Leuchte, mein Turm, leuchte

Stadtkultur (2) Die Hamburger Elbphilharmonie, das Berliner Stadtschloss, und alle setzten auf den Bilbao-Effekt: Wie Großprojekte öffentlichen Raum und städtische Finanzen ruinieren

Selbst dem Hamburger Bürgermeister war nicht recht zum Feiern zumute: Beim Richtfest für die Elbphilharmonie am Freitag bekannte sich Ole von Beust öffentlich zu „gemischten Gefühlen“ angesichts der Kostenexplosion des Luxusvorhabens und der Proteste vor der Tür.

Seit Jahren sorgt das megalomane Prestigeprojekt für Schlagzeilen – inzwischen jedoch nicht mehr für schwärmerische, sondern für kritische. Anfang des Jahrtausends hatte ein Privatinvestor die Hansestadt beschwatzt: Hamburg sollte Weltklasse demonstrieren mit einem exquisiten, sensationellen Konzerthaus. Das die Stadt noch dazu keinen Cent kosten würde, sondern lediglich das Grundstück; ansonsten werde das neue städtische Wahrzeichen durch Spenden, ein Fünf-Sterne-Hotel und den Verkauf von Luxuswohnungen in der „Hafen-City“ finanziert.

Inzwischen schlägt das opulente „Geschenk“ bereits mit 323 Millionen Euro für die Hamburger Steuerzahler zu Buche, und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht in Sicht – ebenso wenig wie die Fertigstellung des ehrgeizigen Baus. Ein herber Schlag für die milliardenschwer verschuldete Stadt, die Kita-Gebühren anhebt und ihre Kunsthalle aus Kostengründen vorübergehend schließt.

Die Elbphilharmonie ist jedoch kein singulärer Skandal, das Debakel hat Methode. Weltweit stehen Städte in der Standortkonkurrenz, auch in Deutschland. Hamburg und Berlin haben sich bereits öffentlich bekriegt, unter anderem um den Standort des Musikkonzerns Universal. „Stadtmarketing“ ist längst ein kommunales Geschäftsfeld, in zahllosen Rankings werden Image und „weiche“ Standortfaktoren verglichen. Man konkurriert um Touristen ebenso wie um zahlungskräftige Bewohner und die Ansiedlung von Unternehmen, die insbesondere ihren hoch qualifizierten Mitarbeitern ein attraktives Umfeld bieten wollen.

Geschenkt ist noch zu teuer

Sowohl für Investoren als auch für Kommunalpolitiker ist deshalb der „Bilbao“-Effekt zum vermeintlichen Geheimtipp geworden: Mit Leuchtturmprojekten soll das Image der Städte aufgebrezelt werden, um im Metropolen-Wettbewerb mithalten zu können. Was das Opernhaus für Sydney oder der Guggenheim-Museumsbau für Bilbao ist, soll künftig die Elbphilharmonie für Hamburg sein, der neue Verkehrsknoten „Stuttgart 21“ oder auch der Schlossnachbau in Berlin.

Dabei werden allerdings Allianzen unterschiedlicher Interessen mit oft fatalen Konsequenzen geschmiedet: Die notorisch finanzklammen Kommunen brauchen Unternehmensansiedlungen und solvente Bürger, um ihre Steuereinnahmen aufzubessern, können die Leuchttürme aber nicht aus eigener Kraft stemmen. Investoren wiederum verfolgen ihre eigenen wirtschaftlichen Verwertungsinteressen. Beide treffen sich gern in so genannten PPPs: Public Private Partnerships. Kommunalpolitiker lassen sich nur zu gern von dem Versprechen blenden, spektakuläre Prestigebauten fast zum Nulltarif zu bekommen, und geben dafür bereitwillig die Kontrolle und die politische Verantwortung für die Stadtentwicklung aus der Hand. Immer öfter verschwimmen Zuständigkeiten, immer mehr angeblich gemeinnützige „Bürger“-Stiftungen, hinter denen handfeste Unternehmensinteressen stecken, bestimmen über die Gestaltung und Privatisierung des öffentlichen Raumes. Abenteuerliche Realisierungskonstrukte zwischen öffentlicher und privater Hand werden zur Regel.

Beispiel Elbphilharmonie: Nicht mal einen (bei solchen Projekten eigentlich üblichen) Architekturwettbewerb hat es gegeben. Stattdessen schleppte ein Privatinvestor eine Idee und ein Stararchitektenbüro an, lockte die Stadt mit spektakulären Entwürfen, die Stararchitekten Herzog Meuron übernahmen anschließend gar die Ausführungsplanung: So macht man den Bock zum Gärtner. Und längst ist es gängiges Prinzip, dass Baufirmen Billigstangebote abliefern, um den Zuschlag zu bekommen und hernach die Kosten in die Höhe zu treiben. Jeder Privateigentümer würde sofort Alarm schlagen, wenn sein Kapital auf diese Weise verschleudert würde. Geht es um Steuergelder, sind Kommunen, Architekten und Baufirmen bemerkenswert entspannt.

Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Verluste: All das kennt man zur Genüge aus der Finanz- und Bankenkrise. Neoliberale Deregulierung á la „Der Markt wird es richten“ hat bislang jedoch eher zur Hinrichtung geführt: sowohl des öffentlichen Raumes als auch der öffentlichen Finanzen.

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14:00 01.06.2010

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