Lernfähig

Köhlers Berliner Rede Was können wir vom ehemaligen IWF-Chef erwarten?

Hat er sich angestrengt? Immerhin sollte man doch anerkennen, wenn er seine Leistungen verbessert hat. Die Erwartungen an die bildungspolitische Rede des einstigen IWF-Direktors könnten kaum geringer sein. Deshalb sollten wir es positiv vermerken, dass Horst Köhler offenbar seine Hausaufgaben gemacht und den jüngsten OECD-Bericht sowie den nationalen Bildungsbericht gelesen hat - oder von seinen Referenten hat lesen lassen. Stilsicher hat er das Ambiente für seine "Berliner Rede" gewählt: Raus aus dem Adlon, rein in eine Neuköllner Hauptschule. Auch für den Aufschlag verdient er einen Pluspunkt: Nicht mit Pisa fängt er an, ja, nicht mal mit der niedrigen Akademikerquote, sondern damit, dass nur einer von 51 Schulabgängern einen Ausbildungsplatz bekommen hat. Der Autor hat das Thema verstanden, so scheint es. Das trifft nicht auf jeden Politiker zu.

Es war keine Ruck-Rede, werfen ihm manche Kommentatoren vor. Auch das gibt bei uns einen Plus-Punkt: Diente doch die Herzogsche Ruck-Rede vor zehn Jahren dazu, der neoliberalen Wende ein reformrhetorisches Mäntelchen zu verleihen, das muss ja nicht sein. Im Text scheint der eine oder andere Gedanke auf, der über wohlfeile Bildungsrhetorik hinausgeht: Köhler fordert den gemeinsamen Unterricht für behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler - Integration und positive Bewertung von Heterogenität, das geht in die richtige Richtung. Bildung ist ihm nicht nur Humanressource, sondern ein Recht jedes Einzelnen, sie dient nicht nur der Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Kapitals, sondern gehört untrennbar zur Demokratie.

Doch was folgt nun aus alledem? Seine Vorschläge, wie Migrantenkinder besser gefördert werden könnten sind von des Gedankens Blässe nicht berührt: verbindliche Sprachprüfungen im Kindergarten etwa. Also doch wieder nur Rausprüfen, Selektieren, Abschieben des Problems auf die Hilflosesten. Denn Köhler sagt nichts darüber, dass erst einmal Sprachförderung in den Kitas notwendig ist. Da müssten zunächst jedoch die Erzieherinnen und Erzieher besser qualifiziert werden, indem sie eine Hochschulausbildung bekommen und die Kindergartengruppen verkleinert werden. Seine Ratschläge an die Migranteneltern bewegen sich auf Stammtischniveau: Sie sollen gefälligst deutsch mit ihren Kindern sprechen, und wenn sie es nicht können, sollen sie es bitteschön lernen! Mit diesem Rat haben schon viele Kinderärzte und Erzieher Unheil angerichtet. Eltern, die nicht gut Deutsch sprechen, werden dann gegenüber ihren Kindern ganz verstummen oder mit ihnen in infinitivischen Zwei-Wort-Sätzen kommunizieren. Das gilt übrigens mittlerweile auch für manche Eltern deutscher Herkunft. Bildungsarmut vererbt sich unabhängig von der Ethnie. Also: lieber türkische Bilderbücher anschauen und Märchen hören als Teletubbies gucken.

Erst beschreibt Köhler ganz richtig die Symptome der Exklusion von Hauptschülern. Aber ein paar Absätze weiter behauptet er, der Weg zur Bildung stünde heute jedem gleichermaßen offen - "dem Hauptschüler genauso wie dem Abiturienten". Irgendwie scheint er selbst nicht ernst zu nehmen, was er sagt. Wie kann man die Phänomene der institutionellen Diskriminierung von Migrantenkindern, von "bildungsfernen Elternhäusern" erst beschreiben und hinterher kein einziges Wort darüber verlieren, dass, geschweige denn wie diese Institutionen verändert gehören? Die Catering-Firma an der Kepler-Oberschule, die engagierten Lehrer, und natürlich mal wieder, Sir Simon Rattle und Rhythm is it - so lobenswert und im Einzelfall auch hilfreich diese Initiativen sind - sie lösen nicht die Probleme der Segregation und Selektion. Ist es zu viel von Köhler verlangt, dass er nicht nur die Auslese beklagt, sondern auch Stellung nimmt zu den Lösungsvorschlägen, die längst auf dem Tisch liegen?

Am Schluss dann der Appell, dass mehr Geld für die Kleinkinderziehung nicht durch Umschichten innerhalb des Bildungsetats zu gewinnen sei. Sprachförderung, kostenloses Kindergartenjahr, mehr Verantwortung des Staates, wenn die Eltern ihre nicht richtig wahrnehmen, wie soll das alles gehen, wenn gleichzeitig der Staat kaputt gespart wird, weltweit übrigens auf Druck von Köhlers früherem Arbeitgeber, dem IWF? 1970 war der damalige (West-)Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers zurückgetreten, weil er nicht genug Geld für den Ausbau der Schulen bekam. Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder, meint Horst Köhler. Politiker, deren "lauwarmes Gesprudel", wie die Süddeutsche schreibt, ohne Konsequenzen bleibt, sind das gewiss nicht.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 29.09.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare