Lenin und Lennon in Havanna

Ein Film und eine Stadt Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin" und Fernando Pérez´ "Suite Habana". Eindrücke vom 25. Internationalen Festival des Neuen lateinamerikanischen Films

Über eine Stunde stand ich eingeklemmt in einer Menschenmenge, die mit der Zeit auf mindestens 1.000 Leute anwuchs - und höchstens halb so viele haben drinnen, im Kino 23 y 12, überhaupt Platz. Man musste Angst haben, erdrückt zu werden, und ab und zu gab es Rempeleien mit den chaotisch und konzeptlos agierenden Polizisten, die nur ganz spärlich Leute ins Kino ließen und immer wieder schrieen, wir sollten uns entfernen, der Saal sei voll. Später hieß es dann, um Mitternacht gebe es noch eine außer Programm laufende Zusatzvorstellung, doch auf diese vage Zusage wollte ich mich nicht einlassen, und so ging ich nach Hause."

Juan ist Mitglied im Führungszirkel jener illegalen, aber geduldeten sozialdemokratischen Oppositionsgruppierung Corriente Socialista Democratica Cubana, von welcher der Freitag vor zwei Monaten das Dokument Warum nicht die sozialdemokratische Linke? präsentierte (Freitag 44/2003). Der begeisterte Kinogänger Juan versucht, wie so viele andere Bewohner und Bewohnerinnen der kubanischen Hauptstadt in diesen Tagen, neben den lateinamerikanischen Filmen auch so Einiges von den hier ebenfalls präsenten Höhepunkten großer europäischer Festivals zu sehen.

Natürlich war man in diesem Jahr besonders gespannt darauf, ob es in Havanna überhaupt Filme aus Ländern der Europäischen Union zu sehen geben würde, hatte die EU doch im vergangenen Juni als Reaktion auf die Repressionswelle vom Frühjahr Sanktionen gegen Kuba verhängt, die ausdrücklich auch den Kulturaustausch mit einschlossen. Doch die alte Weisheit, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, bewahrheitete sich auch hier wieder einmal.

Denn wie in all den Jahren zuvor gab es auch dieses Mal die schon traditionellen Reihen mit neuen Filmen aus Spanien und Italien, dazu eine von der Alliance Française unterstützte große Jean-Renoir-Retrospektive, und außerdem eine Werkschau mit Ciné Aleman. Während im Fall von Spanien und Italien Regisseure und Produzenten ihre Filme in eigener Initiative und ohne staatliche Unterstützung nach Havanna brachten, wurde Alfredo Guevara, graue Eminenz des kubanischen Kinos und Präsident des Filmfestivals, am vierten Festivaltag im Rahmen eines feierlichen Aktes gar für seine kulturellen Verdienste mit dem Orden der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet. Überreicht wurde ihm diese nicht gerade alltägliche Auszeichnung, die auf Anregung von Präsident Chirac erfolgt war, von der französischen Botschafterin in Havanna - mithin ein Akt, der auch nicht gerade unbedingt ins Klima kultureller Sanktionen passt.

Die Reihe neuer deutscher Filme wurde mit Unterstützung des Goethe-Instituts zusammengestellt. Ein inoffizieller Vorgang der Hilfe, der sich Anfang Februrar in ähnlicher Weise wiederholen dürfte, wenn die internationale Buchmesse Havanna - bei der Deutschland eingeladenes Gastland ist - ihre Tore öffnet, und dann die deutsche Bundesregierung, wie bereits angekündigt, wegen der EU-Sanktionen eine offizielle Teilnahme verweigert.

