Lernen für das Leben

Integration Minderjährige Flüchtlinge bekommen in der schwäbischen Provinz deutschen Alltag vermittelt
Sebastian Stoll | Ausgabe 20/2016

Vor ein paar Wochen hatte Samir ein seltsames Erlebnis mit einer Frau. Es war in einem vollen Zug, er konnte sich kaum bewegen, ging aber trotzdem rückwärts – und stieß mit einer Frau zusammen, die ihrerseits rückwärts ging. Rücken an Rücken mit einer Fremden, in der Öffentlichkeit, und dann sagte die Frau einfach: „Entschuldigung.“ Im Iran sei das undenkbar, erzählt Samir. „Wenn so etwas passiert, streiten sich die Leute.“

Samir ist ohne Eltern hier, ein „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“, wie es offiziell heißt. Seit rund einem Vierteljahr lebt der 16-Jährige in Deutschland. Junge Menschen wie er sind in den vergangenen Monaten in großer Zahl nach Deutschland gekommen, sie alle ohne Kenntnisse von Sprache und Kultur, woher denn auch? Und seit das passiert ist, was viele nur „nach Köln“ nennen, schlägt den jungen männlichen Flüchtlingen viel Misstrauen entgegen. Auch wenn Samir mit jenen Menschen, die in der Silvesternacht Frauen vergewaltigt und misshandelt haben, vielleicht nicht mehr gemein hat als dieselbe dunkle Haarfarbe.

Keine Aufforderung zum Flirt

Damit er lernt, wie Menschen in Deutschland in der Öffentlichkeit miteinander umgehen, kriegt Samir das Wissen darüber beigebracht: Er ist einer von 75 unbegleiteten Minderjährigen, die auf dem Gelände der „Waldhaus Jugendhilfe“ in Hildrizhausen bei Stuttgart zurzeit leben und lernen. Die meisten von ihnen sind Jungen, es gibt ein paar Mädchen. Schulen und Unterkünfte für junge Flüchtlinge werden derzeit viele eingerichtet, was auch dringend nötig ist: 60.000 sind nach Angaben des Bundesverbandes unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) derzeit im Land.

Es ist eine enorme Aufgabe. Eine ganze Kleinstadt an Jugendlichen ohne Eltern muss untergebracht, versorgt und beschult werden. Kommunen und Einrichtungen stehen vor der Frage: Wo anfangen bei jemandem, der nichts über ein Land und die Menschen weiß, die darin leben? Die Antwort hier im Waldhaus lautet: Wir machen alles gleichzeitig. Wir lehren die Sprache, wir bringen bei, wie man Bus fährt – und dass es keine Aufforderung zum Flirt ist, wenn einem eine Frau beim Gespräch in die Augen sieht. Ein spezielles Fach gibt es dafür nicht, es ist alles eines.

Und es gibt da viel zu tun: Sarah Hauser ist Koordinatorin der Jugendhilfe und mitverantwortlich für alles, was die Minderjährigen in ihrer Freizeit in dem weitläufigen Areal am Waldrand unternehmen – oder unterlassen. „Wir haben das oft, dass sich ein junger Mann über den Dreck in seinem Zimmer wundert, und dass niemand aufräumt. Ich erkläre ihm dann, dass in Deutschland Männer und Frauen gleichberechtigt sind.“ Oft drückt sie demjenigen gleich einen Besen in die Hand und muss lachen. Weil man merkt, dass es für ihn das erste Mal ist.

So oft Sarah Hauser maßregelt, eigentlich geht es immer nur um Kleinigkeiten: Jemand verlässt das Haus, ohne sich abzumelden. Ein anderer denkt daran, lässt aber die ganze Zeit das Licht an, wie es in vielen Ländern Afrikas auch üblich ist. Ein wenig seltsam kann es werden, wenn man mit Neuankömmlingen einen Spaziergang macht, um ihnen die Gegend zu zeigen: Einige von ihnen starren die ganze Zeit anderen Leuten hinterher, vor allem Frauen – was irgendwie auch verständlich ist, wenn man sich überlegt, dass es Menschen gibt, die in ihrem ganzen Leben noch keine unverhüllte Frau auf der Straße gesehen haben. „Starren geht natürlich nicht und wir besprechen das dann mit den Jugendlichen. Man muss aber sagen: Sie alle sind nicht bösartig, sondern wissen manchmal einfach bestimmte Dinge nicht.“

Vom Starren will Amir nichts wissen. Der 17 Jahre alte Junge hat von seinen Touren durch die Gegend ganz andere Dinge in Erinnerung behalten: „In Deutschland achten alle auf Regeln. Und die Autofahrer haben Respekt vor den Fußgängern.“ Das gehe sogar so weit, dass sie an einer roten Ampel halten würden. „Wenn man sich hier auf der Straße bewegt, fühlt man sich einfach sicher“, sagt Amir dann – und es ist klar: Jetzt redet er nicht mehr nur von Ampeln.

Viel erzählt der hagere Junge aus Afghanistan nicht von seinem Leben vor der Flucht. Kaum etwas dazu, was ihn bewogen hat, aus seinem Heimatland wegzugehen – nur, dass Krieg gewesen sei und er wegen der geschlossenen Schule keine Chance auf eine Ausbildung gehabt habe. Wo Worte nicht reichen, spricht ein Bild, das er gemalt hat: Zwei Fenster sind darauf zu sehen, Blumen auf den Vorhängen, Blumen auf den Fenstersimsen. Aus einem Spiegel gucken zwei Frauenaugen. „So sieht es bei uns zu Hause aus. Vielleicht steht meine Mutter ja gerade am Fenster.“

Man muss wissen, wo diese Jungen herkommen, um ihren Blick auf die Welt zu verstehen. Yousof Neisi weiß es, denn er ist selbst Flüchtling. Erst seit gut zwei Jahren lebt der Mann aus dem Iran in Deutschland – und unterrichtet doch schon Amir, Samir und fünf weitere Jungen, die heute in einem engen Klassenraum beisammen sitzen. Mädchen sind nicht dabei, das ist keine Absicht, aber nicht selten so. Dass einer wie Neisi hier gleich Lehrer wird, ist kein Zufall: Die Hälfte der Stellen wird mit Menschen besetzt, die aus denselben Kulturkreisen kommen wie die Flüchtlinge. „Ich kann den Jungen helfen und auch mir: Das Urteil, das Menschen einmal über sie fällen werden, wird auch eines über mich sein“.

Das gesellschaftliche Klima

Worum es in der Schule geht, ist schnell erzählt und doch kaum zu fassen: Es gibt hier vor allem Deutschstunden sowie simple Beschäftigung wie Malen oder Basteln – denn es geht nicht um Abschlüsse, sondern ums Ankommen. „Wenn wir einfach nur plaudern, dann platzen die Jugendlichen vor Wissbegierde. Sie wollen wissen, wie man Müll trennt, ob sie im Supermarkt immer eine neue Plastiktüte kaufen müssen oder auch eine alte mitbringen dürfen, oder wo man im Bus ein- und aussteigt.“ Was man beim Arzt sagt, wie man an Wörterbücher kommt – oder wie man es anstellt, wenn man mal ein Spiel von Bayern München oder Borussia Dortmund im Stadion sehen will.

Eine Weile hat man in der Jugendhilfe mit einen Unterrichtsprojekt experimentiert, das man „Gender Peace“ nannte. Eine Stunde in der Woche sollte es nur darum gehen, Missverständnisse zu vermeiden: Frauen nicht die Tasche über die Straße tragen, hieß es da, denn das könnten sie als Belästigung empfinden. Oder: Augenkontakt im Gespräch ist normal und bedeutet nicht, dass sich eine Frau für mehr interessiert als eben dieses Gespräch. „Gender Peace“ war streng, denn der Lehrer, der es unterrichtete, war es auch – er verlangte etwa, dass die Schüler aufstehen, wenn sie etwas zum Unterricht beitragen wollten. Wenn man fragt, was aus dem Experiment geworden ist, heißt es bei der Jugendhilfe schmallippig: „Von dem Mitarbeiter, der dies in der Form anbieten wollte, haben wir uns getrennt.“ Stattdessen sei das Thema nun ständiger Betreuungsinhalt.

Wie sehr solche Kurse Hierarchien begründen und festigen, das kann man auch in Bad Oldesloe sehen. In der schleswig-holsteinischen Stadt hat die Polizei gerade 80 minderjährige Flüchtlinge durch sogenannte Präventionskurse geschleust und ihnen erklärt, dass es falsch ist, Frauen gegenüber zudringlich zu werden. Zugleich räumte die Polizei dort aber ein, dass es mit jugendlichen Flüchtlingen ebenso viele oder wenige Probleme gibt wie mit deutschen Jugendlichen – und dass man sich allein aufgrund des gesellschaftlichen Klimas für die Kurse entschieden habe.

Es ist keine sonderlich steile These, zu behaupten, dass sich die Wahrnehmung der Flüchtlinge in den vergangenen Monaten verändert hat. Es genügt, einen Satz mit „seit Köln“ einzuleiten, und schon weiß jeder, worum es geht: um den rücksichtslosen, virilen Zuwanderer, der deutschen Frauen Gewalt antut – und den es unter vielen anderen vereinzelt auch geben mag. Die Frage, die sich für alle anderen stellt, ist aber: Wie viel an Sexualität ist eigentlich erlaubt für einen Flüchtling? Wieso darf man von unverschleierten Frauen in der Öffentlichkeit nicht ebenso erstaunt sein wie vom deutschen Straßenverkehr? Vorausgesetzt, man ist bereit zu lernen.

Zumal für eine gelingende Integration nicht nur die Flüchtlinge lernen müssen: „Nach Köln“ – für Amir bedeutet das „nach Herrenberg“. In der Kleinstadt in der Nähe der Jugendhilfe waren Anfang März zwei Mädchen mit Behinderung sexuell belästigt worden, von drei Unbekannten. Als Amir ein paar Tage später dort war, wurde er von der Polizei kontrolliert und soll nun eine Aussage zu dem Vorfall abgeben. „Vorher waren wir immer ohne Probleme in dem Schwimmbad. Jetzt gucken alle auf uns“, sagt Amir. „Unbekannte Täter“ – für manche heißt das eben einfach nur: „Flüchtling“.

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06:00 01.06.2016

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