Brigitte Schumann
13.06.2011 | 08:00 34

Lern’ nicht mit den Schmuddelkindern

Spaltung SPD und Grüne rücken vom Leitbild einer „Schule für alle“ ab. Die Bildungsreformer sollten von der Anti-Atom-Bewegung lernen

Zwanzig Jahre im Ressort Bildung und Forschung – jetzt hat Deutschlands dienstältester Kultusminister Jürgen Zöllner seinen Abschied angekündigt. Der 65-jährige Sozialdemokrat, der in Rheinland-Pfalz und Berlin für die Schulpolitik zuständig war, tat es mit einem Plädoyer für die Zweigliedrigkeit.

Die alte rot-grüne Forderung nach einer Schule für alle – sie hat es immer schwerer in diesen Zeiten. Zumal seit dem Volksentscheid in Hamburg. Dieser habe gezeigt, heißt es inzwischen auch bei den niedersächsischen Grünen, „dass in Deutschland momentan noch kein Konsens dafür zu erreichen ist, das Schulsystem flächendeckend zu einem integrierten System umzugestalten“. Grüne in Schleswig-Holstein haben ebenfalls unter Verweis gen Norden einen Kurswechsel vollzogen. Auch der NRW-Schulministerin und Grünen Sylvia Löhrmann ist „der Blick auf Hamburg“ zum Argument geworden. Gleiches gilt für Sozialdemokraten, die von einer umfassenden Strukturreform des Schulsystems als Ziel abrücken: „Hamburg hat es doch gezeigt!“ ist zu einem politischen Topos geworden, der allerdings Zusammenhänge eher verschleiert als erklärt. Die dortige Volksinitiative „Wir wollen lernen!“, nicht ohne Grund „Gucci-Elternschaft“ genannt, hatte sich für den puren Eigennutz ihrer Sprösslinge eingesetzt. Den Initiatoren und Unterstützern gelang es, die gesellschaftliche Mitte hinter sich zu bringen – das Gymnasium und die frühe Trennung der Kinder nach Leistung und Herkunft wurde mit einer aggressiven Angstkampagne verteidigt.

Die Hamburger Gegner des gemeinsamen Lernens profitierten auch von einem demokratischen Dilemma, dass in den unteren bildungsfernen Schichten, die das gegliederte Schulsystem reproduziert, kaum noch politisch partizipiert wird. Migranten ohne deutschen Pass waren erst gar nicht wahlberechtigt. Wenn der Hamburger Volksentscheid und die politische Reaktion darauf etwas gezeigt haben, dann ist es die Funktionsweise eines gefährlichen „Klassenkampfes von oben“, vor dem grüne und rote Bildungspolitik nun kapitulieren.

Die Hamburger Vorgänge passen zu den Forschungsergebnissen des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer über den neuen Rechtspopulismus bei Besserverdienern. Zu den dabei beobachteten „Deutschen Zuständen“ gehört die schwindende Bereitschaft in den oberen Statusetagen, sozial Schwächere zu unterstützen. Stattdessen werden die eigenen Privilegien immer aggressiver verteidigt.

Jargon der Verachtung

Es hat sich ein Jargon der Verachtung, der Legitimation sozialer Ungleichheit breit gemacht – in der Politik, den Medien, der Wirtschaft und auch der Wissenschaft. „Seien Sie doch ehrlich, Sie und ich würden auch alles dafür tun, dass unsere Kinder auf ein Gymnasium gehen und nicht mit den Schmuddelkindern spielen“, kann da der Leiter eines Instituts für Schulentwicklungsforschung öffentlich bekennen. „Und eine Partei, die das Ende des Gymnasiums fordert, würde nicht wiedergewählt werden. Deshalb wird es dazu nie kommen. So einfach ist das.“

So einfach? Jedenfalls hilft ein Zitat wie dieses zu erklären, warum selbst unter Rot-Grün oder Grün-Rot die für Deutschland rechtsverbindlich geltende Verpflichtung zur Verwirklichung eines inklusiven Schulsystems, das allen die gleichen Möglichkeiten gibt, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen miteinander zu lernen, den Lobbyinteressen des Gymnasiums untergeordnet wird.

