Letzte Ruhe

A-Z November ist der Monat des Totengedenkens. Da kann man Verblichene Revue passieren lassen und sich schon mal eine Inschrift für sich selbst ausdenken. Unser Wochenlexikon
Letzte Ruhe

Foto: Chris-Steele Perkins/Magnum Photos/Agentur Focus

A

Astronomie Zum Totengedenken lassen Hinterbliebene heute Sterne nach ihren Lieben benennen. Die Verbindung von Astronomie und Grabkultur (Türme) ist hingegen uralt. Schon in der Steinzeit bestimmte der Himmel auch die Grabanlagen. Viele der jungsteinzeitlichen Megalithgräber – auch Hünengräber genannt – sind auf astronomisch-kalendarische Ereignisse ausgerichtet.

So kann man im Hügelgrab Newgrange in Irland zur Wintersonnenwende einen magischen Moment erleben. Hockt man früh morgens am Ende des 20 Meter langen Ganges, ist die Begeisterung über das Licht immens, das die Sonne tief ins Grab schickt. Auch religiös Unmusikalische beschleicht das Gefühl, wie neugeboren zu sein. Bei anderen Ganggräbern vermuten Wissenschaftler eine Funktion als frühe Teleskope: Sie fokussieren auf eine bestimmte astronomische Konstellation. Ihre Dunkelheit erleichtert das Sehen, weil sie die Ablenkung durch andere Lichtquellen ausblendet. Tobias Prüwer

E

Ewigkeit Lächelnd liegt sie da, schon eine gefühlte Ewigkeit. Seit über 151 Jahren sind viele Generationen an der schlafenden Schönen auf dem Alten Friedhof in Freiburg-Herdern vorbeiflaniert oder haben sinnend vor ihrem steinernen Ruhebett verharrt. 16 Jahre alt war Caroline Walter, als sie an Tuberkulose erkrankte und starb. Vielleicht wäre sie eine Pionierin der höheren Mädchenbildung geworden, denn in der rechten Hand hält sie ein aufgeschlagenes Buch.

Um ihre Person ranken sich viele Legenden. Sie werden genährt von der Tatsache, dass ihr Grab seit eineinhalb Jahrhunderten jeden Tag mit frischen Blumen geschmückt wird, als sei sie ein Dornröschen, das eines Tages wieder wachgeküsst würde. Man erzählt sich, ihr Geliebter – war es der Hauslehrer? – habe ihren Tod einfach nicht verwinden können. Ulrike Baureithel

F

Facebook Mehr als 30 Millionen Tote sind auf Facebook. Alle drei Minuten stirbt allein in Deutschland ein Nutzer. Sein Profil aber existiert weiter. Sie sind also unter uns. Nicht nur im Totenmonat. Während der moderne Mensch den Tod immer weiter aus dem Alltag verdrängt, kehrt er über die Hintertür (ist das dann das Backend?) zurück. Unser Second Life wird immer lebensnäher.

In Deutschland ist jeder Zweite in mindestens einem sozialen Netzwerk aktiv. Je länger die digitale Welt existiert, desto mehr verschmelzen Online und Offline. Nutzer heiraten, ändern ihren Beziehungsstatus, bekommen Kinder, posten deren Fotos, und irgendwann kommt der Tag, an dem das Profil in den „Gedenkstatus“ wechselt. So nennt Facebook den Status der in diese Sphäre Überführten. Der Tod im Internet bedeutet, dass keine neuen Bilder mehr hochgeladen, keine Posts mehr abgesetzt werden können. Der Mensch wird zur Erinnerung. Das Schöne ist, hier verblasst sie nicht (Ewigkeit). Denn das Internet vergisst ja nicht. Das Internet kann nur löschen, wenn der Nachlasskontakt es so will. Marlene Brey

H

Hugenottenfriedhof heißt ein Lied von Wolf Biermann. Er meinte eigentlich den Dorotheenstädtischen Friedhof, über den er mit seiner Liebsten ging, um „Brecht sein Grab“ zu besuchen oder bei Hegel oder Hanns Eisler haltzumachen.