Die eingangs geschilderten Szenen vor dem Kino 23 y 12, einem der eher kleineren Festivalkinos, betrafen einen Film der Reihe Ciné Aleman, und zwar Wolfgang Beckers Good-bye Lenin, der die elf Filme umfassende Werkschau eröffnete und der von Havanna 2003 als jener Film in Erinnerung bleiben wird, der die mit Abstand tumultösesten Szenen provozierte. Der erwähnte Kinogänger Juan erzählt, dass er den Fehler gemacht habe, zur Eröffnung der Reihe lediglich eine halbe Stunde vor Filmbeginn am Kino gewesen zu sein, das in jenem Moment aber wegen Überfüllung bereits hermetisch abgeriegelt war. "Deshalb begab ich mich dann an besagtem Tag schon fast zwei Stunden vor Filmbeginn vor das Kino 23 y 12 - mit dem Effekt, den ich dir schon erzählt habe." Er berichtet dann weiter, wie er nach jenem Abend bereits davon überzeugt war, dass man ihm und rund 1.000 weiteren Interessierten halt wieder mal einen Film vorenthalten habe, der den Herrschenden in Kuba eigentlich schon zu weit geht, der politisch nicht ins Konzept passt und der mit jeder Garantie auf der Insel unter den gegenwärtigen Verhältnissen nie mehr gezeigt werde. Und absolut klar ist für ihn, dass man den Film absichtlich im relativ kleinen Kino 23 y 12? und nicht in einem der großen Festivalkinos wie Yara, Payret oder Acapulco zeigte.

Von Freunden in der Schweiz und in Deutschland hatte er schon einiges über diesen mehrfach ausgezeichneten Film gehört, er wusste ziemlich genau, um was es ging, und er findet die Story reizvoll und originell. Außerdem gibt er zu bedenken: "Schau, allein schon die Tatsache, dass wir hier in Kuba bis zum heutigen Tag noch nie ausführliche Filmaufnahmen mit den Szenen vom Fall der Berliner Mauer zu sehen bekommen haben, macht aus Good Bye, Lenin eine kleine Sensation."

Als er dann fast eine Woche nach den chaotischen Vorfällen vor dem Kino 23 y 12 erfährt, dass Good Bye, Lenin nun doch noch ein letztes Mal gezeigt wird (beim Festival von Havanna gibt es kein fixes Programm, sondern nur eine täglich erscheinende Festivalzeitung, die Orte und Anfangszeiten der Filme vom gleichen und vom folgenden Tag bekanntgibt) und zwar vier mal hintereinander im Kino Glauber Rocha, gut 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, im Quartier La Lisa am äußersten westlichen Stadtrand Havannas gelegen, ist seine Freude groß. "Ich machte mich um acht Uhr morgens mit dem Fahrrad auf, um rechtzeitig für die erste Vorstellung von zehn Uhr vor dem Kino zu sein", erzählt er und berichtet dann weiter, wie er kurz vor neun vor dem idyllisch in einem ehemaligen Landgut gelegenen Kino eingetroffen sei, und es dort bereits von Polizisten nur so wimmelte, die offenbar dafür sorgen sollten, dass sich die chaotischen Szenen der Vorwoche nicht wiederholten. "Sie erzählten nun auch hier, es sei alles voll, und es würde niemand mehr hineingelassen. Doch wie durch ein Wunder kamen wir dann doch fast alle hinein - schubsend und drängend, drinnen war es tatsächlich schon ziemlich voll - vor allem mit Polizisten. Neben den Uniformierten gab es, strategisch verteilt, jede Menge Zivile; wenn man so lange wie ich in der Opposition ist, kennt man viele von jenen, die immer bei solchen Veranstaltungen, die als konfliktträchtig gelten, auftauchen".

Juan bereut es keinen Moment lang, so viele Mühen und drei Anläufe unternommen zu haben, nur um einen Film zu sehen, der andernorts niemals diese Aussagekraft erreicht wie hier in Kuba. "Am besten hat mir gefallen, wie es dem Regisseur gelungen ist, auf verschiedenen Ebenen zu zeigen, wie verrottet dieses DDR-System war, und wie die Leute dann blind einfach in etwas hineinstolperten, das einfach ganz anders sein musste - egal wie. All das kommt mir ziemlich bekannt vor." Natürlich ist ihm bewusst, dass es beim diesjährigen Festival von Havanna weit bessere Filme gab als Wolfgang Beckers märchenhafte, bittersüße Polit-Komödie.