Während der Berliner Bildungssenator Zöllner das zweigliedrige Modell von der Hauptstadt in alle anderen Länder exportieren will, gehen Grüne und Sozialdemokraten in NRW und Baden-Württemberg den „sanften“ Reformweg „von unten“: Gemeinschaftsschulen sollen im Konsens mit allen Beteiligten und freiwillig ermöglicht werden.

Aufklärung und langer Atem

Doch was als demokratischer Fortschritt über zentralistische Bevormundung gefeiert wird, ist kein politischer Sieg. In Schleswig-Holstein hat sich längst gezeigt, dass angesichts seiner starken Lobby das Gymnasium nicht auf freiwilliger Basis für einen integrierten Zusammenschluss aller Schulformen gewonnen werden kann. Zweigliedrigkeit ist auch auf diesem Weg programmiert – freilich ohne dass die Landespolitik die Verantwortung dafür übernehmen muss.

Es ist enttäuschend, wie wenig Grüne und Sozialdemokraten ihre Mehrheit in der Bevölkerung nutzen, um soziale Inklusion und gleichwertige Teilhabe als Leitbilder in der Gesellschaft zu verankern. Sie drücken sich vor der historischen Aufgabe, das Schulsystem aus seiner ständischen Tradition zu befreien und zu demokratisieren. Dabei ist nicht nur Kernspaltung hochgefährlich, sondern auch ein gespaltenes Schulsystem, das die vorhandene gesellschaftliche Kluft vertieft. Die Anti-Atombewegung hat es vorgemacht: Nur mit Aufklärung, langem Atem und starkem zivilgesellschaftlichen Druck wird es einen bildungspolitischen Ausstiegsbeschluss geben.

Brigitte Schumann ist Lehrerin und war von 1990 bis 2000 bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen

Kommentare (34)

ebertus 13.06.2011 | 14:02

Damals, im ausklingenden 20. Jahrhundert, genauer gesagt bis zur BTW im Herbst 1998 war es noch nicht das primäre Ziel der Grünen, am Katzentisch der Bilderberger zu sitzen.

Und wenn (erwartbar) die politisch mindestens billigend in Kauf genommene Segregation, horizontal wie vertikal, ökonomisch wie geografisch voran schreitet, so werden wir hierzulande ebenfalls Verhältnisse bekommen, unter denen sich der verrohende Mittelschichtler (Heitmeyer), der besser verdienende Bildungsbürger seine "gated communities" bauen, sprich individuell aufrüsten muss. Der Staat wird dies in den Ballungszentren immer weniger vermögen; vielleicht nicht einmal wollen.

Im Grunde, wie schon seit Jahrhunderten als Reproduktion von Schichten und Klassen. Mit einem wesentlichen Unterschied: Das Ende der herkömmlichen Arbeitsgesellschaft und gerade in der alten, der ersten Welt erzeugt ein ständig steigendes Volumen an Präkariat. Das aggressive Verteidigen von Partikularinteressen wird erwartbar an Grenzen stoßen, ökonomisch und ethisch. Ein einheitliches Bildungssystem, gepaart mit grundsätzlichem Nachdenken über die Zukunft wäre wohl die einzig reale Möglichkeit, den Bürgerkrieg zu verhindern, der sich in anderen Teilen der Welt (auch Europas) bereits manifestiert.

wwalkie 13.06.2011 | 16:03

Liebe Kollegin, kommt diese Erkenntnis nicht ein wenig spät?

Eine rot-grüne Koalition ist in unserem gebeutelten NRW(E) ja wahrlich nichts Neues. Wer hat denn die Gesamtschulen am ausgestreckten Arm verhungern lassen? Wer hat denn die Bertelsmannisierung des Bildungswesens forciert, inklusive Scheinautonomie der Schulen, Festsetzung von Produktionszielen, pardon: Lernstandards? Wer versucht denn weiterhin, die so genannte Individualisierung des Lernens, die Portfoliosierung von Bildung, pardon: Employability mittels so genannter Qualitätsinspektoren (quel mot!) durchzusetzen? Wer hat denn die Arbeitszeit der Lehrer verlängert, ihre Arbeit verdichtet bis zum burnout? Wer kämpft nur halbherzig gegen das Abitur nach 8 Jahren Gymnasium? Ach, ich könnte stundenlang weiter lamentieren! Und immer wieder könnte ich als politische Verantwortliche auch Ihre Partei benennen. Es ist wohl so, wie Jutta Ditfurth in ihrem neuen Buch schreibt:

"Keine Partei kommt in Deutschland an die so genannte Regierungsmacht, ohne mit grundlegenden linken Positionen zu brechen."