Bekannt ist der melancholische Refrain: „Dann freu’n wir uns und gehen weiter/ Und denken noch beim Küssegeben:/ Wie nah sind uns manche Tote, doch / Wie tot sind uns manche, die leben.“ Es herrscht immer Massenauflauf bei den Begräbnissen prominenter Leute. Christa Wolf, Otto Sander, Wolfgang Herrndorf liegen dort. Immer mehr Grabstellen sind zu besuchen, wenn ich mal wieder die Runde mache und mich trotzdem am Leben freue. Magda Geisler

L

Leben Friedhöfe sind Rückzugsorte. Auch für die Natur, die sonst in der rastlosen Stadt chancenlos ist. Alte, dicke Bäume, flächendeckender Efeu, Blumenbeete und eine Tierwelt, die in dieser Vielfalt (Nachhaltig) in der Großstadt verschwunden ist. Wenn im November alles grau und trist erscheint und dann die Sehnsucht ab Februar nach dem Frühling groß ist, zieht es mich auf einen Friedhof. Dort recken bereits die ersten Leberblümchen die Köpfe, Spechte klopfen um die Wette und Meisen tragen eifrig Nistmaterial in Bruthöhlen. Dann kann ich auch in die tot erscheinende Stadt zurück, denn das Leben ist zumindest auf dem Friedhof wieder erwacht. Diana Gevers

N

Nachhaltig Gibt es Alternativen zur klassischen Bestattung? Die Biologin Susanne Wiigh-Mäsak hat die sogenannte Promession entwickelt. Bei dieser Methode wird der Verstorbene in Stickstoff gebadet, bei – 196°C tiefgefroren und durch Schallwellen zerbröselt. Was übrig bleibt, kann in einer nachhaltigen Urne aus Kartoffelstärke begraben werden.

Eine Alternative ist die Resomation. Dabei wird der Leichnam in heiße Lauge gesteckt, dann unter Druck zersetzt. Zurück bleiben poröse Knochen, die zu Bio-Asche zermahlen werden. Irgendwie klingt das aber unangenehm nach Massenvernichtung und Breaking Bad. So oder so, beide Verfahren sind bisher in Deutschland verboten. Doch die Bestatter gehen mit dem Trend (Ewigkeit) und betreiben ihre Krematorien mit Ökostrom, bieten Särge und Urnen aus Holz, Rattan oder Pappe an, kaufen fair gehandelte Blumen und verzichten auf Chemiefasern und Kunststoffe. Madeleine Richter

R

Register Kann man den Tod digitalisieren? Niemals, denkt man reflexhaft. Das ist aber – wie so oft – nur ein Teil der Wahrheit. Besucht werden sie durchaus oft, die Gräber von Prominenten. Romy Schneider, Falco (Zentralfriedhof), Roger Willemsen. Die letzten Ruhestätten werden ihrer Bezeichnung nur zum Teil gerecht, denn der Besucherverkehr hält oft Jahrzehnte nach dem Ableben an – und wird manchmal zum Problem für Friedhöfe und Angehörige.

Nicht jeder Gräberpilger hat das Geld zum Reisen. Die Lösung bietet Klaus Nerger aus Wiesbaden – ganz unprätentiös. Auf seiner Seite knerger.de bietet er eine enorm umfangreiche Sammlung von Grabstätten an. Nach Name oder Ort gesucht, findet man Zigtausende von Gräbern mit Bildern und Biografien. Und so ist eine morbide digitale Reise vom Grab Julius Cäsars über Thomas Bernhard bis Gunter Sachs mit wenigen Klicks möglich. Die Digitalisierung hilft der Unsterblichkeit. Jan C. Behmann

T

Tal Das Tal der Könige kann man wohl nicht mehr lange besichtigen. Weil Ausdünstungen von Touristenleibern die Stätten gefährden, hat man sich für das Modell der Lascaux-Höhlen entschieden: Originalgetreue Replika (Register).

