Letzter Zufluchtsort Meer

Medientagebuch Was aus der Einöde der Negativität so alles rausfällt: die Leseprobe der "mare"

Letztens geschah es, dass mir (und wohl nicht allein) beim Durchblättern des Monatsorgans konkret eine Leseprobe der Zeitschrift mare entgegenkam - nach eigenen Angaben "eine Zeitschrift wie das Meer". Eigenartiges Print-Format eigentlich, eine Leseprobe. Sie erhebt den Anspruch, durch besonders Ausgewähltes das Ganze des Lesestoffs zu charakterisieren - und macht damit auf im Grunde noch vergleichsweise sympathische Weise Werbung dafür. Sie bietet die schöne Möglichkeit, über eine Zeitschrift zu schreiben, ohne eigens ein Exemplar in die Hand nehmen zu müssen.
Je kleiner allerdings der betrachtete Weltausschnitt, weiß die Erkenntnistheorie seit der frühen Antike, desto bedeutsamer wird es, den Kontext mit zu sehen, in dem dieser Ausschnitt steht. Kann es schnöder Zufall sein, dass das achtseitige Miniheft ausgerechnet in und aus der konkret daherkam? Schließlich muss es eigens jemand dort hineingelegt haben und Menschen haben bekanntlich Gründe für das, was sie tun. Es muss also auch Aufgabe sein, den Zusammenhang zu dem anderen anspruchsvollen Periodikum nicht aus dem Auge zu verlieren.
Die Leseprobe bringt, "zum ersten Mal in deutscher Sprache", die Kurzgeschichte Ein königlicher Sport von Jack London. Er beschreibt darin, wie es sich begab, dass er das Wellenreiten erlernte. Zunächst aber sitzt er noch am Strand und schaut in die "unvergängliche See". Wie das anscheinend mit dem Meer so üblich ist, ist er sich nicht zu blöd, sich dabei "zerbrechlich" und "klein", ja gar "mikroskopisch klein" zu fühlen, angesichts von "Wildheit, Gischt und Getöse" des Elements. Der Weg, der für London nun aus dieser Ausgeliefertheit herausführt - schließlich ist er "ein Mann, ein Mitglied der königlichen Spezies" - ist, sich mit den Wellen, dem "weißen Bataillon der unerschöpflichen Armee des Meeres", zu "messen".
Das aber tut der Wellenreiter und ist dabei "ein Mensch, aufrecht, in voller Statur". Er "reitet das Meer, welches tobt und brüllt und ihn nicht abzuwerfen vermag". Er hat den Brecher "herangeritten" an den Strand, denn er ist von der schon erwähnten Spezies ("Mann"), "welche die Dinge und Tiere bezwungen hat und nun über die Schöpfung befiehlt". (Ob die Frauen zu den Dingen oder den Tieren zu zählen sind, lässt die Geschichte offen.) Da kann auch der Autor nicht hintanstehen und hält nun, da er es versuchte, das Wellenreiten für einen eben "königlichen Sport".
Zwei Formen der Begegnung mit dem Meer also gibt es in der Welt von Jack London und damit für die mare, die sich, siehe die Prämisse oben, durch diese Geschichte repräsentiert wissen will: unterworfen oder unterwerfend. Auch in dem zweiten Text der Leseprobe geht es einerseits um die gewaltige Wucht der atlantischen Wellen, andererseits um den Leuchtturm La Jument, der "mit vier dicken Stahlseilen im Fels verankert" ist und ihnen so trotzt seit anno dazumal. Wandelt konkret auf dem "schmalen Grat" (Gremliza in jenem Heft) zwischen pro und contra, bleibt uns in mare jegliche dialektische Anstrengung erspart.
Londons Geschichte illustriert vielmehr unfreiwillig und bestechend in ihrer Kürze die Dialektik, die einmal die "der Aufklärung" genannt wurde. Dort brauchte es einige Leseanstrengung für den Gedanken, die Rückseite der fortschreitenden Naturbeherrschung sei nur wieder die umso blindere Naturverfallenheit. London versucht sich aus letzterer zu lösen, indem er die Natur zureitet; er kann ihr nur den Schrecken mit der Würde nehmen. Und sieht nicht, dass die Welle dann doch wieder am Strand endet, wo er sich vorher so klein gefühlt hat. (Auch bei Horkheimer und Adorno ist es übrigens der Meeresbezwinger Odysseus, der der Prototyp des männlichen, naturbeherrschenden Subjekts ist.)
Diesen Widerspruch nicht zwischen den Stühlen aushalten zu müssen, macht wohl die "entspannte, hochvergnügliche Lektüre" aus, die der mare-Herausgeber verspricht - ein "kultiviertes Erlebnis" ist sie, sorry, damit aber gerade nicht. Vielmehr bietet sie offenbar eine Erfahrung, die auf den schaurig-schönen Schauer nicht verzichten muss, der sowohl die gedankliche Selbstauslöschung als auch die herrschaftliche Selbstermächtigung im Verhältnis zur Natur begleitet. Auch konkret-Leser sollen nun nicht mehr immer denken müssen. Auch sie wollen mal aussteigen aus der Verstrickung, die mit der Sache auch das Denken über sie erfasst. Ihnen präsentiert sich mare als das Gegenstück zur anstrengenden Lektüre, das schon bereits äußerlich das opulente Hochglanzheft zur minimalen Sinnlichkeit der konkret-Erscheinung bildet. Das "unvergängliche Meer" ist der Zufluchtsort vor einer ja tatsächlich praktisch lustfreien Negativität des Denkens. Dies ist schon einer der klassischen Widersprüche: Ein mehr als legitimes Bedürfnis, das doch gleichwohl kaum unschuldig ist in seiner Untrennbarkeit von Macht und Unterwerfung, der es zu entkommen trachtete.
Seufz, das Meer, es ist hart, aber unschuldig. "Klar und rein" ist es, ungebrochen noch wie weniges andere durch die verqueren Zustände unserer traurigen Zeit. So wie auf der Titelseite der Leseprobe, und damit ist sie komplett, zwei als Meerjungfrauen verkleidete Sechsjährige. Sie stehen für die doppelte, die noch als Unschuld verkleidete Unschuld. Ist das jetzt doch wieder Dialektik?

00:00 22.03.2002

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