Und so endet Ihre sehr späte Einsicht denn auch mit dem üblichen Prinzip Hoffnung: "Nur mit Aufklärung, langem Atem und starkem zivilgesellschaftlichen Druck wird es einen bildungspolitischen Aussstiegsbeschluss geben," schreiben Sie. Und diesen Glauben, Frau Schumann, nehme ich Ihnen nicht ab. Wer das Schulsystem grundlegend verändern will, kommt um die Systemfrage nämlich nicht herum. Das ist die Lektion (nicht nur) Bourdieus.

So einfach ist das, und so schwierig.

Marie 13.06.2011 | 17:08

Wunderts irgendwen noch bei den Grünen? Ich darf die Wähler dieser Partei zuhauf um mich rum betrachten. Größtenteils bereits aus bessergestellten Akademikerfamilien kommend, früh gefördert wordend, natürlich aufs Gymnasium gegangen und jetzt studieren. Fest im Blick das man ja trotz aller Widrigkeiten irgendwie noch zu den Gewinnern gehört und auch vorhat dies eisern zu verteidigen und sich einen ähnlichen Werdegang natürlich für die eigenen Kindern wünscht. Und hey, das haben wir doch alle gemerkt in der Grundschule, wie nervig das ist wenn da so dumme Ausländerkinder sind die nicht mal deutsch können, ist doch klar das man sich von denen absetzen möchte.(Dies wird natürlich politisch korrekter formuliert. Die Aussage bleibt die Gleiche). Und bei vielerlei Kritik am System kriegt man schlicht die "Realitäts-Keule" übergezogen und es wird einem prophezeiht das man früher oder später schon auch zu der Einsicht gelangt das wir ja im Endeffekt eben doch im besten aller Systeme leben. (Ja, mir ist klar das diese Darstellung nicht unbedingt repräsentativ ist. Aber ich bin gerade gefrustet.)

Marie 13.06.2011 | 17:08

Wunderts irgendwen noch bei den Grünen? Ich darf die Wähler dieser Partei zuhauf um mich rum betrachten. Größtenteils bereits aus bessergestellten Akademikerfamilien kommend, früh gefördert wordend, natürlich aufs Gymnasium gegangen und jetzt studieren. Fest im Blick das man ja trotz aller Widrigkeiten irgendwie noch zu den Gewinnern gehört und auch vorhat dies eisern zu verteidigen und sich einen ähnlichen Werdegang natürlich für die eigenen Kindern wünscht. Und hey, das haben wir doch alle gemerkt in der Grundschule, wie nervig das ist wenn da so dumme Ausländerkinder sind die nicht mal deutsch können, ist doch klar das man sich von denen absetzen möchte.(Dies wird natürlich politisch korrekter formuliert. Die Aussage bleibt die Gleiche). Und bei vielerlei Kritik am System kriegt man schlicht die "Realitäts-Keule" übergezogen und es wird einem prophezeiht das man früher oder später schon auch zu der Einsicht gelangt das wir ja im Endeffekt eben doch im besten aller Systeme leben. (Ja, mir ist klar das diese Darstellung nicht unbedingt repräsentativ ist. Aber ich bin gerade gefrustet.)

