Lerne vögeln ohne zu prügeln

Bücher Andreas Merkel folgt verdutzt dem Starlektor Gary Fisketjon durch dessen Tipps und tastet nach Geschlechtsteil-Wörtern
Lerne vögeln ohne zu prügeln
Sinn- und Selbstsuche in New York

Foto: Spencer Platt/Getty Images

Neulich wurde der berühmte Star-lektor Gary Fisketjon (Jay McInerney, Richard Ford) beim Verlag Knopf gefeuert – wegen nicht weiter kommunizierter Verstöße gegen die Firmenetikette. Aus diesem Anlass schaute ich mir auf Youtube noch mal einen Lektoren-Workshop an, bei dem er ganz entspannt neben einer jüngeren Kollegin auf der Bühne saß und gleich eine ganze Handvoll Bücher empfahl. Allen voran Nitro Mountain von einem gewissen Lee Clay Johnson, von dem, wie Fisketjon sagte, er selbst noch nie etwas gehört hatte, bis er auf diesen „düstersten Roman“ gestoßen wäre, der ihm jemals untergekommen sei.

Das Buch habe ich mir dann sofort bestellt. Lee Clay Johnson ist ein unter Bluegrass-Musikern aufgewachsener Autor aus Nashville, Tennessee, der in Zeitungen wie Appalachian Heritage oder Mississippi Review veröffentlichte. Das klang so super „from the outside“, dass das bisher nur auf Englisch erschienene Nitro Mountain eigentlich nur eine dieser brutal guten Pinckney-Benedict- oder Denis-Johnson-Erzählungen über den Teil Amerikas sein konnte, der Trump wählt.

Leider entpuppt sich der Roman dann schnell als Übererfüllung allererwartbarster Erwartungen. Das Personal besteht aus Kleinstadtkriminellen, die in Bands Bass spielen, Alkoholiker sind, Drogen dealen, in Bars oder Hotels von Trinkgeld-Jobs und fiesen Chefs abhängig sind, bis sie in der verlorenen Weite Amerikas zu Tier- und Menschenquälern werden. Sogar Mord kommt in Frage, um dem perversen Schwein, mit dem sich die Ex eingelassen hat, den Garaus zu machen.

In Nitro Mountain ist es besser, in signalfarbenen Jagd-Klamotten rumzulaufen, morgens besoffen mit dem Pick-up den Bruce-Springsteen-Highway runterzurasen, auf der Flucht vor Unglück, Liebe, sich selbst und dem Bösen zu sein. Dem können immerhin noch ein paar komische Momente abgerungen werden: Jemand wird gefragt, warum er dauernd Hasen mit dem Rasenmäher überfährt, und er erhält die Antwort: „There’s life and shit all over the place out there.“

Wäre Gary Fisketjon immer noch im Amt, würde ich ihm als Gegenvorschlag gern die amerikanische Überarbeitung von Doris Anselms Hautfreundin empfehlen. Wahrscheinlich wäre Gary schon genervt von den zwei Untertiteln, erst Eine sexuelle Biografie, dann Roman. Man würde ihm in Ruhe erklären, dass einem dieses Spiel der ehemaligen Radioreporterin und Open-Mike-Gewinnerin Anselm mit dem Autofiktionshunger und Authentizitäts-Fetisch gerade gefällt – in einer Zeit, in der sich jeder auf Instagram ein sexy Leben zurechtfaked. Hautfreundin dagegen erzählt einfach nur erfrischend unverkrampft vom „sexual awakening“ einer ebenso forschen wie sensiblen Ich-Erzählerin, der auch postkoitale Judith-Hermann-Melancholie nicht fremd ist. Anders als in Nitro Mountain wird in diesen Storys noch gevögelt, ohne dass man sich dafür gleich besitzen oder verprügeln muss. Die Hautfreundin ertastet lieber vorsichtig das richtige Wort für dein Geschlechtsteil, probiert es mit Tantra oder postdigitalem Future-Sex und hat höchstens zweieinhalb Probleme.

Das halbe Problem sind die Titel der Binnen-Storys – Apfelringe, Die Glühbirne oder Report aus der Zukunft, das erinnert an brave Schüleraufsätze. Ein weiteres Problem sind die Männer, die, seziert vom Sinnesvermögen der Autorin („er riecht sauber, ein bisschen nach Staub, warm-säuerlich wie die Luft in der Kaffeeküche“), zwar angenehm literaturfern sind, dafür aber Paul, Herr Neumann oder nur IC heißen und so formidable Geschlechtsteile haben, dass es vielleicht auch ohne deren Träger geht. Woraus das letzte Problem der Hautfreundin resultiert: Mit Bolaños Literaturdetektiven fragt man sich irgendwann, ob es überhaupt einen Fall (oder „Konflikt“, wie Gary sagen würde) gibt.

Aber Gary hat natürlich längst seine Kartons gepackt (ab in die Hamptons, um selbst the Great American Novel zu schreiben), und so entgeht ihm mein letzter Tipp, bei dem es natürlich auch Probleme mit dem Titel gibt und der möglicherweise kein Fall im literaturdetektivischen Sinne ist.

Denn der New-York-Roman des polnischen Lyrikers Tadeusz Dąbrowski heißt auf Deutsch tatsächlich Eine Liebe in New York. Im Polnischen dagegen hochpoetisch Bezbronna kreska (so viel wie „verletzlicher, wehrloser Strich“). Eine Anspielung auf die Zeichnungen der Architektin Megan, in die sich der Ich-Erzähler während einer New-York-Lesereise verliebt, nachdem sie ihn in der Subway auf den Gedichtband angesprochen hat, den er mit sich rumträgt. Ebenso ephemer wie Megans Kunstprojekte bleibt ihre Liebe zum Poeten im hippen Künstlermilieu Brooklyns, wo sich jeder zwischen rauschenden Partys in Independent Bars und Blowjobs in beklemmend engen Wohnungen eher selber sucht. Übrig bleibt dann ein Autor, mit „wilder Neugier darauf, inwieweit die alte Schule der Kriminologie sich heute noch bewährt, wodurch sich der Täter vom Opfer unterscheidet, ob Spuren und Beweise wirklich existieren oder ob wir sie uns nur einbilden, wie ein Kind, das allein spielt und mehrere Rollen zugleich besetzen muss“.

„Who is this author?“, hätte Gary vielleicht gerufen, „he clearly is a case!“

Info

Nitro Mountain Lee Clay Johnson Penguin, 224 S., 16 $

Hautfreundin Eine sexuelle Biografie Doris Anselm Luchterhand, 256 S., 20 €

Eine Liebe in New York Tadeusz Dąbrowski Renate Schmidgall (Übers.), Schöffling, 14 S., 18 €

06:00 04.08.2019
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