"Für mich ist klar, dass mit Suite Habana von Fernando Pérez ein Film bei diesem Festival auf dem Programm stand, der einfach alles andere in den Schatten stellte, was wir sonst zu sehen bekamen - und zwar sowohl bezüglich Ästhetik, wie auch hinsichtlich von Aussage und emotionaler Wirkung", schwärmt Juan und ist damit gleicher Meinung wie die Mehrzahl der Festivalbesucher, der Kritiker sämtlicher offizieller kubanischer Medien und auch der internationalen Jury, die dem Film - obwohl er streng genommen ja mehr Dokumentarfilm als Spielfilm ist - den Preis als besten lateinamerikanischen Spielfilm des Festivals zuerkannten und ihn gleich noch in rund einem halben Dutzend weiterer Kategorien auszeichneten. Juan erzählt stolz, wie im Frühsommer - als Suite Habana im Kino Chaplin seine Premiere erlebte - er Fernando Pérez, den er flüchtig kennt, spontan anrief, um ihm seine Glückwünsche für dieses Meisterwerk auszusprechen. Pérez sei bei dieser Gelegenheit dann sogar einverstanden gewesen, mit ihm über Suite Habana zu diskutieren, und ihm seine Meinung zu sagen zu einer Rezension, die Juan für die oppositionelle Internet-Zeitung encuentro en la red verfasst hatte.

Fernando Pérez und Suite Habana ist in der Tat ein Phänomen, er schafft es nicht nur, dass die gesamte Kritikerschar von Kubas Parteimedien sich in Lobeshymnen über diesen neuen Meilenstein des kubanischen Kinos überschlagen, nein, er findet darüber hinaus auch, dass die Lesart, in der ein gemäßigter Oppositioneller wie Juan den Film sieht, durchaus auch mit seinen Intentionen vereinbar ist

"Eines Tages kam Raúl Pérez Ureta - mein Kameramann seit Madagascar - hierher, um Havanna mit einem sehr starken Teleobjektiv vom Fenster aus zu filmen, während eines ganzen Tages. Das war in einer frühen Projektphase von Suite Habana, und wir begannen um fünf Uhr morgens, bei totaler Dunkelheit, und hörten nachts um zehn auf, wieder bei völliger Finsternis".

Fernando Pérez wohnt in Cerro, einem Stadtteil am Rande von Havannas Zentrum, einer Gegend, die weder touristisch vermarktbar, noch spektakulär arm oder verfallen ist - einem Viertel, wie es in Kubas riesiger Zweimillionenmetropole einige Dutzend gibt. Die Wohnung des Filmregisseurs befindet sich im 15. Stock eines markanten Hochhauses an der Kreuzung der Straßen Manglar und Infanta, und das Bild, das sich von hier oben aus bietet, kann man nicht anders als atemberaubend bezeichnen. Es mag pathetisch oder kitschig klingen, doch man kann Fernando Pérez verstehen, wenn er sagt: "Seit viereinhalb Jahren wohne ich jetzt hier, und ich stehe jeweils bei Tagesanbruch auf, und das Erste, was ich dann tue, ist, einfach ein paar Minuten am Fenster zu stehen, auf diese Stadt zu schauen und zu staunen."

Man überblickt von hier aus praktisch ganz Havanna, man scheint mitten drin und gleichzeitig seltsam entrückt zu sein von dieser Stadt, von der Pérez mit der größten Selbstverständlichkeit sagt, sie sei für ihn ein Grund, um zu leben. Sämtliche markanten Gebäude des Touristenhavannas scheinen zum Greifen nahe und gleichzeitig doch in einer anderen Welt zu sein: Der Revolutionsplatz, das Capitolio, die großen Hotels aus den vierziger und fünfziger Jahren, der Leuchtturm am Morro-Kastell, die Christusstatue - und noch weiter hinten dann der gleißend blaue Streifen des Meeres. "Man sieht von hier aus auch große Schiffe vorbeifahren, und wenn sie vor dem Morro in die enge Einfahrt der Bucht von Havanna einbiegen, hat man den Eindruck, sie führen direkt in das Häusermeer hinein und würden von diesem verschluckt" - ein Effekt, der zu Beginn des Films in sublimierter Form erscheint, wenn man der optischen Täuschung erliegt, dass sich der Leuchtturm des Morro langsam verschiebt, während das dahinter aufscheinende Schiff stillsteht.

