Les bons et les cons

Stimmungstief im "Roten Gürtel" In Aubervilliers kämpfen Frankreichs Kommunisten eine vorletzte Schlacht

Seit langem schon ist Jean-Marie Le Pen in die alten Arbeiterhochburgen Frankreichs eingedrungen - doch die Präsidentschaftswahlen machen die Krise komplett: Auch manche Nordafrikaner haben in dem mit knapp 60.000 Einwohnern kleinen und vergleichsweise noch ruhigen Pariser Vorort Aubervilliers den FN-Chef gewählt. "Wissen Sie, das ist äußerst frustrierend", sagt Eric Plée in die Stille seines Büros hinein. Die Angestellten haben draußen auf den Gängen schon das Licht ausgedreht. Es ist fünf Uhr am Nachmittag und Dienstschluss im roten Rathaus von Aubervilliers, gleich hinter dem Périphérique, der Stadtautobahn rund um Paris.
58 Jahre regieren die Kommunisten diese Gemeinde schon, seit der Befreiung von der deutschen Besatzung 1944 - und nun verlieren sie ausgerechnet gegen den rechtsextremen Front National und dessen Galionsfigur Jean-Marie Le Pen. "Ich habe hier seit zehn Jahren kein Plakat des FN gesehen, es gibt praktisch kein Parteimitglied in der Stadt", meint Eric Plée, Kommunist und Vizebürgermeister, "wir hingegen waren hundert, um den Wahlkampf zu organisieren und haben unsere eigenen Stimmen gerade einmal verzehnfacht."
1.140 Stimmen, um genau zu sein, gab es am 21. April für Robert Hue, den PCF-Kandidaten, in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl. Le Pen aber kam auf mehr als doppelt so viel und lag mit 19,4 Prozent an erster Stelle vor Jospin und Chirac. Der Sieg des FN-Chefs ist allerdings nichts wirklich Neues in Aubervilliers, das zum "roten Gürtel" um Paris zählt und mit Jack Ralite immer noch einen der historischen vier kommunistischen Minister von 1981 als Bürgermeister hat. Jenem Jahr, als Frankreichs Linke - Sozialististen, Kommunisten und Radikale - erstmals eine Regierung der V. Republik stellte.
Die kleine Statistik, die Plée nach der Wahl anfertigen ließ, zeigt es: Für Le Pen stimmten schon bei der Präsidentschaftswahl 1988 19,4 Prozent, 1995 waren es 20. Was nicht in der Statistik des Eric Plée steht, sind die Stimmen, die offenbar selbst manche Einwanderer aus Nordafrika dem Front National geben. Eine Angestellte der Stadt, die am Wahlsonntag ein Stimmlokal leitete, bestätigt diesen Eindruck. Die Maghrebiner hätten genug von manchen ihrer eigenen Leute, sagt sie.
"Les bons et les cons", so unterscheidet man in Aubervilliers "die Anständigen und die Idioten", die den Alltag in der Vorstadt vergällen und einem das Recht nehmen können, ein schönes Auto zu besitzen, weil sie vor der Haustüre ungeniert die Reifen zerstechen.
"Insécurité", hieß bekanntlich das Schlagwort dieser Wahlkampagne, das sich auf deutsch mit "Unsicherheit" übersetzen lässt und dabei nur wenig von dem meint, was der Franzose heute unter "der Unsicherheit" versteht. Im Rathaus zählt man auf: Kriminalität, die kleinen Delikte, die Störung der öffentlichen Ordnung - verschmutzte Straßen, unsichere Bahnhöfe, brennende Autoreifen und Papierkübel natürlich.
Le Pens Resultat vom 21. April hat die Bürger von Aubervilliers gespalten wie anderswo im Lande auch. Vier Männer stehen eine Woche nach dem ersten Wahlgang vor dem Supermarkt und gehen das Ergebnis durch: "Sie haben eine Politik gemacht, mit der sie die Unsicherheit geradezu gesät haben!" - "Ach was. Die "Unsicherheit" gibt es doch gar nicht. Chirac hat sie den Franzosen regelrecht an den Kopf geworfen ..." Das Meinungsbild kennt mindestens so viele Facetten wie der Begriff Insécurité und daran wird sich auch nach dem 5. Mai, dem zweiten Wahlgang, kaum etwas ändern.
Noch hat die Linke rechnerisch eine Mehrheit in Aubervilliers, doch seit die Wohnbevölkerung in den vergangenen Jahren abwanderte und die Zahl der Wähler von 28.000 auf 21.000 schrumpfte, müssen vor allem die Kommunisten rechnen. Zwei Drittel der Wähler habe man mittlerweile verloren, gesteht Ralites Stellvertreter im Rathaus. Dazu komme, dass die alten Rezepte, die dem Parti Communiste Jahrzehnte hindurch die Herrschaft in der Banlieue von Paris sicherten, lange schon von den rechten Stadtverwaltungen kopiert würden - Hilfen für die Mieter, Ferienreisen für die Kinder einkommensschwacher Familien, die kulturellen Angebote. "Und die Leute sind anspruchsvoll, sie fordern", seufzt Plée.
Am Bahnsteig der Métrostation Fort Aubervilliers steht spät an diesem Abend ein Betrunkener und erklärt den Wartenden, wie es weitergeht im französischen Präsidentschaftswahlkampf . "So oder so", ruft er und fährt mit seiner Hand rechts-links-rechts-links einen imaginären Slalomkurs, "am Ende macht Chirac das Rennen. Ihr könnt euch darauf verlassen ...!"

00:00 03.05.2002

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