Achtermann 13.06.2011 | 18:10

Wie rot-grüne Bildungspolitik funktioniert, oder besser gesagt: nicht funktioniert, ist in Rheinland-Pfalz zu beobachten. Den großen Wahlverprechungen folgte nach dem Regierungsantritt im Mai der Wortbruch. Einmal mehr zeigt sich, dass Bildungspolitik nichts anderes als eine haushaltspolitische Verschiebemasse ist. Der Verband für Bildung und Erziehung (VBE) machte dies in einer Stellungnahme deutlich. Hier Auszüge:

„Der neuen rot-grünen Landesregierung droht durch die jetzt immer mehr zu Tage tretenden Sparvorhaben in der Schulpolitik ein denkbar schlechter Start. Spätestens seit Finanzminister Carsten Kühl seine Pläne öffentlich gemacht hat, 2.000 Lehrerstellen zu streichen, ist klar: Die Versprechungen von SPD und GRÜNEN, nicht an der Bildung zu sparen und die demografische Rendite voll zur Qualitätsverbesserung einzusetzen, sind schon heute nichts mehr wert.

Das ist nicht nur ein falsches Signal an die Schüler und deren Eltern, die auf mehr individuelle Förderung und bessere Bildungschancen hoffen. Aus Sicht des VBE grenzt dieser rigide Sparkurs an öffentlichen Wahlbetrug. Im Bildungsministerium scheint schon jetzt ein sparwütiger Finanzminister zu herrschen.

Der VBE Rheinland-Pfalz wird Einschnitte wie diese bekämpfen. Wir kündigen unseren massiven Widerstand gegen das Zusammenstreichen in der Bildung an.“

Der beabsichtigte Sparkurs werde – so der VBE-Landeschef - geradezu flächendeckend sichtbar:

Das Bildungsministerium hat die Streichung von Vertretungsverträgen an den Schulen verfügt. Das beeinträchtigt die Unterrichtsversorgung massiv und bedeutet für viele junge Lehrer die Arbeitslosigkeit. Zum Schuljahresbeginn drohen chaotische Zustände. Auch die Eltern werden sich wehren.
3.000 Lehrerstellen, die durch die demografische Rendite frei werden, sollen zu 2/3 eingespart und können nicht zur Qualitätsverbesserung eingesetzt werden.

gweberbv 13.06.2011 | 20:32

Solange das Gymnasium für die dort befindlichen Schüler das beste Bildungsangebot macht, wird man es natürlich nicht freiwillig aufgeben. Wer will schon die stärksten Schüler schwächen? Zurecht wird so jemand nicht (wieder-)gewählt werden.

Folglich müssen alternative Schulformen schlichtweg das bessere Angebot machen - auch für Alexandra und Maximillian aus dem Villenviertel.

Bürger aus Berlin 13.06.2011 | 20:58

Die Autorin ist oberflächlich informiert.
Beleg:
Sozialdemokrat Zöllner hat in Berlin Bildungsgerechtigkeit hergestellt. Ich erläutere das im Folgenden:
1. Säule:
Haupt-, Real- und Gesamtschulen wurden zu Sekundarschulen. Die Sekundarschule bietet alle Abschlüsse inklusiv Abitur. Abitur aber nach 13 Jahren. Für Eltern, die ihre Kinder nicht durch´s G 8 peitschen wollen. Für Kinder, die mehr Zeit und mehr Unterstützung beim Lernen brauchen. Denn die Sekundarschulen sind allesamt Ganztagsschulen. Sie haben eine bessere Lehrerausstattung als Gymnasien, sie haben Sozialarbeiter, und sie haben die Möglichkeit früher Begegnung mit praktischem Lernen in Firmen und sozialen Einrichtungen als Teil des Unterrichts. Übrigens auch wunderbar für Kinder, die während der Schulzeit einem zeitintensiven Hobby nachgehen oder in der Pubertät auch einfach etwas lockerer leben wollen.
Eine spezielle Form der Sekundarschule sind die Gemeinschaftsschulen. Sie bieten gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 13. Klasse.
2. Säule:
Gymnasium mit Abitur nach 12 Jahren. Für die Kinder, die schnell und selbständig lernen und möglichst früh an die Uni wollen.
Soweit so gut. Jede/r wie er/sie will.
Und der Wille ist entscheidend. In Berlin können Eltern für ihre Kinder frei wählen, ob Sekundarschule oder Gymnasium; der Platz in der Schulform ist ihnen garantiert, völlig unabhängig von der Empfehlung der Grundschule und dem Notendurchschnitt des Kindes.
Übernachgefragte Schulen haben eine Losquote von 30 %, so dass eben gerade nicht nach Herkunft sortiert werden kann und zumindest anteilig soziale Mischung hergestellt wird. Jeder hat die gleiche Chance.
Niemand hätte geglaubt, der Zöllner diese Schulstrukturreform innerhalb von zwei Jahren konzipiert und umsetzt. Er hat es geschafft und die Unterstützung von Schulleiterverbänden, GEW, IHK, HWK, Unternehmerverbänden in vielen Gesprächen errungen. Politisch nicht nur die der Grünen, sondern selbstverständlich die des Koalitionspartners "Die Linke".
Wozu hat die Zöllnersche Schulstrukturreform geführt?
Es gab erstmals seit Jahrzehnten in diesem Schuljahr zurück gehende Anmeldezahlen an den Gymnasien. Ergo: Die Sekundarschule/ inklusiv Gemeinschaftsschule ist attraktiv.
Last not least für alle, die es nicht wissen: Wir haben in Berlin die 6jährige Grundschule.
Fazit: Bildungssenator Zöllner ist der gänzlich falsche Buhmann für die Anwürfe der Autorin. Im Gegenteil hat er das, was Frau Schumann fundamentalistisch fordert, in sehr viel klügerer Weise umgesetzt und mit der Schulstrukturreform in Berlin sein Meisterstück abgegeben.

