Leute, habt Ihr nichts zu sagen?

Szenenwechsel Eine Gruppe junger Muslime, ein Ausstellungsprojekt in Berlin – und die bange Frage: Warum fällt den Kids nichts ein zum Thema Sport und Nationalsozialismus?

Bei einer Ansprache den ersten Satz zu finden ist nicht leicht. Alle schauen mich an und ich versuche den jungen Schauspielern zu erkären, was wir in den nächsten Tagen hier machen werden. Wir sind nicht auf einer Probebühne, sondern in einem leer stehenden Laden unter einem Hochhaus in Friedrichshain. Wir befinden uns am Platz der Vereinten Nationen und eröffnen nächste Woche mit einer kurzen Inszenierung das Ausstellungsprojekt "Gesicht zeigen!" zum Thema Sport und Nationalsozialismus, und ich frage die jungen Schauspieler, was sie sich darunter vorstellen können.

Viel kommt nicht zurück, ich frage die 14-jährige Aylin, ob sie in der Schule schon das Thema Nationalsozialismus hatten, sie verneint, ich bin ehrlich gesagt ein bischen überrascht. Unser Lehrer meinte, dass wir das Thema erst in der zehnten Klasse haben werden, sagt sie. Ich erzähle einfach weiter, von den jüdischen Sportlern, die damals einen Sportverein gegründet haben, weil sie in anderen Vereinen unerwünscht waren, und wie sie anfingen sich selber zu organisieren. Warum, hakt ein Jugendlicher nach, wurden sie gehasst? Ich versuche ihnen eine Szene aus dem Dokumentarfilm Watermarks von Yaron Zilberman zu beschreiben. Beim Fackellauf zur Olympiade 1936 in Berlin hat eine jüdische Schwimmerin aus Österreich den Hass der Masse so sehr zu spüren bekommen, dass sie das niemals vergessen konnte. In Watermarks schildert sie diese Erfahrung das erste Mal ihrer Enkelin.

Einige Sekunden lang wird es ruhig im Raum

Warum, nur weil sie Jüdin war, fragt Mehmet erneut. Ja, nur weil sie Jüdin war, sage ich. Einige Sekunden lang wird es ruhig im Raum.

Okay Leute, ich weiß, dass jetzt gerade in Palästina ein Krieg tobt, aber wir dürfen unsere Gefühle nicht durcheinander bringen lassen, nur weil wir Moslems sind. Auch mich machen die Bilder fertig, die ich sehe, auch mir kommen die Tränen, ich fühle mich auch hilflos, wenn ich die Bilder von toten Kindern sehe. Wir sollten wütend auf die Handvoll beschissener Politiker und auf die Handvoll Menschen sein, die radikal und unmenschlich denken – und die gibt es überall –, statt den Fehler zu begehen, einfach zu sagen: Scheiß Juden, ihr tötet Moslems. Bevor wir mit unserer Arbeit beginnen, muss das für jeden klar sein, bringt die Sachen bitte nicht durcheinander. Dass das schwer ist, weiß ich selbst am besten, denke ich innerlich, ich hoffe nur, dass sie etwas begriffen haben und ich merke, dass ich ganz schön verkrampft bin.

Warum wollt ihr Theater spielen, wenn ihr nichts zu sagen habt?

Ich will zurück zu dem Thema Sport und Nationalsozialismus. Ich frage sie erneut, was sie über diese Zeit wissen, aber es kommt einfach nicht viel. Kommt Leute, habt ihr nichts zu sagen, ihr seid länger zur Schule gegangen als ich, ich habe nicht mal einen verfickten Hauptschulabschluss, also erzählt mir was. Warum seid ihr hier, warum wollt ihr Theater spielen, wenn ihr nichts zu sagen habt? Langsam bin ich gereizt.

Ich frage sie, aus welchem Grund sie sich nicht für Politik interessieren. Sie sagen, es ist besser so, sonst gibt es am Ende noch Streit mit Freunden. Wenn wir über Politik reden, geht das nicht länger gut als eine Minute, genau nach einer Minute ist alles gesagt, sagt Mehmet. Wenn ich im Fernsehen die Nachrichten sehe, danach umschalte, ist auch bei mir alles umgeschaltet, alles weg, sagt der 16-jährige Stefan.

Das eigentliche Problem an der Situation war, dass die Jungendlichen vor mir saßen und innerlich dachten: Scheiß drauf, was damals mit den Juden passiert ist, das ist doch nicht unsere Geschichte, wir sehen, was heute ist – und heute bringen Juden muslimische Kinder um, scheiß auf die Vergangenheit, es geht um heute. Dass viele Jugendliche in Berlin so denken, weiß ich, weil ich das mitbekomme, weil ich viel zu oft höre, dass Hitler damals alles richtig gemacht hat, als er die vielen Juden umbringen ließ.

Ich frage mich, wie alles so weit kommen konnte. Wie kann es sein, dass viele Jugendliche so denken, auch deutsche Jugendliche.
Warum kriege ich das eigentlich ab, ich bin kein Sozialarbeiter, kein Lehrer, auch nicht ihr Bruder oder Vater, warum fühle ich mich für sie verantwortlich. Die Antwort lautet: Weil sie noch sehr jung sind und ich sie nicht aufgeben kann, ganz einfach.


Tamer Yigit, geb. 1974 in Berlin, ist Schauspieler und Regisseur. 2006 beteiligte er sich am Festival Beyond Belonging am Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU), wo er mittlerweile bereits drei Stücke inszeniert hat. Neue Räume entdecken, so beschreibt er seine künstlerische Vision. Dies versucht er auch bei seiner Arbeit mit Jugendlichen, die in einem schwierigen sozialen Umfeld leben. Für den Freitag schildert er in seiner wöchentlichen Kolumne Eindrücke aus seiner Welt und erzählt von ihren Menschen.

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17:50 11.02.2009

Ausgabe 39/2020

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