Für das Grab Tutanchamuns gibt es das schon, künstliche Stockflecken inklusive. Nicht in Tuts Grab, sondern bei Ramses dem Sechsten wurde ich einmal von einem Wärter bei einem Selfie ertappt. Absolutes Fotografierverbot! Er hatte schon das iPhone eines Kollegen und gestikulierte, dass er meins auch wollte. Ich bot ihm Geld an. „Nein“, bedeutete er mir. Ich blieb standhaft. Erst beim Herausgehen akzeptierte er meinen Schein. Der Kollege hat das gleiche bezahlt wie ich. Das hätte uns allerdings auch im simulierten Königsgrab passieren können, knipsen darf man da auch nicht. Mein Selfie war übrigens verwackelt. Mladen Gladić

Türme Gibt es eine schönere Religion als den Zoroastrismus? Das Reich des Lichtes und das Reich der Finsternis kämpfen gegeneinander und der Schauplatz ist unser Planet. Wenn das Gute gewonnen hat, ist der Kampf beendet. Feuer, Wasser, Luft und Erde sind heilig und dürfen nicht durch Leichname verschmutzt werden. Daher legen die Parsen in Mumbai ihre Toten in die Dachmas, die Türme des Schweigens, wo sie von Geiern gefressen werden sollen. Das war früher in einer halben Stunde erledigt, aber nun gibt es in Mumbai zu wenige Geier. Stattdessen werden die Leichen von Krähen zerhackt, die lassen gern mal einen Finger auf die umliegenden Dachterrassen der Wohlhabenden fallen. Deswegen entschied man sich, Erdbestattungen zuzulassen.

Ein Etappensieg für die Finsternis. Aber wenn am Ende das Gute gewinnt (Versprechen), werden auch die Geier wiederkommen. Ruth Herzberg

V

Versprechen Auf einem Kirchhof bei Rensow in Mecklenburg-Vorpommern. Abgeschiedener könnten die Kirche und der kleine Friedhof nicht sein. Ich schlendere zwischen den wenigen Gräbern herum. Menschen, die nur die DDR kannten oder beide Weltkriege erleben mussten, liegen hier (Hugenottenfriedhof). Jemand, jünger als ich, der letztes Jahr starb. Er lebte innerhalb meines Lebens.

Dann mehrere Eheleute. Auf einem Grabstein ist erst das Geburtsdatum der Witwe neben ihrem Namen eingraviert. Die 1926 Geborene lebt noch. Besucht sie das Grab regelmäßig? Frische Blumen deuten darauf hin. Hält sie Zwiesprache mit ihrem Mann? Und die Leerstelle? Ein geflüstertes Versprechen ... Marc Ottiker

W

Wittgenstein Die Wittgensteins waren problematische Naturen. Der Patriarch Karl hatte es als Stahlmagnat zu unermesslichem Reichtum gebracht, seine acht Kinder litten an seiner Übermacht und ihrer eigenen Hochbegabung. Über Ludwig, den Philosophen, heißt es, er habe als Architekt lediglich das Haus für seine Schwester geplant. Es gibt aber tatsächlich noch zwei weitere Entwürfe, die Familiengruft, einen sachlichen, doch repräsentativen Bau, und dann noch seinen eigenen Grabstein, der so flach in den Boden eingelassen ist, dass man ihn auf dem Friedhof in Cambridge fast nicht findet.

Als ich einmal auf dem Wiener Zentralfriedhof von der Gruft zum Grab Pauls, des manisch-depressiven Neffen, ging, vergaß ich ein wenig die Zeit und bemerkte schließlich, dass ich eingeschlossen wurde. Die von mir herbeigerufene Polizei, so sagte man mir, habe extra für die Fälle, in denen Menschen auf der Suche nach Paul Wittgensteins Grab ein wenig die Zeit vergessen, einen Zweitschlüssel. Tilman Ezra Mühlenberg

Z

Zentralfriedhof Es lebe der Zentralfriedhof, „Die Pforrer tanz’n mit die Huren, und Juden mit Araber, heit san olle wieder lustig, heit lebt ollas auf“.

Das 1974 von Ambros/Prokopetz verfasste Ständchen zum 100. Geburtstag des Wiener Zentralfriedhofs feiert die Gleichheit aller vor dem Tod in der 1874 in Simmering eröffneten „Totenstadt“, die dank einer verordneten Konfessionslosigkeit den Glaubensgemeinschaften eigene Abteilungen stellt und mit vielen Ehrengräbern aus allen Gesellschaftsschichten längst eine Touristenattraktion ist. Die Reminiszenz an die alte israelitische Abteilung, den efeuumrankten, vom Verfall gezeichneten jüdischen Grabstätten, der Hymne aufs Morbide und Makabre der Wiener, erinnert wohl an finstere Nazi-Zeiten, den endgültig untergegangenen Kosmopolitismus der einstiegen K-und-K-Monarchie. Helena Neumann

06:00 25.11.2018

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