Lesen, Melden, Sprechen

Medien Kritik am öfffentlich-rechtlichen Rundfunk ist bei vielen schnell geäußert. Man sollte nur aufpassen, dass man die richtige Studie zur Hand hat
Nora Frerichmann | Ausgabe 39/2019 12
Lesen, Melden, Sprechen
Lasst uns streiten, kritisieren, fluchen, Mängel ankreiden. Aber lasst uns bei den Zahlen bleiben!

Foto: imago images/Future images

Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk rauszuhauen war vielleicht nie einfacher: vergleichsweise hoher Rundfunkbeitrag, zu viel Krimi und Talk, viel Geld für Sportrechte, seichte Unterhaltung in der Primetime, während rechercheintensive Dokus oft erst nachts laufen – als würden sie bei Kontakt mit Sonnenlicht zu Staub zerfallen. Ein Report des Oxforder Reuters Institute for the Study of Journalism zur Nutzung der Nachrichtenangebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Europa wirkte nun wie ein Brennglas, unter dem vor allem der Bezug zu den tatsächlichen Zahlen in Flammen aufging.

Da war zum einen die AfD, die die Ergebnisse nutzte, um sich daraus Behauptungen zurechtzubasteln, die zu den eigenen Forderungen passen. ARD und ZDF erreichten „lediglich eine Minderheit der Bevölkerung“, hieß es von Alexander Gauland (die Partei fordert schon lange, „die Zwangsfinanzierung“ der Öffentlich-Rechtlichen „umgehend abzuschaffen“). Doch selbst mit Brille und Krückstock lässt sich das nicht aus der Studie herauslesen. Laut Report erreichen die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland mit ihren Nachrichtenangeboten auf allen Plattformen 69 Prozent der Befragten. Die Zahlen könnten geiler sein – zumal ARD und ZDF sich in der Diskussion um ihre Legitimation gern auf Allgemeinheit und öffentliches Interesse berufen. Zwei Drittel sind zwar nicht „die Allgemeinheit“, aber eine Minderheit noch weniger.

Auch beim Tagesspiegel wurde mit dem Brennglas lieber rumgezündelt als genau hingeschaut. Dort vollbrachte der emeritierte Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl das Kunststück, die Ergebnisse zu interpretieren und dabei kaum eine Zahl als Beleg für seine Argumentation anzuführen. ARD und ZDF seien „den Forschern zufolge fest im links-grünen Lager des Publikums verankert“. Die Daten des Reports würden nahelegen, „dass ARD und ZDF mit ihren politischen Programmen die politische Spaltung in Deutschland eher vertiefen als überbrücken“. Ruß-Mohl stützt seine Spaltungsthese wahrscheinlich auf eine Grafik, die zwei Komponenten visualisiert: welche Nachrichtenangebote die Befragten eine Woche zuvor genutzt hatten und wo sie sich im politischen Spektrum verorten. Die Blase von ARD, ZDF und dem Deutschlandradio steht auf der linken Seite und kratzt gerade noch an der Mittelachse, die kleineren Blasen von RTL und ntv stehen rechts davon. Mal abgesehen davon, dass in dem ganzen Bericht kein einziges Mal das Wort „grün“ vorkommt: Schaut man sich die Zahlen genauer an, wirkt das Ganze nicht mehr so dramatisch. Ein Blick in den Report zeigt, dass die Nachrichtenangebote von Tagesschau und heute bei den 1.416 Menschen, die sich politisch in der Mitte einstuften, die gleiche Vertrauensbasis genossen wie bei den 215 Menschen, die sich als links einordneten (je 7,1 von 10 Punkten). Die vergleichsweise kleine Gruppe der 111 Menschen, die sich als rechts einstuften, gab nur 5 Vertrauenspunkte.

Leute, lasst uns streiten, kritisieren, fluchen. Mängel ankreiden. Aber lasst uns bei den Zahlen bleiben! Der Report zeigt etwa auch, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich schwertun, mit ihren Nachrichtenangeboten online neue Zielgruppen zu erreichen. Nur drei Prozent der Onlinenutzer werden hierzulande nicht ohnehin schon auf klassischem Weg erreicht. Zwar experimentiert das junge Angebot funk mit digitalen Formaten, aber was Nachrichten angeht, geht da noch mehr. Die Lupe verwenden wir verdammt noch mal als Vergrößerungsglas, nicht als Brandbeschleuniger.

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Transparenz-Hinweis: Die Autorin arbeitet unter anderem für den MDR

06:00 30.09.2019
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