Lesend gelebtes Leben

20. Jahrhundert „Jugend“ von Wolfgang Koeppen ist nun neu herausgegeben worden. Ein starkes Stück autobiografischer Literatur
Erhard Schütz | Ausgabe 29/2016 1

Seine Jugend von 1976 ist wieder da. Nach 40 Jahren, in der Werkausgabe, mit Kommentar versehen und – im Internet – ergänzt um viele Vorstufen, Varianten und Verworfenes. So lange war damals vom großen historischen Roman, an dem Wolfgang Koeppen arbeite, geraunt worden, dass man gar nichts mehr von ihm erwartete.

Nun also dieses schmale Bändchen, Teile daraus schon vorher erschienen. Aber was für ein Buch! Man erinnere sich: Das war eine autobiografisch dichte Situation damals – Thomas Bernhards Die Ursache. Eine Andeutung 1975, 1976 Christa Wolfs Kindheitsmuster, Bernhards Der Keller. Eine Entziehung, 1977 Canettis Die gerettete Zunge und Vespers Die Reise. Doch ist Koeppens Jugend ein besonderes Stück daraus geblieben, der darin konturierten Biografie, der Zeitumstände und vor allem der Gestalt, des unwiderstehlichen Sogs seiner Sprache wegen. „Meine Mutter fürchtete die Schlangen.“ Ein erster Satz, dem ein gewaltiger Mäander über drei Seiten folgt. In immer neuen Anläufen, zeitversetzt, perspektivisch verschoben, konturiert sich sodann das Leben eines, der unterwegs von sich sagt: „Ich war jung, aber ich war mir meiner Jugend nicht bewusst. In meiner Stadt war ich allein (...) Es war eher ein Leiden (...) Ich wollte ausgestoßen sein.“

Ins Labyrinth

Oder: „Ich hätte lernen können, wie das Leben ist. Ich lernte es nicht. Ich glaubte damals, aufzuwachen, aber die Wahrheit ist wohl, dass mein Schlaf sich in einem Traum verlor.“ Es ist die Geschichte eines Jungen, dessen Großmutter einer deklassierten adeligen Grundbesitzerfamilie entstammt, dessen Erzeuger Ophtalmologe und Ballonfahrer ist, der die Mutter aber nicht heiratet. Die lebt von dem, was sie nicht gelernt hat, nähen und putzen. Ein Unglück, an dem das Kind schuld ist. Schuld und Scham grundieren den gesamten Text. Mit zwölf kommt es in eine Kadettenanstalt. „In der beschlagenen Fensterscheibe des Krankenreviers sah ich mir als kahlgeschorener alter Sträfling entgegen. Ich war Zögling der vierten Kompanie der militärischen Knabenerziehungsanstalt. Ich war Deutschlands Zukunft.“ Kriegsende: „Ich hatte den Krieg gewonnen, aber es war ärgerlich, sich allein des Sieges zu freuen, wenn alle anderen beteuerten, etwas verloren zu haben: sie wussten nicht recht, was.“

In der Provinz erlebt der Knabe die Ausrufung der Republik. Nichts ändert sich. Unverstanden, ein Außenseiter. Lenz, ein älterer Freund, wird auf Geheiß der Gutsbesitzer von Kriegskameraden erschlagen und verscharrt, was Feme heißt. Der Erzählte liebt das Fräulein von Lössin, dessen Vater am Mord beteiligt war. Sie zieht einen Corpsstudenten vor. Darum verlässt er die Stadt, geht nach Berlin. Lebt dort als Bohemien, versucht vergeblich, Regisseur zu werden, will zur See zu fahren, spielt für einen windigen Hypnotiseur erfolgreich Jesus, heuert auf einem Dampfer nach Finnland an – und sieht all die kommenden Katastrophen voraus.

Wie kaum ein anderes Werk evoziert Jugend diese Jahre vom unberatenen Krieg in die ratlose Republik, die Stimmungen und Vorstellungen, die Sehnsüchte und Enttäuschungen. Unauflösbar verknüpft mit denen der Kindheit, Jugend und verweigerten Reife. „Ich sprach mit Macbeth im Bett (…)ich wanderte mit Hyperion über arkadische Höhen. Ich las die Gedichte des Mannes, der Benn hieß oder auch Becher. Ich schiffte mit den Flusspiraten piratenschiffs auf dem warmen lehmsuppigen Mississippi, und unter der Flusshaut trieben wie faule Baumstämme phosphorisierend die alten Leviathane des Buchs der Bücher. Auch Platon trat an mein Bett.“

Es ist zugleich die Geschichte eines leidenschaftlich Lesenden, nicht abzutrennen vom Gespinst aus literarischen Anspielungen, Assoziationen oder Anrufungen durch den Erzähler. „Ich amüsierte mich. Ich war der Ritter von der traurigen Gestalt. Das war lustig.“ Der über den Büchern heilsam verrückt gewordene Leser, der, indem er nie weiß, wo gerade er sich befindet, im Leben, in der Imagination, im Roman durchkommt – einen ganzen Roman lang.

Die Bücher zeigen hier weniger den Weg in die Welt, als dass sie ihn verstellten. Daraus ist grandiose Literatur entstanden. Wer sich ins Labyrinth verstricken will, der lese nach auf suhrkamp.de/jugend.

Info

Jugend (Werke 7) Wolfgang Koeppen Suhrkamp 2016, 191 S., 34,95 €

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06:00 03.08.2016