Letzte Ausfahrt Masnaa

Libanon Die Damaszener Elite hat sich in den Tross der Flüchtlinge eingereiht und sucht im Nachbarland Zuflucht vor den Wirren des Bürgerkrieges
| Ausgabe 37/2013
Ein Großteil der Mittelschicht hat Syrien bereits verlassen
Ein Großteil der Mittelschicht hat Syrien bereits verlassen

Foto: Anwar Amro/ AFP/ Getty Images

Wie eigentlich immer in den vergangenen Monaten herrschen auch zu Beginn dieser Woche am syrisch-libanesischen Grenzübergang in Masnaa Gedränge und hektische Betriebsamkeit. Ungewöhnlich ist es schon, wer im Augenblick auf der libanesischen Seite des Übergangs auf die Passkontrolle wartet – größtenteils äußerst wohlhabende Syrer, teilweise mit ihren Familien, wie man sie selbst im dritten Kriegsjahr hier noch nicht oft gesehen hat. Ihnen wird eine Vorzugsbehandlung zuteil, manche scheinen avisiert zu sein, sodass für diese Grenzgänger der Grenzübertritt um ein Vielfaches leichter sein kann als für die Massen, die sich hinten anstellen müssen. „Manche dürfen sogar den Fahrstreifen benutzen, der eigentlich nur für das Militär vorgesehen ist“, meint ein libanesischer Immigration-Officer und deutet auf die schnelle VIP-Passage, an der auf keiner Seite Fragen gestellt werden. Manches werde durch die Hisbollah arrangiert, die um eine helfende Hand für die honorigen Übersiedler nicht verlegen sei.

Damaskus war zuletzt voller Gerüchte, aber bei allen Spekulationen über das, was passieren könnte, habe man sich nichts mehr vormachen wollen und gewusst, diesmal würden die Feinde Syriens nicht bluffen, sondern zuschlagen, erzählt der Damaszener Geschäftsmann Salah Abur Rahman. „Meine Familie ist schon seit einigen Monaten im Libanon, jetzt wurde es auch für mich Zeit, ihr zu folgen.“ Von einem Geschäftsleben könne ohnehin keine Rede mehr sein. Und was davon übrig bleibe, wenn die Hauptstadt bombardiert und beschossen werde, das wisse nur Allah allein. „Es wird Schäden geben, die alles zusammenbrechen lassen, die Strom- und Wasserversorgung zuerst, so oder so. Ich will mir das Chaos gar nicht erst ausmalen, aber Allah ist immer mit den Standhaften ...“

Aber nicht für immer

Der Grenzübergang in Masnaa war seit Beginn der Unruhen in Syrien im März 2011 permanent geöffnet. Für die Damaszener, die Schutz im Libanon oder einem Drittland suchen, verbürgt diese Passage seither so etwas wie einen allerletzten Fluchtweg, der einem offensteht, wenn alles andere zu spät ist.

Ein Großteil der Mittelschicht hat Syriens Hauptstadt im Laufe der Zeit nach und nach verlassen, während der Krieg sich immer weiter ausbreitete. Nun sind es die Prominenten und Arrivierten, die nach den Koffern greifen. Ihre Flucht führt selten nach Beirut, sondern größtenteils in die schützenden Berge in der Umgebung. Nicht auf Dauer will man sich einrichten, sondern nur einen temporären Rückzug antreten. Abur Rahman, dem in Syrien ein Unternehmen für Finanzdienstleistungen gehört und der eng mit Rami Makhlouf zusammengearbeitet hat – einem Cousin ersten Grades von Präsident Baschar al-Assad –, lässt keinen Zweifel. Ja, er habe Damaskus für den Moment aufgegeben, aber nicht für immer. Er werde außer Landes bleiben, bis der Krieg auf die eine oder andere Weise beendet ist. „Sie werden die Flugfelder, die Autobahnen und die Staatsgebäude treffen. Sie können meinetwegen zerstören, was sie wollen. Es ist ohnehin nicht mehr viel von unserem Land übrig geblieben. Das ist die Realität. Aber deshalb aufgeben?“

Große Angst überall

In der Innenstadt von Damaskus hatte das Regime bis zuletzt versucht, einen Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten. Und es gelang ihm, für eine relative Sicherheit zu sorgen. Anders als in den verwüsteten Außenbezirken oder auf verödeten Marktplätzen blieben die Restaurants und Bars geöffnet. Es existierte noch immer eine Kultur der Kaffeehäuser. Doch gerade für diese Sicherheitsblase, in der fast alle wichtigen staatlichen Institutionen liegen, galt zuletzt ein Angriff als unvermeidbar. Wen sollten die Amerikaner treffen wollen, wenn nicht die Zitadelle des Regimes?

„Mein Onkel ist ranghoher Offizier“, berichtet Abur Rahman am Übergang in Masnaa. „Er gehört zu den Entscheidungsträgern. Doch die einzige Entscheidung, die er jetzt trifft – da bin ich mir ziemlich sicher –, wird die sein, sich vor den amerikanischen Angriffen irgendwo zu verstecken.“

Jeder habe sich zu Hause in Damaskus darauf eingestellt, dass eine neue Phase des Krieges über das Land hereinbreche. „Die Menschen horten an Lebensmitteln, was immer sie bekommen können. Sie haben die Fenster abgeklebt und sich Kerzen- und Wasservorräte für einen Luftkrieg angelegt, der länger dauert als ein paar Tage. Aber ich wollte das nicht über mich ergehen lassen und bin gegangen.“ Wie das soziale Leben in den zurückliegenden Monaten dem Krieg Tribut zollen musste, ist dem Umstand zu entnehmen, dass bis auf die Grundschulen viele Kindergärten und fast alle weiterführenden Schulen geschlossen wurden.

Der 24-jährige Computerspezialist Assad Ali erzählt, in manchen Damaszener Vierteln begrüße man den Angriff. Obwohl er persönlich mit der Armee und den Geheimdiensten keine Schwierigkeiten habe, finde er doch, dass der Krieg endlich ein Ende nehmen müsse. „Ich denke, die Amerikaner würden für die Freie Syrische Armee die gesamte Luftverteidigung und andere Stellungen der Regierungssoldaten ausschalten. Nichts, was danach käme, könnte schlimmer sein als das, was wir im Augenblick durchmachen. Alle, die das Regime unterstützen, haben gesagt, sie würden sich für Syrien und Assad opfern. Aber wenn die ersten Raketen einschlügen, würden sie das Weite suchen. Man hat zuletzt gespürt, dass alle große Angst hatten.“

Abdul Ziyad, ein Mann Mitte 50, der einen überladenen Renault über die Grenze hinein in den Libanon steuert, schaut traurig aus seinem Wagen. „Weil alle mit dem Schlimmsten rechneten, bin auch ich losgefahren. Wenn ich den Mut hätte, wäre ich in Damaskus geblieben. Aber ich ahne, es wird mehr als ein paar Tage dauern. Sie werden die gleichen Fehler wie im Irak oder in Libyen machen und zivile Ziele treffen, um dann zu schreien, es habe sich um bedauerliche Fehler gehandelt – wir Syrer aber werden zu Tausenden getötet.“

Martin Chulov ist langjähriger Libanon-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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