es hieß aber im Volk, er zeige stets auf die lokale MfS-Dependance. Lenin war der aller bedeutsamste Mensch aller Zeiten, das wussten schon die Kinder. Aus dem Funken wird die Flamme schlagen. Dieses Wort hatte der Revolutionsführer geprägt. Ich überprüfte das. Ich hockte mich vor den Kachelofen, warf eine Handvoll Papierschnipsel auf die Glut. Das Papier lag da. Plötzlich, mit einem Puff, entflammte es und verbrannte. Lenin hatte also Recht. Er war nicht umsonst unsterblicher als Jesus, Suzi Quatro oder Mickey Mouse. Er war ein echter Prophet.

Keinen Esel

Denkmäler stürzen, wenn Dynastien fallen. Bilderstürmer feiern Partys. Als die ostdeutschen Denkmäler fielen, bekamen sie eine Aufmerksamkeit, die sie lange nicht gekannt hatten. Ihre Henker wussten, der Riese verliert seine Kraft, berühren die Füße nicht mehr den Boden. Und gewährten ihnen doch den schönsten, poetischsten Moment ihrer Existenz: Sie ließen sie schweben.

In Berlin stand auch ein Lenin. Er war besonders groß und schwer, wie sich das für einen Hauptstadt-Lenin gehörte, auch auf der 20-Pfennig-Briefmarke war er drauf. Zur Nazizeit hatte die Gegend an der Landsberger Allee nach dem Zuhälter und SA-Mann Horst Wessel geheißen. Dann stand hier kaum noch ein Haus aufrecht. Die Gegend gehörte wieder zum Friedrichshain, es wurden die Trümmer fortgeräumt und Neubauten errichtet, aus der Landsberger wurde die Leninallee. Der Revolutionsführer ging in Position. Jahre später änderten sich abermals die Zeiten. Die Briefmarken und die Biografien derer, die sie beleckt hatten, wurden wertlos. Lenin wurde von seinem Sockel geholt. Es hat ein paar Proteste gegeben, die Medien waren auch vor Ort. Wenn der Kopp erst mal runter is’, jeht’s leichter, berlinerte der Bauleiter.

Als das Denkmal 1970 enthüllt worden war, machte ein Witz die Runde: Willi Stoph geht spazieren, kommt am Lenin-Denkmal vorbei. Lenin stöhnt und sagt: „Alle haben ein Pferd, nur ich muss stehen. Besorg mir ein Pferd!“ Stoph rennt zu Walter Ulbricht, berichtet ihm, beide gehen zum Denkmal. Als Lenin Walter sieht, sagt er: „Willi, du sollst mir ein Pferd bringen und keinen Esel!“

Einar Schleef – Bühnenbildner, Maler, Schriftsteller, Regisseur und vor zehn Jahren gestorben – ließ sein erstes Theaterstück am Leninplatz spielen. In einer frühen Fassung, die man in seinem Tagebuch von 1974 lesen kann, heißt es Tarzan rettet Berlin. Eine Familie lebt im berühmten Hochhaus am Leninplatz, guckt wahlweise auf das Monument vorm Fenster oder ins Westfernsehen, plötzlich läuft Wasser aus der Glotze, immer mehr, die Flut steigt. Am Ende schwingt sich Tarzan mit seiner Jane übers Wasser, draußen versinkt alles, im Fernsehen noch immer schöne Musik, ab und zu eine Wasserstandsmeldung, aber wie Gurgeln. Das Leninstandbild sagt: „Die Arbeiterklasse!“

21 Jahre stand der überdimensionale Russe am heutigen Platz der Vereinten Nationen, die Rechte zur Faust geballt, die Linke am Mantelkragen. Freundlich blickte er nicht. Zwei Jahre vor seinem Ende trug er eine Schärpe, auf der stand: keine Gewalt. Dann wurde der 19-Meter-Mann in ein Gerüst gesperrt, das Areal zusätzlich umzäunt. An diesem Zaun hing ein Zettel: Ihr BRD-Besatzer! Fürchtet Ihr sogar den Lenin aus Stein? Dann wurde die Leiche zersägt. 129 Granitstücke kamen dabei heraus. Man vergrub sie außerhalb der Stadt. Eine Boulevardzeitung entdeckte sie später im preußischen Sand. Jetzt heißt es, zumindest der Kopf werde vielleicht in der Zitadelle Spandau wieder ausgestellt. Als die Engelmacher sich über Lenin hermachten und seine Einzelteile auf einen Tieflader luden, war auch sein Kopf einige Meter durch die Luft geschwebt. Die Symbolkraft dieses Bildes erkannten die Macher von Good bye, Lenin. Im Film hängt Lenins Oberkörper, der dem vom Berliner Denkmal wenig ähnelt, an einem Hubschrauber und fliegt durch die Frankfurter Allee. So wichtig war diese Einstellung dem Team, dass man Stunden auf besseres Wetter wartete, um sie in den Kasten zu kriegen.

