„Letztlich wollen alle den Frieden“

Mosambik Noch ist das Land stabil. Doch Gas-Konzerne krempeln die Wirtschaft um. Und im Norden wütet ein islamistischer Aufstand
„Letztlich wollen alle den Frieden“
Frelimo-Unterstützer auf der letzten Kundgebung vor der Wiederwahl

Foto: Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

Die Unterschrift unter einem Friedensvertrag wird im August in Maputo gefeiert, dann Mitte Oktober in dem südostafrikanischen Land eine Wahl abgehalten, die als Test für das bereits als „historisch“ bewertete Abkommen gilt. Wie der ausgefallen ist, darüber driften die Meinungen auseinander. Von der EU entsandte Beobachter kommen zum gleichen Schluss wie die US-Botschaft: Es hat „Regelwidrigkeiten“ gegeben. Die Afrikanische Union (AU) hingegen beurteilt das Votum als „friedlich“ und „geordnet“.

Auch Ungulani Ba Ka Khosa sieht das Ganze eher positiv. Der 62-Jährige ist der bedeutendste Schriftsteller Mosambiks. Sein erster Roman Ualalapi, der 1987 erschien, aber erst 30 Jahre später vom Portugiesischen ins Englische übersetzt wurde, gilt als eines der wichtigsten Bücher Afrikas. „Sicher, während des Wahlkampfs kam es zu Gewalt“, sagt Khosa. „Aber die Abstimmung selbst verlief reibungslos.“ Wie dem Ergebnis zu entnehmen ist, bleibt die sozialistisch geprägte Befreiungsfront Frelimo an der Macht, wie das seit der Unabhängigkeit von 1975 ununterbrochen der Fall ist. Parteipräsident Filipe Nyusi hat das höchste Staatsamt mit großem Vorsprung gewonnen.

Für die wichtigste Oppositionspartei allerdings, den Nationalen Widerstand (Renamo), handelt es sich wegen der Einschüchterung, die von der Regierungspartei ausgehe, um ein irreguläres Votum. Ungulani Ba Ka Khosa, sehr kritisch gegenüber der autoritär herrschenden Frelimo, meint dazu, ihre Niederlage könne die Opposition nicht auf andere abwälzen: „Die Renamo war noch nie so schwach und gespalten wie jetzt. Ein General des bewaffneten Flügels rief seine Anhänger sogar dazu auf, gegen den eigenen Parteipräsidenten zu stimmen, als der kandidierte.“

Ualalapi, Khosas historischer Roman, den er vor über drei Jahrzehnten beendete, ist Pflichtstoff an jeder Sekundarschule Mosambiks. „Es ist erstaunlich, die Schüler erkennen mich, sie umarmen mich, als wäre ich ein Fußballstar.“ Khosa spricht ruhig und schnörkellos. „Sie verstehen, dass dieses Buch zwar vom letzten vorkolonialen Herrscher handelt, aber eigentlich eine Metapher für die heutige Politik ist.“

Politiker lesen keine Bücher

Sowohl König Ngungunhane, der bis Ende des 19. Jahrhunderts der portugiesischen Kolonisierung widerstand, als auch die Frelimo, die 1975 die Souveränität erkämpfte, sind Ikonen der Landesgeschichte. In Khosas Fabel freilich drängt die tyrannische Seite der Helden in den Vordergrund, ein subversiver Twist.

Warum erhebt die Frelimo ein Buch zum Schulstoff, das gegen ihr autoritäres Regime anerzählt? „Politiker lesen ja keine Bücher, und falls doch, verstehen sie wohl keine Metaphern“, meint Khosa, der bis zur Veröffentlichung seines Erstlingswerks Geschichtslehrer an einem Gymnasium war. Zudem gelte die Freiheit der Meinungsäußerung, „zumindest für Leute wie mich, die nicht an die Macht drängen“.

Als Khosa volljährig ist, wird sein Land 1975 souveräne Republik. Kurz darauf entladen sich innere Konflikte, die zu einem Krieg zwischen der Frelimo und ihren Gegnern führen. Es gibt mehr als eine Million Tote. 1992, fünf Jahre nach Khosas Debütroman, einigen sich Frelimo und Renamo auf das erste Friedensabkommen: Mosambik erhält eine neue Verfassung, auf das Einparteiensystem folgt eine repräsentative Demokratie, wenigstens auf dem Papier, denn entfalten kann sich die Opposition kaum. Daraufhin sucht die Renamo ihr Heil in einer Rückkehr zur Gewalt.

Dann, kurz vor den Wahlen 2014, ein zweiter Friedensvertrag, der so wirkungslos bleibt wie das Agreement von 1992. Nun aber stürzt das Land in eine existenzielle Wirtschafts- und Schuldenkrise. Korrupte Frelimo-Minister haben auf dem Kapitalmarkt, unterstützt von Mitarbeitern der Schweizer Großbank Credit Suisse, Kredite von zwei Milliarden Schweizer Franken ausgehandelt, doch kommt das Geld nicht bei den Unternehmen an, für die es gedacht ist, sondern versickert zum Teil.

2016 schließlich der dritte Anlauf zum Frieden. Während sondiert wird, stirbt der langjährige Renamo-Chef Afonso Dhlakama. Nachfolger Ossufo Momade will den Kompromiss, wird aber von Teilen des bewaffneten Flügels nicht respektiert. Dann sorgt die Aussicht auf Verfassungsänderungen für den Durchbruch. Die Folge sind Gouverneurswahlen in zehn Provinzen, die dem Land föderalistischen Geist einhauchen sollen.

Eine dieser Provinzen ist Cabo Delgado, über 1.600 Kilometer nördlich von Maputo, an der Grenze zu Tansania, wo die Regierung bisher erfolglos angetreten ist, einen islamistischen Aufstand einzudämmen. Im Grunde ist es ein Ressourcenkonflikt, da in dieser Region diverse Edelmetalle geschürft werden, ohne dass die lokale Bevölkerung profitiert. Außerdem werden in Cabo Delgado demnächst riesige Erdgasvorkommen erschlossen. Die Konzerne Total und Exxon Mobil wollen Mosambik mit den größten in Afrika je getätigten Privatinvestitionen (45 Milliarden Euro) zu einem weltweit führenden Gasexporteur befördern. Wie die Frelimo, die noch mit dem nördlichen Aufruhr zu tun hat, dieses Megaprojekt zum Wohl eines extrem armen Landes nutzt, bleibt abzuwarten.

Hinsichtlich der Staatsfinanzen macht sich Ungulani Ba Ka Khosa wenig Sorgen – der IWF kontrolliere die Regierung sehr genau. Problematisch sei aber, dass wegen des Friedensabkommens der Konflikt im Norden nicht die nötige Aufmerksamkeit finde. Heißt das womöglich, dass Friedensbemühungen jetzt genauso scheitern wie schon zweimal zuvor? „Dass die Renamo Wahlresultate nicht anerkennt, hat eigentlich Tradition. Seit 27 Jahren ist das so“, sagt Khosa. Trotzdem erwarte er diesmal keinen erneuten Gewaltausbruch: „Letztlich wollen alle den Frieden. Die Renamo ist im Moment so sehr geschwächt und gespalten, dass sie sich ohnehin erst reorganisieren muss. Und dann wollen die Renamo-Kämpfer nach Hause und in den Genuss von zugesagten Vergünstigungen kommen.“

Markus Spörndli ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er lebt in Nairobi

06:00 07.11.2019
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