Ein gewichtiger Teil von Suite Habana, dieser "nicht fiktionalen Fiktion" (Fernando Pérez), liegt hier oben in der Wohnung des Regisseurs, im Blickfeld des Betrachters; von den markanten Orten des Films fehlt eigentlich nur das Leitmotiv, das Denkmal für John Lennon. Was man von hier oben aus sieht, ist zuallererst einmal ein gigantisches Labyrinth kleinerer und größerer grauer und weißer Häuser, die sich bis zum Horizont nach allen Seiten hin ausbreiten und aus denen dann an verschiedenen Stellen die erwähnten Monumentalbauten herausragen. Fernando Pérez kann von hier aus die Wohn- und Arbeitsorte der meisten ProtagonistInnen von Suite Habana lokalisieren, bevor er erklärt: "Das ist das äußere Havanna, das sich mir hier Tag für Tag darbietet, doch natürlich gibt es auch noch das Innere dieser Stadt, die einzelnen Häuser, oder auch oftmals nur Hauseingänge, hinter denen sich dann in langen Gängen unzählige kleine und kleinste Wohnungen verbergen, die als Ganzes genommen einen sogenannten ›Solar‹ bilden."

Hinter den Türen und Portalen dieses inneren Havannas leben jene gewöhnlichen Leute, die Fernando Pérez und seiner kleinen Equipe für Suite Habana Einblicke in ihr persönliches Alltagsleben, und ein Stück weit auch in ihre Träume, gewährt haben. Und wenn die 79-jährige Amanda, die an einer Ecke der einstigen Prachtstrasse Prado kleine Tüten mit Erdnüsschen verkauft, im Nachspann des dialoglosen Films mit dem Satz charakterisiert wird: Sie hat keine Träume mehr - dann nimmt hier die Suite Habana im wirklichen Leben sogar noch eine optimistische Wendung: Wie alle anderen ProtagonistInnen des Films, genießt nämlich auch Amanda ihre unverhoffte Berühmtheit und hat daraus wieder neuen Lebensmut geschöpft.

Die Geschichten darüber, wie sehr der Film das Publikum emotional aufgewühlt hat, sind inzwischen bereits zu Anekdoten geworden. "Nach einigen ersten Vorführungen im vergangenen Juni, wo ich Suite Habana persönlich präsentierte, musste ich mich zurückziehen", erzählt Fernando Pérez und erklärt, wie ihm die starken Emotionen, die sein Film auslöste, irgendwann einfach zu viel wurden. "Es waren nicht nur die weinenden Leute nach diesen Vorführungen, sondern mehr noch die Tatsache, dass mich auch auf der Straße Menschen ansprachen, mich umarmten und mir sagten, der Film habe sie über ihr ganzes bisheriges Leben und über den Zustand ihrer Heimatstadt nachdenken lassen." Und was ist seine Erklärung dafür, dass Suite Habana die ZuschauerInnen dermaßen berührt? Er wisse es auch nicht genau, meint er, um dann anzufügen, am wichtigsten sei wohl der Umstand, dass der Film Havanna und die Menschen, die darin wohnten, so zeige, wie es wirklich ist - etwas, das man bisher so noch nicht im Kino habe sehen können. Dabei sei es ihm jedoch nie darum gegangen, Sozialkritik zu üben, betont er, denn er sei Cineast, und Kino sei in erster Linie Kunst und nicht Politik. Es spricht der kritisch-loyale Revolutionär aus ihm, wenn er sagt, dass es ja eigentlich Aufgabe der Medien wäre, diese Realität zu vermitteln, was in Kuba aber leider nicht der Fall sei - eine Feststellung, welcher auch der mehrfach zitierte Juan nur allzu gerne zustimmt.


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00:00 26.12.2003

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