Ihr Austritt ist ein Weckruf

Linke Christa Luft steht wie wenige andere für die Geschichte der Linkspartei. Jetzt ist sie aus der Partei ausgetreten. Porträt einer Frau, die viel zu sagen hat – und zu wenig gehört wurde
Ihr Austritt ist ein Weckruf
Mit Stefan Heym und Gregor Gysi sorgte Christa Luft 1994 dafür, dass die PDS zum ersten Mal in Gruppenstärke in den Bundestag zog

Foto: Paul Lovis Wagner

Knapp 67 Jahre war sie mit dem Sozialismus in Parteiform verbunden. Jetzt aber, kurz vor Weihnachten, hat Christa Luft ein fünfseitiges Schreiben an den Bezirk Treptow-Köpenick des Landesverbandes ihrer Linkspartei sowie an deren Bundesgeschäftsstelle geschickt: Es begründet ihren Austritt. Mit Luft geht kein gewöhnliches Mitglied. Ihr Parteiaustritt weist weit über die eigene Person hinaus. Er ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Partei Die Linke sich in der wohl größten Krise ihres bisherigen Bestehens befindet.

Verbitterung ist es nicht, die aus den Zeilen spricht, eher Erschöpfung. Nach einem Leben im Dienste einer Parteienlinie – von der SED zur PDS und dann zur Linken – ist der Brief auch keine Abrechnung, vielmehr eine Analyse. Luft, die als Wirtschaftsministerin in der Modrow-Regierung 1990 die untergehende DDR zu retten versuchte (der Freitag 9/2020), hätte es sich leichter machen können. Doch das hätte nicht zu der kritischen Intellektuellen gepasst, die sie eben auch war. 1988, als sie zur Rektorin der Hochschule für Ökonomie wird, mahnt sie noch: Beschlüsse der Parteiführung sollten nicht nur im Nachhinein bejubelt werden, es brauche die Mitarbeit im Vorfeld.

Der Entschluss sei ihr nicht leichtgefallen, schreibt sie dieser Tage, Pressetermine nimmt die 84-Jährige wegen des Trubels um ihren Austritt nicht wahr. Reaktionen gerade auch jüngerer Parteimitglieder ist die Bestürzung anzumerken. Mit der Wirkung, die der Brief entfachte, hatte sie wohl selbst nicht gerechnet. Denn was sie in ihrem Schreiben beklagt, ist, dass die Partei auf den Rat der Älteren nicht mehr höre. Ohne Geschichte könne eine Partei auch keine Zukunft haben, kommentierte der Ältestenrat der Linken Lufts Entschluss. Vielleicht musste erst ein Stück Geschichte gehen, damit den Älteren nun doch zugehört wird.

Zwei Ereignisse sind es, mit denen Luft den Austritt begründet: zum einen der Einstieg der Linken in eine neuerliche Regierung mit SPD und Grünen in Berlin, zum anderen eine kürzliche Spendenaufforderung der Partei-Geschäftsstellen („Die LINKE braucht dich jetzt!“). Verglichen mit der Geschichte des Sozialismus wirkt das in seiner ganzen Tragik unspektakulär, ergibt aus ihrer Geschichte heraus aber durchaus Sinn.

Christa Luft war selbst jahrelang Direktkandidatin, saß von 1994 bis 2002 für Berlin-Lichtenberg/Friedrichshain im Bundestag. Mit Stefan Heym, Gregor Gysi und Manfred Müller sorgte sie 1994 dafür, dass die PDS erstmals in Gruppenstärke im Bundestag vertreten war, über jene Grundmandatsklausel, die sie 2021 gerettet hat. Politische Krisen und ein knapper Einzug sind Luft nicht fremd, auch nicht die Niederlage als solche. Was sie nun aber ins Zentrum rückt, das ist das Ausbleiben einer echten Analyse des „völlig missratenen“ Bundestagswahlkampfs im vergangenen Jahr. Solange keine Analyse zum Scheitern vorgelegt werde, verbiete sich ein Spendenaufruf.

Schwerer noch wiegt die Regierungsbeteiligung in Berlin: die Aufgabe des wichtigen Stadtentwicklungsressorts, das Ausbleiben von Kritik an der nun Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey, um des Mitmachens willen. Die Bevölkerung, schreibt Luft, werde dies und die Verschleppung des erfolgreichen Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ als Verrat empfinden. Luft weiß die Kräfteverhältnisse in Berlin einzuschätzen, legt den Finger in die offene Wunde.

Ihren Brief durchziehen das Thema Bodenspekulation und die Frage des Eigentums – ihr verstorbener Ehemann war Experte für die Bodenfrage. Was wie Vergangenes wirken mag, ist hochaktuell. Weshalb eine Ökonomin aus der DDR, die als Professorin lange Jahre wissenschaftlich tätig war, bevor sie von Hans Modrow in die Politik gerufen wurde, der Linken heute noch etwas zu sagen hat. Es ist, als hätten die Widersprüche des finanzialisierten Kapitalismus, der noch das letzte Fitzelchen Erde privatisiert und zum Spekulationsobjekt werden lässt, die Erkenntnisse des Staatssozialismus wieder an die Oberfläche gespült. Und mit ihnen eine Figur wie Christa Luft, die ausweislich ihrer Kolumnen im Neuen Deutschland eigentlich nie ganz weg war.

Doch die Linksfraktion, beklagt Luft, hat auf ihren Rat nicht hören wollen, mit der Begründung, mit dem Thema Bodenspekulation und Gemeineigentum im Westen nicht landen zu können. Eine weitere offene Wunde, nicht nur der deutsch-deutschen Geschichte, sondern auch der Geschichte der Linken. Die nachhaltige Entfremdung und die geteilten Erfahrungen in Ost und West sind nicht überwunden. Luft, die Wirtschaftsministerin wurde, als Hunderttausende ihre Arbeit verloren, und die sich gegen die politischen Eliten des Westens stellen musste, ist sowohl Produkt der DDR-Gesellschaft als auch historisches Subjekt in dieser. Beeindruckend ist dies nachzusehen in der Netflix-Dokumentation Rohwedder, in der Luft berichtet, wie sie um 15 Milliarden Mark und drei bis vier Jahre bat, für einen Umbau der DDR-Ökonomie, um deren teilweise Öffnung gegenüber der Marktwirtschaft vorzubereiten. Was aber kam, ist bekannt: die Abwicklung.

Wenn sie mahnt, es gebe „Aufbewahrenswertes“, dann ist das zum einen Selbsterhalt der eigenen Geschichte, aber auch schroffe Auseinandersetzung mit der Gegenwart. In dem Moment, in dem Corona-Leugner und die AfD den Osten dominieren, hat die politische Linke versagt. Luft steht mit ihrem Kurs für eine Partei, die den Osten nicht aufgibt, die im Grunde aber auch an der Lage verzweifelt.

Ob gewollt oder nicht, mit ihrem Austritt wird sie zum Symbolbild der nachholenden Beschäftigung mit der DDR. Christa Lufts Austritt ist ein Weckruf, dass sich die sozialistische Linke der Geschichte nicht verschließen kann, wenn sie sich erneuern will.

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