claudia 13.06.2011 | 21:11

>>...auch für Alexandra und Maximillian aus dem Villenviertel.
Soweit die überhaupt eine öffentliche Schule besuchen. Reiche schicken ihre Kinder oft auf eine exklusive Privatschule.

---
Ich stelle auch das Prinzip infrage, dass Lernen auf einen bestimmten Lebensabschnitt beschränkt sein solle, nach dem man "ausgelernt" habe.
Schule, auch "Hochschule" kann ein Ort des lebenslangen Lernens sein, an den man immer wieder mal zurückkehrt.
Dann ist die "Bildungserstausstattung" weniger überfrachtet und wer dazu lernen will, tut das eben im Laufe eines Lebens immer wieder.

Nicht Wenige entscheiden sich dann wahrscheinlich, mit der abgespeckten Bildungserstausstattung erst mal zurechtzukommen, was sich aber in Verbindung mit einem soliden Grundeinkommen jederzeit ändern lässt.

Möglicherweise wäre dann auch die Neigung, sich z.B. mit einer gefälschten Dissertation ein Angeberzertifikat zu beschaffen, geringer ausgeprägt. ;-)

gweberbv 13.06.2011 | 21:28

@claudia

Gibt's das alles nicht schon seit Ewigkeiten? Erster, zweiter, dritter, vierter, etc. Bildungsweg? Muss natürlich in die Lebensplanung passen - wie alles andere auch, worin man seine Zeit/Ressourcen investiert.

"Nicht Wenige entscheiden sich dann wahrscheinlich, mit der abgespeckten Bildungserstausstattung erst mal zurechtzukommen..."

Noch weniger als ein schlechter Hauptschüler heute an Bildung hat? Geht das überhaupt?

"Möglicherweise wäre dann auch die Neigung, sich z.B. mit einer gefälschten Dissertation ein Angeberzertifikat zu beschaffen, geringer ausgeprägt."

Na, dafür würde es schon reichen, akademische Titel dort zu lassen, wo sie hingehören: in der Forschung. Erstaunlicherweise legt da aber kaum auf das "Herr/Frau Dr./Prof." wert.

ebertus 13.06.2011 | 21:37

Hallo @claudia,

ja, "das Prinzip infrage" zu stellen, stellt natürlich, wie @wwalkie weiter oben schreibt, ein Stück weit die Systemfrage. Lernt man lediglich um zu funktionieren, zu existieren wegen der (zumindest) nicht übergehbaren Grundbedürfnisse?

Als absolut freiwilliger Vorruheständler treibe ich mich in einigen kulturwissenschaftlichen Fachbereichen herum, allfällige Seminare, Workshops etc. eingeschlossen; bin da nicht mal in jedem Falle der Älteste. Der Vorteil jenseits gewisser und minimaler Basics, dem Formalen also ist die Freiheit, nur das näher an sich heran zu lassen, was persönliche Bereicherung verspricht. Der Existenzdruck, das Eingehen "falscher" Kompromisse, die subtile Instrumierbarkeit ist abwesend.

Aber ich fürchte, genau dieser Druck wird gebraucht, hält "das System" am Leben.

Bürger aus Berlin 13.06.2011 | 21:38

In Berlin ist das passiert:
Die Sekundarschule ist zunehmend attraktiver als das Gymnasium, denn es hat eine bessere Ausstattung und Abi nach 13 Jahren. Die Anmeldezahlen am Gymnasium gingen erstmals seit Jahrzehnten zurück.
Die freie Berlinweite Schulwahl mit der Losquote von 30% bei Schulen, die übernachgefragt sind (übernachgefragt sind Gymnasien wie Sekundarschulen) sichern, dass nicht Alexandra und Maximilian automatisch im Villenviertel bleiben können und vor allem, dass auch Ayse und Ali mit 10 Geschwistern einen Platz an der Villenviertelschule erhalten können (wenn nicht der Schulleiter von sich aus soziale Durchmischung anstrebt.)
Schulstrukturreform und Zugangsregelung in Berlin? Gern nachmachen ;-)

wwalkie 13.06.2011 | 22:03

Sie werden sich wundern, Bürger aus Berlin. Alexandra und Maximilian werden weiterhin automatisch im Villenviertel bleiben, genauso wie Ali mit seinen 10 (?) Geschwistern der einzige sein wird, der einen Platz im Villenviertel erhalten wird. "Bleiben" und "Erhalten", die Verben sagen schon alles. Dass die Sekundarschule, wie Sie schreiben, "zunehmend attraktiver" IST, bezweifel ich, es fehlen doch wohl noch die mittel- bis langfristigen Zahlen - und deren soziologischen Aufschlüsselung. Gingen die Anmeldezahlen am Gymnasium relativ oder absolut zurück? Wie sieht's mit den Privaten aus? Sie sind doch wohl nicht wirklich der Meinung, dass die Upper Class ihre Kinder dem Prekariat "vorwirft"? Ich habe den Eindruck, Sie nehmen ein Programm für die Wirklichkeit.

Darum noch einmal und immer wieder: die gesellschaftliche Reproduktion läuft über das Schulsystem, dieses zu verändern, braucht es ein anderes Gesellschaftssystem.

claudia 13.06.2011 | 22:08

@ebertus:
>>Lernt man lediglich um zu funktionieren,...
Ja, das ist die Frage. Menschen können was Besseres mit sich anfangen als Kapitalrenditen vermehren.

@rudi:
>>Die Frage ist doch, wie das andauernde Weiterbilden finanziert wird.
Gar so teuer sind gute Bildungseinrichtunngen nicht, wenn man bedenkt, was Offshorewindpark kostet...

@gweberv:
>>...Noch weniger als ein schlechter Hauptschüler heute an Bildung hat? Geht das überhaupt?
Die Hauptschule ist nichts Abgespecktes, der fehlen ein paar Rippen.

gweberbv 13.06.2011 | 22:44

"Die Frage ist doch, wie das andauernde Weiterbilden finanziert wird."

Lernen ist so ziemlich das günstigste aktive Hobby, das man haben kann.

Das "lebenslange Lernen" krankt meines Erachtens eher daran, dass sich manch einer es mit Anfang 50 nicht zutraut, in seinem Leben noch Excel oder Powerpoint zu erlernen (wurde mir lustigerwiese von einem Lehrer berichtet). Da ist der selbstverordnete Gehirntod offenbar schon eingetreten.

Aber die Erwachsenenfortbildung ist ja nicht das Thema dieses Artikels.

claudia 13.06.2011 | 23:05

Excel ist ein erkzeug, mit sich Rechenarbeit automatisieren lässt.
Powerpoint ist ein Programm, mit mangelnde gestalterische Phantasie durch vorgegebene Formen ersetzt werden kann.
Wenn sich die Neugier auf das gelegentliche Lernen einer Arbeitstechnik beschränkt, ist der geistige Exitus nicht abgewendet.