Eine andere Lenin-Geschichte spielt in der Provinz, sie geht so. Im Oktober 1943 kam am Bahnhof Eisleben im Mansfelder Land ein Zug an. Er war mit Schrott, Kirchenglocken und Bronzestatuen beladen, Raubgut aus der Sowjetunion. Eine der Statuen war ein Drei-Meter-Lenin. Er hatte in Puschkino gestanden, einem Vorort von Leningrad, einst Sommerresidenz des Zaren. Eisleben, ein deutsches Kupferbergbaustädtchen, verfügte über einen Hochofen. Darin sollten Lenin Co. nun eingeschmolzen werden. Aber Lenin überlebte, er war für den Ofen zu groß. Anfang Juli 1945, als die Sowjets in Thüringen ein- und die Amerikaner abzogen, stand das Denkmal plötzlich im Stadtzentrum von Eisleben und begrüßte die ruhmreiche Rote Armee. Der erste Lenin auf deutschem Boden.

Nachts bewacht

Aus der kleinen Geschichte wurde in der DDR eine große: die einer heldenhaften Rettung. Deutsche Antifaschisten und sowjetische Zwangsarbeiter hätten gemeinsam das Denkmal vorm Einschmelzen bewahrt, hieß es. „Nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus schenkte es die Sowjetregierung der Bevölkerung von Eisleben und ehrte damit gleichzeitig die tapferen Arbeiter aus dem Mansfeld-Eislebener Bergbaugebiet“, las der interessierte Tourist im Reiseführer für die Deutsche Demokratische Republik. Aber selbst dem angeblich so eselhaften Walter Ulbricht kam die Sache komisch vor. Er schickte den Arbeiter-Schriftsteller Otto Gotsche, der aus der Gegend kam, auf Recherche. Es stellte sich heraus, an der Sache war nichts dran. Lenin hatte die beiden letzten Kriegsjahre, auf dem Bauch liegend und gut sichtbar, auf dem Schrottplatz der Krughütte zugebracht. Das Märchen seiner Rettung war aber zu schön und bereits so populär. Also ließ man’s dabei.

Der Eislebener Lenin stieg wie sein Berliner Genosse Ende 1991 vom Sockel. Das Deutsche Historische Museum (DHM) erwarb ihn. Das Haus am Plan in Eisleben, wo er gestanden hat, ist ein Hotel geworden, sein Besitzer bemüht sich seit längerem um den Rückkauf – er will die Statue als cooles Markenzeichen für sein Haus heimholen.

Einar Schleef kannte den Eislebener Lenin. Sangerhausen, woher Schleef stammte, liegt nur wenige Kilometer entfernt. 1992 gestaltete er in Berlin eine Ausstellung. Er ließ seinen Lenin aus dem DHM einfliegen und vor dem Marstall ablegen. Ein Weg von vielleicht 500 Metern war zurückzulegen. „Ein Kran hievt die Plastik über den Marx-Engels-Platz“, beschreibt er die Prozedur in Droge Faust Parsifal, „die Plastik schwingt, muss jeden Augenblick gestützt werden. Es ist kalt. Lenin schaukelt. Im Hintergrund die Linden, die Staatsbibliothek. Die Plastik nimmt keine Notiz. Lenin hängt, mit der Hand in der Tasche, am Krangalgen.“ Als Lenin dann, auf einem Berg von Pflastersteinen, vor dem Marstall lag, hielten Autobusse, teils mit Hohnkommentaren, teils mit Blumenstrauß. „Nachts wird Lenin bewacht“, schreibt Schleef, „doch gibt es Grüppchen und Cliquen, die hier rumsitzen, rauchen, Gitarre spielen, wilde Politdiskussionen führen, Lenin wird bespuckt, bepinkelt, geküsst, mit Pflastersteinen behämmert: Erwache, steh auf, bring die Welt in Ordnung.“

Karsten Laske ist Spielfilm-Regisseur und Träger des Deutschen Drehbuch-Preises 2010

10:00 05.06.2011

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