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Alltag 2 Wie man Arbeitsplätze schafft

Als ich meinen ersten Elektrorasierer geschenkt bekam, sagte meine Mutter nur: "Hier steckst du ihn ein und hier drückst du drauf!" Und merkwürdigerweise lief er. Der Kartonverpackung lag damals ein kleines Faltblatt mit einer bildlichen Darstellung der Einzelteile bei. Mehr wäre dem deutschen Hersteller auch gar nicht möglich gewesen, denn die Wirtschaft boomte Ende der fünfziger Jahre und brauchte ihre Arbeitskräfte für den eigentlichen Wiederaufbau und nicht für die ausführliche gedruckte Erläuterung über das Herausnehmen und Einlegens eines Scherkopfes.

Heute aber ist der Arbeitsmarkt froh über jeden innovativen Einfall, der geeignet ist, Arbeitsplätze zu schaffen. Folgerichtig hat auch mein Rasiererhersteller gehandelt. Dem neuen Elektrorasierer liegt nicht nur ein lumpiges Faltblatt bei. Nein, ein ganzes Heft mit 66 Seiten. In 13 Sprachen! Vielleicht möchte ich am Morgen ja mal ein bisschen Finnisch lesen? Oder eine eventuell unklare deutsche Erläuterung durch den Vergleich mit der griechischen Übersetzung klären? Ein netter und nützlicher Service, der auch der Fremdsprachenschulung dient, wie jeder zugeben wird. Ein Service, der zudem Arbeitsplätze schafft. 66 Seiten statt eines Faltblattes, und das in Millionenauflage. Ein Segen für Drucker, Druckmaschinen, Papierfabriken, Spediteure.

Eine ähnliche innovative Idee hatte auch der Hersteller unseres neuen Kleinmixers. Obwohl ich dem Verkäufer ausdrücklich versicherte, das Gerät weder zerlegen noch nachbauen zu wollen, sondern damit nur zu mixen, erhielt ich dazu eine Farbbroschüre mit 112 Seiten, die zunächst alle Einzelteile des Gerätes samt Zubehör millimeterweise erklärt. Dann folgt ein Rezeptteil, für den offensichtlich die CMA Pate gestanden hat. Meiner Frau blieb beim Studium des Büchleins gar nichts anderes übrig als sofort zum Einkaufszettel zu greifen. In wenigen Tagen stand unsere Küche voll mit Obst und Gemüse. Wenn ich am Laptop sitze, trinke ich jetzt Gurken-Rote-Beete-Apfel-Kartoffelsaft und weiß, dass ich nicht nur 95 Jahre alt werde, sondern damit Arbeitsplätze schaffe. Ein erhebendes Gefühl!

Wie ärmlich und völlig unpassend wirkt da das Verhalten der Bundesagentur für Arbeit. Sie knallt ihren arbeitslosen Kunden für die Erfassung zu Hartz IV einen Fragebogen mit lächerlichen 16 Seiten hin, den jeder in fünf Minuten ausgefüllt hat. Und was dann? Herumsitzen und Rauchen? Kartenspielen und Trinken? Oder gleich Rauschgifthandel und Einbrüche? Hier ist sowohl die einmalige Chance verpasst worden, einerseits für die geistige Beschäftigung der Klientel etwas zu tun, andererseits für den Arbeitsmarkt. Es nützt nichts, den Menschen ständig von Arbeitsplätzen vorzuschwärmen. Man muss sie auch schaffen.

Anstelle eines lächerlichen 16-seitigen Fragebogens hätte man einen ordentlichen Ratgeber mit mindestens 256 Seiten, davon 160 in Farbe, herausgeben sollen. Und natürlich mindestens acht Ausgaben in den wichtigsten Fremdsprachen. Schließlich kann man von einem Ausländer nicht verlangen, dass er deutsches Beamtenkauderwelsch liest und sich damit seine mühsam erworbenen deutschen Sprachkenntnisse ruiniert. Angesichts der vielen Milliarden, die man jährlich durch sinnlose Ausbildungsmaßnahmen in den Sand setzt, wäre ein solcher Ratgeber gewiss die bessere Investition gewesen.

Man stelle sich einmal vor, wie viele hunderttausend Leser sich so intensiv in den spannenden Ratgeber eingelesen und dabei glatt vergessen hätten, den am Ende beigefügten Antrag auszufüllen! Ersparnis: Milliarden! Dazu die enorme Beschäftigungszunahme durch den Großauftrag. Aber soweit denkt ja bei den Arbeitsbeschaffern keiner. Und mich fragt leider auch niemand!


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00:00 19.11.2004

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