>>...Erwachsenenfortbildung...
Eben das stellte ich infrage: Erst Nürnberger Trichter und dann nur noch ein bisserl "Fortbildung" im Sinne technischen Funktionierens oder Lernen als einer der permanenten Lebensbereiche?

gweberbv 14.06.2011 | 00:24

"Wenn sich die Neugier auf das gelegentliche Lernen einer Arbeitstechnik beschränkt, ist der geistige Exitus nicht abgewendet."

Ich sehe das als Syptom an. Wer uffe Maloche vor solch marginalen Hürden kapituliert, dem traue ich auch im Privatbereich kein großen geistigen Neuerwerbungen mehr zu.

"Eben das stellte ich infrage: Erst Nürnberger Trichter und dann nur noch ein bisserl "Fortbildung" im Sinne technischen Funktionierens oder Lernen als einer der permanenten Lebensbereiche?"

Der Trichter am Anfang hat schon seine Berechtigung. Immerhin erwartet man vom Jungvolk, dass es sich nach Ende der ersten Ausbildungsphase in der Welt halbwegs orientieren und sich alsbald auch produktiv einbringen kann.

Wer danach noch Lust Laune hat, dem stehen alle Türen offen (zumindest in Ballungsgebieten). Wieviele Fremdsprachen wird man per VHS halbwegs erlernen können? 5 bis 10? Dann gibt es noch Abendschulen, Fernstudium, öffentliche Bibliotheken, etc. Im Internet sind inzwischen zahllose Vorlesungen und Lernmaterialien zugänglich. Was man sich nur wünschen kann.

Allein, die meisten Menschen sind mit ihrem geistigen Horizont, so wie er ist, einigermaßen zufrieden, haben sich darin eingerichtet, folgenden darüber hinaus noch ein paar Interessen und das wars dann eben. Ist ja auch ok so, oder?

ekba 14.06.2011 | 01:15

Das lässt sich doch noch optimieren.
Wenn man nur noch das beste Prozent der Schüler für den Besuch eines Gymnasium zulässt und die restlichen 99% in die Hauptschule schickt, dann verbessert sich die Durchschnittsleistung der Schüler des Gymnasiums und der Hauptschule gegenüber der jetzigen Situation, auch in Bayern. Und das wäre noch nicht einmal das Optimum.
Denken sie mal darüber nach!

ekba

zephyr 14.06.2011 | 11:31

Mir ist es mittlerweile vollkommen wurscht, ob das Schulsystem ein-, zwei-, oder dreigliedrig ist.

Die Entwertung der Abschlüsse wurde flächendeckend und zielstrebig selbstgemacht.
Nur ein Bruchteil aller Abiturienten plant ein Hochschulstudium.
Abiturienten besetzten Lehrstellen, die vormals Realschülern offenstanden, Realschüler besetzten Lehrstellen, die vormals Hauptschülern offenstanden.
Leidtragende sind Hauptschüler und Hauptschülerinnen.

Arbeitsplätze werden nicht durch Schulabschlüsse geschaffen.

Andreas Kemper 14.06.2011 | 15:12

Wo sehen Sie den Fortschritt. Die Hradil-Studie ergab für Schulen in Wiesbaden, dass je nach sozialer Herkunft extrem unterschiedliche Schulempfehlungen gegeben wurden: 80% der Schüler_innen mit hoher sozialer Herkunft erhielten bei einem Notendurchschnitt von 2,5 eine Gymnasialempfehlung, aber nur 30% aus unterer sozialer Herkunft mit dem selben Durchschnitt. Und das vor dem Hintergrund, dass Schüler_innen aus unteren Schichten sehr viel mehr leisten müssen, um dieselben Noten zu erreichen wie Akademikerkinder. "Leistung" ist nur eine Ideologie für die unteren Schichten. Den Privilegierten ist Leistung schnurzpiepegal, sie würden ihre Kinder um jeden Preis auf das geliebte Gymnasiums boxen.

claudia 14.06.2011 | 16:25

>>...hat Bayern die wirklich? die 'besten' schulen, meine ich?
Kommt darauf an, was man als "Bildungsziel" definieren möchte.
Wenn es darum geht, Arbeits/Konsumtionsroboter zu programmieren, dann ist Bayerns Schulwesen schon ziemlich produktiv...

Ausserdem hat sich die CSU jahrzehntelang über das Bildungswesen reproduziert.
Das Zweite scheint in der jüngeren Zeit allerdings nicht mehr ganz so rund zu laufen...

Nelly 14.06.2011 | 18:47

Leidtragende in diesem Sinne sind immer die mit den schlechtesten Abschlüssen, egal ob Abiturient mit Hauptschüler oder guter Gesamtschüler mit schlechtem Gesamtschüler verglichen werden.

Und, Sie haben recht: Arbeitsplätze kommen nicht durch Schulabschlüsse zustande. Das Pech der nicht so klugen und nicht so leistungsfähigen ist, daß "ihre" Arbeit durch Automatisierung, Computerisierung usw. weggefallen ist. Zeit, sich über Beschäftigungsperspektiven für diese Menschen Gedanken zu machen, anstatt gebetsmühlenartig zu wiederholen, daß das Bildungssystem es richten soll. Das beste Bildungssystem kann es nicht ändern, daß es ein breites Spektrum menschlicher Intelligenz u.a. Fertigkeiten gibt und daß es Menschen geben wird, die in diesem Spektrum eher auf der linken Seite angesiedelt sind. (Im Gegenteil, ein gutes Bildungssystem verbreitert die Verteilung).

gweberbv 15.06.2011 | 22:36

"Das beste Bildungssystem kann es nicht ändern, daß es ein breites Spektrum menschlicher Intelligenz u.a. Fertigkeiten gibt und daß es Menschen geben wird, die in diesem Spektrum eher auf der linken Seite angesiedelt sind."

Wieviel Prozent der Bevölkerung werden in unserem Schulsystem denn an den Rand ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit geführt? Ein paar Prozent? Höchstens!

Einen kenne ich inzwischen: Der Bruder meiner Freundin hat Hydrocephalus (führt zu einer Reihe von geistigen und körperlichen Behinderungen. Dass er Lesen und Schreiben gelernt hat, ist sicherlich eine Glanzleistung der Schule (und der Eltern).

Umgekehrt ist es ein Armutszeugnis, dass es "normale" Menschen gibt, die aufgrund von Verwahrlosung und Antriebslosigkeit als Analphabeten die Schule verlassen.

claudia 16.06.2011 | 15:06

>>Umgekehrt ist es ein Armutszeugnis, dass es "normale" Menschen gibt, die aufgrund von Verwahrlosung und Antriebslosigkeit als Analphabeten die Schule verlassen.
Es wird immer wieder mal gesagt, dass "Verwahrlosung und Antriebslosigkeit" in den vergangenen 30 Jahren stark zugenommen hätten. Man weiss aber nicht warum: Das ist halt einfach der Lauf der Dinge.

Falls diese Frage mal beantwortet werden könnte, wäre immer noch nicht gesagt, welche Lernziele wir bevorzugen:
Programmieren von zuverlässig funktionierenden Arbeits- und Konsumrobotern?

Oder das Erlernen souveränen Denkens, das nicht an Vorgaben von oben ausgerichtet ist, sondern z.B. eher unabhängige Logik nutzen kann?

gweberbv 16.06.2011 | 17:16

@Claudia

"Es wird immer wieder mal gesagt, dass "Verwahrlosung und Antriebslosigkeit" in den vergangenen 30 Jahren stark zugenommen hätten. Man weiss aber nicht warum: Das ist halt einfach der Lauf der Dinge."

Keine Ahnung, ob das vor 30 Jahren besser war. Entscheidend ist nur, dass ich sicher besser ginge, als es heute ist.

"Falls diese Frage mal beantwortet werden könnte, wäre immer noch nicht gesagt, welche Lernziele wir bevorzugen:"

Natürlich beides. Wer es nicht mal hinbekommt, zuverlässig zu arbeiten, dem ist auch nicht viel souveränes Denken zuzutrauen.